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Lange war es ruhig um den niederländischen Regisseur Paul Verhoeven. Sein letzter Film „Hallow Man“ beeindruckte zwar mit enormen Spezialeffekten, war inhaltlich aber nur 08/15-Ware und floppte dementsprechend. Knapp 6 Jahre später ging Verhoeven zurück in sein Heimatland und schuf den teuersten niederländischen film bis dato, „Zwartboek“.



Die Jüdin Rachel Stein (Carice van Houten) lebt untergetaucht in Deutschland, um sich vor den Nationalsozialisten zu schützen. Doch ihr versteckt wird zerstört und so will sie mit einer Gruppe anderer Juden zurück in die Niederlanden. Zusammen mit ihren Eltern und ihrem Bruder bekommt sie von einer unbekannten Person Hilfe. Mit einem Boot sollen sie in die Niederlanden eingeschleust werden. Unterwegs begegnen sie einem deutschen Boot, dessen Besatzung alle Menschen auf dem Boot tötet. Nur Rachel kann sich mit einem Sprung ins Wasser retten. Rachel kann sich aber das Gesicht des Obersturmführers Franken merken, der ihre Familie auf dem Gewissen hat.

Zurück in den Niederlanden schließt sich Rachel unter ihrem neuen Namen Ellis de Vries der niederländischen Widerstandsbewegung an. Bei einer Zugfahrt soll das Gepäck aller Beteiligten durchsucht werden. Ellis flieht in das Abteil des Hauptsturmbandführers und Chef des Sicherheitsdienstes Müntze (Sebastian Koch). Koch verliebt sich sofort in Ellis und da Ellis in seinem Abteil sitzt, wird ihr Gepäck nicht durchsucht. Für die Widerstandsbewegung ist dies die Chance, die Nazis durch Ellis auszuspionieren. Ellis willigt ein, doch auch sie hat sich längst in Müntze verliebt. Doch nicht nur die Nazis stellen eine Gefahr für Ellis da, auch in ihren eigenen Reihen scheinen sich Niederländer mit den Deutschen zu verbünden. Bald weiß Ellis nicht mehr, wem sie noch trauen kann...



Der niederländische Regisseur Paul Verhoeven hat eine Karriere hinter sich, die von diversen Höhen und Tiefen begleitet wurde. Einen ersten Namen machte sich Verhoeven natürlich in seinem eigenen Land, Filme wie „De vierde man“, „De soldat van oranje“ und „Turkish fruits“ gelten als Klassiker des Niederländers. Verhoeven zog es in die USA und dort drehte er erfolgreiche Filme wie „Flesh + Blood“ sowie natürlich „Robocop“. In diesem Film konnte Verhoeven seinen Hang zur Gewalt und Nacktszenen, die nicht nur die Amerikaner schockten, ausleben. Es folgten weitere Klassiker wie „Total Recall“ und „Basic Instinct“, der das prüde Amerika fast total zusammenbrechen ließ. Noch mehr Nacktheit zeigte er in „Showgirls“, welcher dermaßen floppte, aber durch „Starship Troopers“ wieder aufgefangen wurde. In „Starship Troopers“ fanden einige „Experten“ rassistisches Gedankengut, der sogar den Krieg glorifizierte und so musste man sich nicht wundern, dass dieser Film u.a. in Deutschland auf dem Index landete. Die wahre Ironie in manchen Szenen ging an den deutschen Behörden vorbei. Sein letzter Tiefpunkt war „Hollow Man“, welcher unglaubliche Spezialeffekte zeigte, inhaltlich das Publikum aber auch nicht überzeugte und ebenfalls gnadenlos floppte. Von da an war es ruhig um Paul Verhoeven...


...bis Verhoeven sich entschloss, seinen neuen Film in seiner Heimat zu drehen. Die Niederlande hatte ihm vor vielen Jahren das Tor zu einer großen Karriere geöffnet, vielleicht hoffte er, durch die Niederlanden wieder ins Filmgeschäft zu kommen.


Gelungen ist es Paul Verhoeven mit „Zwartboek“, ohne Frage. Allein in den Niederlanden hatte „Zwartboek“ über eine Million Zuschauer und gewann etliche Preise, darunter „Het gouden kalf“, das goldene Kalb, der niederländische Oscar.

Es gab einige Filme über den Nationalsozialismus aus diversen Ländern. Oft begnügte man sich damit, allein die Deutschen als Verbrecher darzustellen, nur selten gelangen Ausnahmen wie etwa „Schindlers Liste“, die die Deutschen auch mal in einem anderen Licht zeigten.

Natürlich ist dieses Bild auch in „Zwartboek“ vorhanden, viel zu beschönigen gibt es natürlich nicht, doch Verhoeven verurteilt nicht alle Deutschen. Die Person Müntze ist durch die Bank sympathisch und taugt eigentlich nicht zum Nazi. Andere Charaktere gibt es natürlich auch, oben genannter Franke oder Obergruppenführer Käutner sind das genaue Gegenteil von Müntze.

Doch nicht nur die Deutschen bekommen ihr Fett weg, auch das niederländische Volk selber. Verhoeven betont ganz deutlich, dass die Niederländer nicht nur das arme und unterdrückte Volk war, was es natürlich auch gab. Es gab auch Personen, die von der Naziherrschaft mehr als profitierten und dafür auch Juden und/oder ihre eigenen Landsleute nur zu gerne opferten. Auch dies sollte bei all der Greultaten nicht vergessen werden. Und gerade dies tut Verhoeven auch nicht.


„Zwartboek“ lebt von seinen Schauspielern und zumindest in den Niederlanden scheint man einen neuen Star gefunden zu haben. Carice van Houten bekam die Hauptrolle von Verhoeven und spielt sie wirklich großartig. Was es bedeutet, in einem Verhoeven-Film die Hauptrolle zu haben, kann man in diversen Filmen von Verhoeven sehen. Wenn es nicht die Gewalt ist, sind es zumindest die Nacktszenen, die Verhoeven erwartet. So sieht man Carice van Houten mehr als einmal völlig unbekleidet im Film, was dabei nicht nur als Anregung für die männlichen Zuschauer und Müntze gilt, sondern hat auch, nennen wir es einen logischen Sinn. Eine Jüdin mit schwarzen Haaren würde sofort auffallen, als muss sich Ellis die Haare blond färben, wie es dem Ideal der Deutschen so vorschwebte. Und wenn Ellis mit Müntze ins Bett steigen soll, reicht es halt auch nicht, nur auf dem Kopf blond zu sein. Jedenfalls attestiere ich Carice van Houten eine hervorragende Leistung in ihrem ersten großen Film. Darf man den Kritikern glauben, steht ihr eine große internationale Karriere bevor, wir werden sehen, was daraus wird.

Auch die deutsche Delegation überzeugt, insbesondere Sebastian Koch in der Rolle von SD-Chef Ludwig Müntze. Koch spielt hier einen Nazi, der den Verbrechen der Nazis eigentlich gar nichts abgewinnen kann, da sammelt er doch lieber Briefmarken aus allen Ländern, wo er stationiert war.

Durch die große Anzahl von deutschen Schauspielern ist der Film im Original fast zur Hälfte in deutscher Sprache. Auch hier muss man Carice van Houten ein Kompliment machen, die nicht nur deutsch fast akzentfrei spricht, sondern ebenfalls alle deutschen Lieder im film selber singt.

Von einem Verhoeven-Film erwartet man einiges, sprich Sex und Gewalt. Dies wäre aber in so einem Film fehl am Platz und dies war wohl auch nicht die Intention eines Paul Verhoeven, solch einen Film mit diesen Elementen zu schmücken. Die wenigen Nacktszenen wirken nicht aufgesetzt und bringen den Film weiter. Auch die Gewalt wird nur so stark dargestellt, wie es nötig ist. Sonst hält sich Verhoeven doch arg zurück.

„Zwartboek“ hat mit gut 140 Minuten eine relativ große Lauflänge, umso erstaunlicher ist es da, dass der Film kaum stockt oder langweilig wirkt. Viele Actionszenen gibt es natürlich nicht, der film ist fast nur auf Hauptdarstellerin Carice van Houten zugeschnitten. Trotzt seiner Lauflänge bekommt Paul Verhoeven am Ende ein Problem. Er scheint keine Zeit mehr zu haben, seine Geschichte zu Ende zu erzählen und so wirken die letzten 30 Minuten doch arg konstruiert und der Zuschauer muss schon genau aufpassen, um alle Personen und Handlungen mitzubekommen, die den Verrat erklären. Dies ist die große Schwachstelle von „Zwartboek“, dass das Ende doch arg schnell runtergespult wird und der eine oder andere Zuschauer vielleicht etwas überfordert wird.


Fazit: Mit „Zwartboek“ ist Paul Verhoeven ein Comeback als Regisseur gelungen. Lange war er von der Bildfläche verschwunden und zaubert nun den erfolgreichsten niederländischen Film aus dem Hut. „Zwartboek“ wirkt nicht oberflächlich, es gibt die strickte Einteilung Gut und Böse nicht, auf jeder Seite gab es gute Menschen und Verbrecher.

Der Zuschauer benötigt zwar einiges an Sitzfleisch, bis nach gut 140 Minuten der Abspann erscheint, doch es lohnt sich, auch wenn der Film gegen Ende doch sehr schnell runtergespult und konstruiert wirkt. Sei es drum, „Zwartboek“ ist ein hervorragender Film, Fans des Genres und/oder von Paul Verhoeven dürfen bedenkenlos zuschlagen. Der Niederländer ist zurück und beschert vielleicht auch dem allgemeinen niederländischen Film ein neues Hoch.

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