Als schlagender Beweis für den Niedergang des Schaffens von Al Pacino wird in den letzten Jahren gern das Schicksal von „88 Minuten“ angeführt, einem Echtzeitthriller, der diverse Drehbuchumschriften erlebte, negative Testscreenings (die auch nicht immer das Gelbe vom Ei sind übrigens), Nachdrehs, Umschnitte und einen Regisseurswechsel – insofern kann man gar nicht anders, als den Film als eine Art Fragment ansehen, das wohl nicht gut sein kann.
Sollte man aber von diesen Tatsachen unbeleckt an den Film herangehen, so fällt das alles gar nicht so sehr ins Auge, wie man das von einem offenbaren Schrottfilm erwarten könnte. Sicher, hier ist sicher nicht alles oberste Liga, doch es ergibt sich durchaus eine ansteigende Spannungskurve in diesem Wettlauf gegen die Zeit, sofern man für kompliziert konstruierte Rätselplots ein Faible hat.
Verdächtig ist hier wirklich jeder und man hat reichlich Figuren zur Auswahl, denn Pacinos forensischer Psychologe und Gerichtsgutachter hat viele Feinde, viele Studenten, ein paar Angestellte, ein paar Liebschaften und einige mörderische Verfolger, die ihm ansagen, daß er in 88 Minuten sterben wird (passend dazu sind da noch 88 Minuten Laufzeit in dem Film, hihi...). Und natürlich noch ein Jugendtrauma, das auch mit dieser Zeitangabe zu tun hat. Was folgt ist Verfolgungsjagd und Rätsel- bzw. Puzzlespiel, bei dem immer mal wieder neue Leichen auftauchen und die Situation für ihn immer auswegloser wird.
Natürlich, und das muß man zugeben, ist das alles mehr als überspitzt und hanebüchen konstruiert, weiß man erst einmal die Auflösung, kommt einem das alles sehr fadenscheinig vor und diverse Gefahren entpuppen sich von jemand anderem verursacht, was noch weniger Sinn zu machen scheint, wie das ganze Vorhaben des Mörders ein wenig kurios umgesetzt scheint. Das hat mit Sicherheit auch mit den Umschriften, Nachdrehs und Schnittfassungen zu tun (es gibt auch reichlich Anschlußfehler, aber dazu muß man genau aufpassen), dennoch hat das alles einen gewissen kniffligen Reiz, da man nicht weiß, wohin es führen soll.
Leider ist der wesentliche Schwachpunkt zudem Pacino selbst, der mit dem Ausdruck eines schweren Katers (den er laut Skript auch haben soll), praktisch den ganzen Film mit gebremster Lethargie abspult (obwohl seine beliebte Turmfrisur diverse Änderungen mitmacht...) und allgemein müde und unlustig erscheint.
Daß nebenbei die komplette Frauenriege von namhafter Natur (Alicia Witt, Amy Brenneman, Leelee Sobieski, Deborah Kara Unger) nur wenig glänzen kann und praktisch regelmäßig nur reinschaut, ist bei einem Maniker wie Pacino fast schon erwartungsgemäß.
Es gibt also reichlich Fehler und Schwachstellen und obwohl ich Jon Avnet für einen minderwertigen Regisseur halte: selbst die Vorabeinstellung, einen Scheißfilm zu sehen zu bekommen, wurde durch die treibende Story immer wieder in den Hintergrund gedrängt. Also als Müll wegschmeißen oder als interessantes Wrach fasziniert betrachten. Ich bleib in der Mitte. (5/10)