Review

Die Anfänge der klassischen Rape & Revenge – Streifen liegen nunmehr fast vierzig Jahre zurück, eine Zeit, in der man noch versuchte mit exploitierenden Methoden das Publikum zu schocken: Schonungslose Vergewaltigung, Suche der Peiniger, ausgiebiger Racheakt.
Prinzipiell wird dieser schematische Ablauf auch heute noch beibehalten, - schließlich schöpft man daraus die emotionale Wucht, doch mittlerweile setzt man sich (in den meisten Fällen) etwas subtiler mit der Umsetzung auseinander.
Versucht „Straightheads“ auch, doch letztlich scheitert er ein wenig an fehlenden emotionalen Bindungen zu den Figuren.

Im Zentrum der emotionalen Tortur stehen die erfolgreiche Geschäftsfrau Alice (Gillian Anderson) und der Alarmanlagen-Installateur Adam (Danny Dyer), die auf dem Heimweg nach einer Party von drei Kerlen überfallen werden. Adam wird schwer verprügelt und Alice von den Männern vergewaltigt. Wenig später begegnet Alice in der Nähe ihres Elternhauses flüchtig einem der Peiniger und findet das Gewehr ihres kürzlich verstorbenen Vaters. Doch die anfängliche Entschlossenheit zur tödlichen Rache lässt mit der Zeit auch Zweifel aufkommen…

Teilweise setzt der Film mit seinen knapp 80 Minuten merkwürdige Prioritäten. Er umgeht zwar unnötig graphische Grausamkeiten, setzt stattdessen jedoch auf bedeutungslose Softsexszenen, die ein Vorankommen immer wieder ein wenig ausbremsen.
Allein das Kennenlernen der Hauptfiguren ist ungewöhnlich, denn Adam installierte noch just die Überwachungskameras in Alice Wohnung (spannt ihr dabei natürlich heimlich beim Duschen und Umziehen zu) und schon schleppt sie den völlig Unbekannten zur Party ihres Arbeitgebers, wobei es am Rande zum Outdoor-Höperli kommt.
Dass die völlig gegensätzlichen Charaktere nach dem schlimmen Vorfall weiterhin liiert bleiben, wundert schon ein wenig.

Allerdings ergibt sich aus der Gegensätzlichkeit eine interessante Entwicklung der Figuren. Alice trägt als Opfer das schwerwiegendere Leid, vor allem auf psychischer Ebene. Sie ist zu Beginn der Antrieb der Racheaktion, stachelt Adam an, in Heffers (einer der Peiniger) Haus Überwachungskameras zu installieren, während er sich lieber in Joints und Alkohol flüchtet und der Aktion skeptisch gegenübersteht. Später wendet sich das Blatt und aus der vorübergehenden Impotenz Adams erwächst Unberechenbarkeit, auch auf sexueller Ebene, was bei der etwas dünnen Figurenzeichnung in einigen Momenten nicht nachvollziehbar erscheint. Alice hingegen wirkt im Verlauf nicht mehr ganz so kompromisslos, zwar kommt es ansatzweise zu Racheaktionen (auf die Idee, das Gewehr SO einzusetzen, muss man erst einmal kommen), doch ab einem bestimmten Punkt scheint sich ihr Verstand wieder einzuschalten.

Im Endeffekt geht es nicht um pure Rache, denn die Geschundenen sind in sich zu zerrüttet und kommen durch etwaige Gegengewalt ihrer inneren Ruhe kein Stück näher, wie eine der letzten Einstellungen treffend auf den Punkt bringt.
Zudem wird auch die Tätersicht ins Spiel gebracht, da in einer Sequenz der wiederholte Übergriff aus dessen Sicht geschildert wird. Das mindert die verachtenswerte Tat zwar keinesfalls, bringt aber halbwegs nachvollziehbare Beweggründe ins Spiel.
An dieser Stelle hätte man dem komplexen Charakter des Peinigers ruhig etwas mehr Raum geben können, was die finale Konfrontation gewiss dramatischer gestaltet hätte.

Ansonsten mangelt es der Dramaturgie passagenweise schon am nötigen Drive, diverse Beobachtungen am Haus des Peinigers schüren kaum Suspense, Gespräche sind hier absolute Mangelware und darüber hinaus kommt die komplette Inszenierung kaum über TV-Standard hinaus.
Allenfalls Gillian Anderson, versehen mit der bekannten Synchro von Franziska Pigulla, geht mit ihrer intensiven Darstellung als geschundene Frau deutlich über Akte-X-Niveau hinaus und hebt, nicht nur aufgrund zweier kurzer Oben-ohne-Szenen, die Schauwerte übers Mittelmaß. Ihr Partner Danny Dyer kann indes nur wenige überzeugende Szenen vorweisen, sicher auch, weil ihm das etwas flach entwickelte Skript kaum Möglichkeiten dazu bietet.

Vielleicht deutelt man auch ein wenig zuviel hinein, wenn man den angefahrenen Hirsch zu Beginn (deshalb verlassen die beiden ihr Fahrzeug und werden angreifbar) zu einem symbolischen Synonym für das Verhalten eines der Opfer deklariert und vielleicht halte auch nur ich es für ungewöhnlich, dass sich eine Frau, die ihre Partybekanntschaft erst seit wenigen Stunden kennt, zum Pullern lediglich neben die Beifahrertür kniet, während er aussteigt.

Der Rest hebt sich allerdings wohltuend vom polarisierenden Rape & Revenge der 70er ab und bietet zumindest ansatzweise eine menschlich subtile Herangehensweise.
Ein vergleichsweise ruhiger Vertreter des Sub-Genres, der weniger mit körperlicher Gewalt im Vordergrund steht, als auf beiden Seiten, Gut und Böse, jeweilige Schwächen einzuräumen.
6 von 10

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