Der Film mit dem witzigen Titel "Exitus Interruptus" ist nun der zweite Streifen von Andy Bethmann, den meine trüben Augen schauen durften, und zwar in der ab 18 freigegebenen "Director's Cut"-Version - es gibt auch eine "Exportfassung" mit expliziter Erotik, die für Bethmanns bisherige Zielgruppe interessanter sein dürfte. Bethmanns früherer Film "Rossa Venezia" hat mir wegen des poetischen und ansprechend vorgetragenen Tagebuchmonologs der Hauptfigur, der charismatischen Hauptdarstellerin Sabine Ironheart, der "gewissen" Szenen und der allgemeinen Fiesheit zugegebenermaßen deutlich besser gefallen.
Dabei kann "Exitus" mit zwei sehenswerten Hauptdarstellerinnen punkten, die ihre Sache auch wirklich gut durchziehen. Renee Pornero, die darstellerisch genau das macht(e), was ihr Name suggeriert, ist in der Hauptrolle als bisexuelle Frau mit dunkler Vergangenheit - sie hat ihren Vergewaltiger getötet und vergraben -, die jetzt laut Hüllentext in "psychischer Behandlung" ist :-) , gut aufgehoben und wirkt viel zarter und sensibler, als ihr derbes Pseudonym vermuten lässt. Ihre Partnerin Anja Gebel steht dem in nichts nach und beide ergeben ein nettes Gespann, das auch mal aneinander Hand anlegt, was recht geschmackvoll geraten ist. Die männliche Hauptrolle hat kurzerhand der Meister selbst übernommen - und er gestaltet sie in einem eigenartigen Stil, der nicht jedem zusagen dürfte. Seine hohe Stimme und sein leicht schmieriger Singsang beim Sprechen ist etwas gewöhnungs- bzw. diskussionsbedürftig. Zudem fällt auf, dass er sehr oft die Hand an den Brüsten der Hauptdarstellerinnen hat. Da es ja die besagte HC-Fassung gibt, fragt man sich doch, ob Bethmann da etwa auch selbst...
Aber gut, hier geht es ja um die andere Fassung. Jedoch beschleicht mich die Einschätzung, dass ohne Szenen expliziten Beisammenseins der Rest des Films nicht so recht trägt - hier bietet das Drehbuch zu wenig Inhalt und zu geringe psychologische Feinheit. Da sitzen die Damen gefesselt in einem Haus im Wald (das von innen viel größer wirkt als von außen) und werden dauernd von Herrn Bertucci als irrem Psychomaskenclown und seiner dahingegangenen Verwandtschaft behelligt, die er Norman-Bates-mäßig zu sich sprechen hört und an den splitternackt dahinvegetierenden Mädels zu rächen glaubt. Das Augenmerk liegt hier nicht auf physischer Gewalt, sondern auf psychischer Grausamkeit, aber dazu braucht es dann schon eine intensivere Schauspielerei, als sie Andreas Bethmann mit seiner etwas klischeehaften Psychopathie-Vorstellung bietet. Immerhin bemüht sich der Film mit Symbolen wie stacheldrahtverschnürten Puttenengeln und maßvoll eingesetzter Farbfilterei um Atmosphäre. Leider schadet die kalte und sterile Bildqualität (offensichtlich wurde digitale Videotechnik verwendet) der potentiellen Wirkung des Streifens. In manchen Szenen, z. B. beim Dreh in einer Toilettenanlage, macht sich das besonders bemerkbar. Man hätte hier vielleicht etwas mehr tricksen sollen, um das Bild ein bisschen "filmischer" zu gestalten, so fühlt man sich stellenweise wie in einer TV-Dokumentation. Es gibt leider noch etwas, was gar nicht akzeptabel ist, und zwar das Hip-Hop-Gelalle. Da hätte man lieber Musik im eigentlichen Sinne des Wortes nehmen sollen. Man hört auch Techno, was auch nicht viel besser ist.
Insgesamt scheinen die Probleme des Films, anders als bei "Rossa Venezia", gegenüber seinen Vorzügen mehr ins Gewicht zu fallen. Wenn Bethmann ohne explizite Szenen überzeugen will, dann muss mehr Arbeit in Drehbuch und (männliche) Darsteller investiert werden. Lassen wir uns überraschen, was da noch kommen wird.
Sehr schade übrigens, dass die DVD kein anamorph codiertes Bild hat.