Review

Harrison Ford, der vermutlich selbst einen Einbauschrank heroisch verkörpern könnte, wird als Präsident auch mal selbst handgreiflich.
Doch bevor sich der heldenhafte Staatsmann zeigen darf, serviert uns Regisseur Wolfgang Petersen erstmal einen Actionopener, um das Publikum bei der Stange zu halten, was allerdings vordergründig für die Handlung wichtig sein soll. Denn hier wird gezeigt, wie eine US-Spezialeinheit den Rebellenführer General Ivan Radek (Jürgen Prochnow) in einem gewagten Manöver festnimmt, wobei es natürlich zu ein paar Schusswechseln kommt.
In Russland ist derweil der US-Präsident James Marshall (Harrison Ford) zu Gast, der direkt den Kurs seiner Regierung eigenmächtig ändert, als er die Flüchtlingslager dort gesehen hat. Denn irgendwie scheinen Hollywooddeutsche ja amerikanischer als die Amerikaner sein zu wollen und so steckt Wolfgang Petersen mit seiner Präsidentenverehrung hier selbst Kollege Emmerich in die Tasche, von dem man ja aus „Independence Day“ schon einiges gewohnt ist.

Auf dem Rückflug nach Hause übernimmt jedoch der Terrorist Ivan Korshunov (Gary Oldman) die Maschine, der Radek durch die Geiselnahme freipressen will. Die Sicherheitsleute bringen Marshall noch rechtzeitig zur Rettungskapsel, doch der Präsident bleibt an Bord und nimmt allein unbemerkt den Kampf gegen die Terroristen auf, um seine Familie zu retten…
An sich verlegt Petersen mit „Air Force One“ „Stirb langsam“ in luftige Höhen, aber der Film kommt weder an dieses Vorbild noch an ähnlich gelagerte Filme wie „Con Air“, „Einsame Entscheidung“ und „Passagier 57“ heran. Dies liegt zum einen an der Hauptfigur. Sicherlich kauft man Ford den heroischen Präsidenten ab, doch irgendwie fehlen dieser Figur sowohl das Charisma als auch die Ironie eines John McClane, da hilft auch eine handvoll lockerer Sprüche nichts. Zum anderen übertreibt Petersen es mit Patriotismus und Präsidentenverehrung, angefangen bei der Anfangsrede bis hin zu diversen Nebenfiguren, die sich für ihr Staatsoberhaupt opfern. Hatte ich erwähnt, dass alle Fieslinge Namen aus der Klischeemottenkiste haben, z.B. Ivan (natürlich unumgänglich), Boris oder Sergei?
Doch als gutes Popcornkino kann man „Air Force One“ doch noch konsumieren, denn die Story ist halbwegs spannend und recht kurzweilig umgesetzt. Am guten Ausgang der Geschichte hat man zwar keinen Zweifel, aber dennoch kann Petersen an einigen Stellen noch Spannung verbreiten (z.B. die Erzeugung von ein wenig Suspense, dadurch dass der Zuschauer den Verräter im Gegensatz zu den Figuren kennt). Zudem ist der Fiesling zwar etwas klischeehaft, aber durchaus charismatisch und kann mit ein paar fiesen Sprüchen punkten.

Auch im Bereich Action kann sich „Air Force One“ als gehobenes Unterhaltungskino qualifizieren, wobei vor allem die Schießereien eine echte Augenweide sind: Gut in Szene gesetzt und mit ordentlichem Munitionsverbrauch, da kommt Freude auf. Etwas schwächer sind die Flugszenen, da hier teilweise recht offensichtlich CGI-Effekte zum Einsatz kommen (z.B. auf dem Flughafen oder der Crash am Ende), was einigen Szenen den Reiz raubt. Dabei bewiesen ja bereits Jahre früher Filme wie „Cliffhanger“, dass man derartiges komplett handgemacht und sehr spektakulär in Szene setzen kann.
Harrison Ford ist als Held immer eine sichere Bank und dementsprechend verkörpert er den Präsi, der auch mal zupacken kann. Also routiniert, aber ohne den richtigen Dreh zu etwas wirklich Großem. Gary Oldman hingegen kann als Bösewicht voll punkten, Glenn Close als Vizepräsidentin ist ganz OK, während William H. Macy unterfordert durch den Film tollt. Hinzu kommt noch eine ordentliche Ladung Nebendarsteller auf gutem Popcornniveau und fertig ist der Blockbuster.

Zum Genreklassiker mangelt es „Air Force One“ sicher an ernstzunehmender Handlung und wirklich herausragender Action, aber dank gut inszenierter Schießereien, eines charismatischen Oldman und gebotener Kurzweil reicht es zu netter Unterhaltung.

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