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Die 52jährige Bewährungshelferin und der 16jährige straffällige Jugendliche. Noch stehen sie sich ganz alltäglich, in der Rolle der „Aufpasserin“ und des „schwarzen Schafs“ gegenüber. Doch in den Augen von Jan (Kostja Ullmann) funkelt bereits ein Gedanke, ein Gefühl über die bloße Neugierde hinaus mit dem er Elsa (Maren Kroymann) ebenso herausfordernd wie schüchtern mustert.

Die Regisseurin Angelina Maccarone lässt ihren beiden Protagonisten jedoch noch viel Zeit, sich im Rahmen der geduldig, aber stetig erzählten Geschichte zu entfalten bevor sie zu dem Punkt kommt, der in Fachzeitschriften und auf Festivals für Aufsehen sorgte: Die sich zögerlich entwickelnde sadomasochistische Beziehung zwischen der Bewährungshelferin und ihrem Schutzbefohlenen. Dieses vermeintlich kontroverse Element rückt im Film jedoch nie in den Vordergrund, dient nie der Provokation oder dem Effekt. Es ist nur eine Steigerung der Art und Weise, in der Maccarone von Beginn des Films an das System und die Erscheinungsformen menschlicher Beziehungen untersucht. Nicht zuletzt dank der unbeschreiblichen darstellerischen Gratwanderungen, die Maren Kroymann und Kostja Ullmann („Sommersturm“) liefern gelingt ihr dabei ein Höchstmaß an Authentizität das selbst zahlreiche andere Regisseure des jungen deutschen Films wie Christoph Hochhäusler („Falscher Bekenner“) trotz offenkundigen Talents bislang nicht erreicht haben. Die präzise aber dennoch unverkrampfte und nur stellenweise den entsprechenden dramaturgischen Konventionen verpflichtete Zeichnung der beiden Protagonisten Elsa und Jan sowie ihres Umfelds macht „Verfolgt“ zu einem ungemein intensiven Drama das es nicht nötig hat, in selbstzweckhafter Kopflastigkeit, Depression oder Effekthascherei zu versinken.

Schon bei ihren ersten Begegnungen macht Jan deutlich, das er Zuneigung zu Elsa empfindet. Während sie ihre Irritation durch aufgesetzte Strenge zu überspielen versucht geht Jan von verlegenen Annäherungen und Verfolgung von Elsa zunehmend in die Offensive und zwingt die ältere Frau schließlich dazu, eine Entscheidung zu treffen und sein offenkundiges, aber unvermittelt geäußertes Angebot, sich ihr sexuell zu unterwerfen, oder wie er sich ausdrückt „Sachen mit ihm zu machen“, anzunehmen.

„Verfolgt“ ist Schauspielerkino. Es fällt in der Tat schwer, sich eine trefflichere Besetzung vorzustellen denn nicht nur Kroymann und Ullmann gehen bis an die Grenzen, auch die übrige Besetzung ist offensichtlich mit vollem Engagement bei der Sache und bezeugt die mutmaßlich enge Kommunikation Angelina Maccarones mit den Darstellern und ihrem Ehrgeiz, den Figuren soviel Leben wie nur möglich einzuhauchen und die Handlung soweit wie nötig auf sie zu reduzieren was sich auch in der brillanten, hart kontrastierten s/w-Photographie äußert die der Konzentration des Zuschauers auf die Menschen an sich zusätzlich förderlich ist. „Verfolgt“ ist der Bestfall einer Überzeugungstat die sich selbst durch geringstes Budget (350.000 Euro), begrenzte Drehzeit und geringstem Eigenverdienst der Beteiligten davon hat abbringen lassen, großes Kino zu werden das mit minimalem Aufwand ein maximales Ergebnis erzielt.

Wie auch bei zahlreichen thematisch verwandten Filmen misst das Drehbuch der Momentaufnahme mehr Bedeutung bei als der dem Erzählfluss untergeordneten Szene. Dennoch ist „Verfolgt“ bei aller Ruhe und Ausführlichkeit zügig und geradlinig erzählt, beinahe so als fürchte die Regisseurin das Sprünge zu weiteren Erzählebenen vom wesentlichen, nämlich der persönlichen Entwicklung ihrer Charaktere, ablenken könnte. Das ist in diesem Fall jedoch keineswegs ein Kritikpunkt sondern führt zu einem faszinierenden Spagat: Einerseits bedient sich der Film des konventionellen Drei-Akt-Schemas, andererseits erinnert er aber auch an eben jene Autorenfilme die sich bewusst von jenem Baugerüst abwenden, leider nicht selten mit profanen Hintergedanken.

„Verfolgt“ wird über weite Strecken durch seine Bilder erzählt und das ist gut so. Wenn das Drehbuch nämlich plötzlich versucht, das Innenleben von Elsa und Jan direkt ins Wort umzusetzen erlebt der Film seine wenigen peinlichen Momente in denen man sich an das deutsche Independent-Kino der 70ziger und seinen stilisierten Realismus erinnert, der oftmals den Verlust der Authentizität zu verschulden hatte (Ohne den Filmen von Fassbinder, Kluge und Wenders ihre Qualität absprechen zu wollen). Ansonsten ist „Verfolgt“ allerdings ein beeindruckend glaubwürdiger Film, voll von jenen großartigen Momenten in denen Blicke, Worte und Gesten mehr sagen als tausend Wörter und der Tonfall der knappen Sätze schwerer wiegt als das eigentlich Gesagte.

Jans durchdringende und fragende Blicke, denen Elsa nicht standhalten kann. Ihr eigenes kühles und formelles Auftreten das hinter den heimischen Wohnungstüren Verwirrung und Verletzlichkeit Platz macht. Die verstohlene Geste, mit der Jan immer wieder Elsa beim Verlassen eines Raumes oder im Vorübergehen streift.Als Elsa zu ihrem Ärger entdeckt, das Jan sie durch ihr Schlafzimmerfenster beobachtet, gibt sie sich demonstrativ vor offenen Läden ihrem Mann hin um sich Jan gegenüber endgültig als Tabuzone zu erklären. Der zeigt sich jedoch unbeeindruckt und rückt kurz darauf mit seinem Angebot heraus, auf der Zuschauer nur wartet. Bereits zuvor hat sein devotes Verhalten wenig Zweifel über seine masochistischen Neigungen gelassen doch nun bietet er Elsa gerade heraus an: „Sie wollen doch Sachen mit mir machen! Hier bin ich, sie können mich haben.“ Auch in den Sequenzen auf die sicherlich manche Zuschauer mit Schaum vor dem Mund warten werden, bewahrt sich Maccarone ebenso wie ihre Darsteller die Balance zwischen vollkommener Offenheit und eleganter Zurückhaltung- Zu keinem Moment wirken die Szenen, in denen Elsa Jan auspeitscht, zu Boden drückt und sich dabei selbst befriedigt auch nur ansatzweise voyeuristisch oder gar reißerisch. Die Regisseurin hat ihr erklärtes Ziel erreicht: Nicht die körperliche Nacktheit soll in diesen Momenten zutage treten sondern die seelische. Nach dem Akt (der allerdings nie im Geschlechtsverkehr mündet) liegen sich Elsa und Jan in den Armen und sowohl ihre nüchterne, sachliche Fassade als auch sein cooles Teenager-Gehabe sind dahin, es ist weniger der Körper als vielmehr das Innenleben das man einander wortlos preisgibt, in dem man „umhergeht“ wie Elsa es ihrem Mann gegenüber formuliert als er sie zur Rede stellt. „So cool bist du also“ sagt Elsa zu Jan, als er vor ihr auf dem Boden kniet.

Obwohl der Focus immer auf den Beiden liegt bleibt dem Drehbuch noch ausreichend Raum, um in das jeweilige Milieu der berufstätigen Frau und des vermeintlich auf dem Weg zur Besserung befindlichen Jugendlichen. Wir erleben auf Szenen zwischen Elsa und ihrem Ehemann, zwischen Jan und seinen Mitbewohnern in der WG die wie er auf Bewährung sind. Und es ist einmal mehr erstaunlich wie Maccarone und ihre Drehbuchautorin Susanne Billig beinahe alle möglichen Klischee-Fallen umgehen und immer wieder Sequenzen finden, die das jeweilige Milieu treffend repräsentieren ohne ausgetreten zu wirken. Über einen Abschnitt gegen Ende, als Jan von seinen Mitbewohnern (unter ihnen ein Mädchen, das Jan abblitzen ließ) verprügelt und als „Kranker Schleimer“ beschimpft wird lässt sich zwar streiten doch zumindest erscheint sie nicht unwahrscheinlich, den Darstellern und teilweise improvisierten Dialogen sei dank. Einziger Makel ist Kostja Ullmanns maskuline Stimme die seinem Alter (22) entspricht und im Gegensatz zu seinen jugendlichen Zügen und seiner zierlichen Statur nicht so recht zu einem stimmbrüchigen 16jährigen passen will.

Am Ende sitzt Elsa neben ihrem Mann von dem sie sich über Jan entzweit hat am Tisch- und lächelt. Ob sie zu ihm zurückkehrt und die Unmöglichkeit der Affäre mit dem zunehmend euphorischen Jan eingesehen hat oder in einer Mischung aus Ratlosigkeit und Manie verharrt- wir wissen es nicht- doch es erscheint merkwürdigerweise auch nicht mehr bedeutsam.

FAZIT: „Verfolgt“ ist für mich bereits jetzt einer der Höhepunkte europäischen Independent-Kinos 2007, dem unglücklicherweise bislang wie so oft eine undankbar geringe Verbreitung in deutschen Kinos zuteil geworden ist. Angelina Maccarone hat auf dem Fundament einer fantastischen Besetzung (die alleine schon Grund genug wäre, sich den Film anzusehen), eines unverkrampften und lebensnahen Drehbuchs, treffsicherer Fotographie und Montage ein intensives, intimes, mutiges und aufwühlendes psychologisches Kleinod geschaffen das in seiner Stilistik und Lebendigkeit in der trotz interessanter Entwicklung auf dem Gebiet des ambitionierten jungen Films immer noch recht steifen deutschen Kinolandschaft weitgehend alleine steht, das allerdings wie ein Fels in der Brandung. Nachdem ich zuvor noch nie von der Regisseurin gehört hatte kann ich nun ihren nächsten Film kaum erwarten. „Verfolgt“ ist Pflichtprogramm für jeden geneigten Filmliebhaber und zeigt auf das in Deutschland doch nicht nur Blödel-Komödien und vom Fernsehen geförderte Prestige-Filme produziert werden. Bitte mehr davon!

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