Deutschland und Tierhorror, war da noch mehr als „Hai Alarm auf Mallorca“?
Na, zumindest muss sich dieser Beitrag keinen direkten Plagiatsvorwurf zu Hitchcocks „Vögel“ gefallen lassen, auch wenn des Meisters Werk kurz und dezent in einer Tageszeitung zitiert wird. Und eigentlich hätte man sogar das Potential für einen überzeugenden Beitrag gehabt, doch die Schwerpunkte der Geschichte liegen leider weniger bei den gut dressierten Krähen und damit verbundener Tieraction.
Im Mittelpunkt steht die schwangere Tierärztin Alex, die mit ihrem Mann Marc aufs Land umgezogen ist. Schon nach kurzer Zeit häufen sich Übergriffe von Krähen, die den Leuten das Essen wegkrallen, bis im Berliner Tiergarten sogar Menschen angefallen werden. Alex stellt Nachforschungen an und entdeckt dabei Aufzeichnungen ihres ehemaligen Professors, dessen mutierte Krähen in die Freiheit gelangten, nachdem er sie durch ein Präparat intelligenter, aber auch aggressiver machte.
Ach, das hätte mir gefallen, Angriffe auf große Menschenmassen in der Stadt, Panik im Einkaufszentrum, oder ein Blaskonzert im Kurpark führt zum Chaos unter den Senioren, das WM-Endspiel wäre durch Attacken der Rabenvögel annulliert worden und Deutschland wäre Weltmeister, - nein, das alles ist nicht zu sehen.
Warum schrieb ich eben „schwangere“ Tierärztin? Weil das fast mehr im Vordergrund steht, als die Bedrohung durch die Vögel und dabei ist sie erst im sechsten Monat. Sie bewegt sich aber unbeholfen breitbeinig wie bei der bevorstehenden Geburt eines 15 Kilo Oschis und in jedem zweiten Satz fallen Begriffe wie Schwangerschaft und „mein Kind“. Das bringt die Handlung selbstverständlich überhaupt nicht weiter, sondern fördert ein nerviges Ehepaar zutage, weil sie ständig launisch herumzickt und er davon völlig genervt ist. Selten haben mich dafür vorgesehene Sympathieträger dermaßen angewidert und Susanna Simon und Stefan Jürgens tun viel dafür, dass sich das bis zum Ende kaum ändert.
Die Ärztin ermittelt auf eigene Faust, natürlich will niemand ihren Erkenntnissen Glauben schenken, zwei Wissenschaftler sind auch involviert, Forschungsergebnisse werden durchforstet, eine Reporterin mischt ebenfalls mit, Ehemann wird von seiner Sekretärin angeschmachtet (wofür sollten diese Andeutungen eigentlich gut sein?) und bereits nach Hälfte der Laufzeit wünscht man sich eine trashige Auflösung, wie einen Wissenschaftler, der sich in eine Krähe verwandelt hat, um nachfolgend mit den anderen Federviechern gegen den grenzenlosen Egoismus der Menschheit anzukämpfen. Meinetwegen auch gegen den globalen Klimawandel.
Aber es bleibt beim exzentrischen Wissenschaftler, der die Intelligenz seiner Forschungsobjekte mit der von Delphinen und Schimpansen gleichsetzt, da fehlt eigentlich nur noch der Satz „Ich werde nicht zulassen, dass sie meine Arbeit zerstören.“
Entsprechend verläuft der Showdown, nachdem die Krähen kaum etwas angerichtet haben, relativ unspektakulär und ruhig. Dafür bringt er einige Logiklöcher mit sich und lässt zahlreiche Fragen unbeantwortet.
Klingt bis hierher also richtig übel und unsehbar, doch da gibt es noch die handwerkliche und dressurtechnische Seite des Streifens und da tun sich qualitative Abgründe auf.
Während die Story größtenteils nervt, weil man Sachen sieht, die nicht interessieren, sind die Einstellungen mit den Krähen fast durch die Bank überzeugend ausgefallen. Für Nahaufnahmen filmte man echte, dressierte Krähen, für Massenszenen nutzte man den Computer. Klar, die echten Vögel verleihen dem Geschehen eine überzeugendere Authentizität, doch auch die CGIs sind qualitativ nicht minderwertig. Das zeigt sich primär während des Showdowns, als ein Auto mit den Helden im Feld steht, das Wolkenbild in surrealen Farben erstrahlt und inmitten der Szenerie Tausende von Krähen verharren, - durchaus atmosphärisch.
Und auch die Kamera vollbringt ein paar ansehnliche Einsätze, etwa, wenn sie hoch aus den Lüften in die Tiefe stürzt, um mit einer halbkreisförmigen Wende wieder nach oben zu hechten, um die Egoperspektive der Angreifer zu verdeutlichen. Das sieht richtig gut aus, nur davon hätte man im Verlauf gerne mehr gesehen.
Denn die Krähen greifen viel zu selten an, Unbeteiligte sind kaum betroffen und nur in einer Szene, als eine fleischrünstige Bestie sich einem Kinderwagen nähert, kommt so etwas wie Spannung auf. Davon hätte es weitaus mehr bedurft, aber stattdessen serviert man uns eine betont schwangere Heldin, die tollkühn Berlin und Umfeld zu retten versucht, den Betrachter mit ihrer penetranten Art jedoch nur ankotzt. (Lieber Regisseur, schwangere Frauen sind nicht krank oder lebensbedrohlich infiziert, - sie erwarten ein Kind, nicht mehr).
Tja, was bleibt am Ende?
Einige Einstellungen wissen in der Tat zu gefallen, keine Frage, kamera- und schnitttechnisch ist das einwandfrei, nur leider hackt eine Krähe der anderen kein Auge aus und auch keiner Person.
Denn bei reinem Tierhorror gehört Panik dazu, muss ein wenig Chaos involviert sein, die Helden sollten zumindest in Ansätzen sympathisch sein und ein Showdown ein ordentliches Tempo vorlegen, - im Optimalfall.
Gute Ansätze sind da, keine Frage, doch vielleicht hätte Regisseur Edzard Onneken Hitchcocks „Vögel“ etwas genauer studieren sollen, dann wäre ihm eventuell aufgefallen, dass gut gemachter Tierhorror nicht nur mit einer ansehnlich dressierten Bedrohung punktet.
Für Freunde des Tierhorrors aber insofern eine Empfehlung wert, als dass die relevanten Szenen als gelungen zu bezeichnen sind, immerhin.
Alle anderen mögen einen Bogen um diesen deutschen Tierhorrorbeitrag machen, da er weder ansprechende Spannungsmomente, noch eine runde, in sich schlüssige Geschichte bietet.
4 von 10 (aber knapp)