“Total Paul”
RoboCop (1987), Total Recall (1990), Starship Troopers (1997). Es gibt kaum einen Science Fiction bzw. Actionfan, der diese Filme nicht kennt und schätzt. Der holländische Regisseur Paul Verhoeven hat sich in Hollywood vor allem mit spektakulären Effektfilmen und expliziten Gewaltdarstellungen einem Namen gemacht. Zudem gilt er vielen Amerikanern als Skandalfilmer und Provokateur, nicht zuletzt aufgrund seiner Vorliebe für detailreiche und ausufernde Sexszenen (Showgirls 1995, und besonders Basic Instinct 1992). Dass all diese Filme auch auf einer anderen Ebene funktionieren, gespickt sind mit Gesellschaftskritik, politischen Anspielungen und beißender Ironie, wurde und wird dabei oft und gerne übersehen.
Nach finanziellen und künstlerischen Misserfolgen (Showgirls 1995, Hollow Man 2000) kehrte der eigenwillige Regisseur der Traumfabrik schließlich den Rücken und kehrte in die Heimat zurück. Als erstes Projekt wählte er den in den Wirren des Zweiten Weltkriegs angesiedelten Verschwörungsthriller Black Book. Mit diesem „Film 1 nach Hollywood“ konnte er dann auch nahtlos an seine früheren holländischen Blockbuster anknüpfen (Türkische Früchte 1973, Soldiers 1977). Black Book war in den Niederlanden der größte Kassenknüller - unter den nichtjugendfreien Filmen, wie Verhoeven nicht ohne Stolz anmerkt - seit 25 Jahren.
Zwartboek - so der niederländische Originaltitel - ist ein durch und durch europäischer Film. Gedreht in Holland und Deutschland (Babelsberger Filmstudios), produziert von Fernsehanstalten und Investoren beider Länder, besetzt mit weniger bekannten holländischen und deutschen Schauspielern. Sebastian Koch (Das Leben der Anderen, 2006) darf hier schon als Star des Films gesehen werden. Auch die Geschichte ist eine europäische. Angesiedelt im vom Deutschen Reich okkupierten Holland kurz vor Kriegsende 1944/45.
Und Verhoeven bleibt sich treu. Sex und Gewalt spielen auch in seinem neusten Werk eine zentrale Rolle. Zudem überrascht er mit einer unverkrampften und aus holländischer Sicht durchaus gewagten Interpretation dieses historisch nach wie vor sehr brisanten Themas. Weder erscheinen die deutschen Besatzungstruppen durchweg böse, sadistisch und mordlüstern, noch wird der holländische Widerstand zu einer helden- und tugendhaften Gruppe selbstloser Märtyrer verklärt. Schwarzweißmalerei ist Verhoevens Sache nicht. Seine Welt ist grau. Da gibt es Mord, Verrat, Intrigen, Anstand, Ehre und Mitgefühl auf beiden Seiten. Darüber hinaus haben auch die vornehmlich positiv gezeichneten Figuren ihre Schattenseiten, ebenso wie den „Schurken“ und Verbrechern menschliche Aspekte zugeschrieben werden.
Die Story ist schnell erzählt:
Die Jüdin Rachel Stein (Carice van Houten) lebt versteckt vor den deutschen Besatzern auf einem holländischen Bauernhof. Als ihre Familie und Freunde bei einem missglückten Fluchtversuch brutal von der SS ermordet werden, findet sie Unterschlupf beim niederländischen Widerstand. Attraktivität und eine ehemalige Gesangskarriere prädestinieren sie zum Spitzel im Gestapohauptquartier. Im Zuge dieses Auftrags verliebt sie sich in den SD-Chef Ludwig Müntze (Sebastian Koch). Als ihr schließlich auch noch das titelgebende „Schwarze Buch“ - in dem ein holländischer Notar sämtliche Verräter und Kollaborateure verzeichnet hat - in die Hände fällt, gerät sie endgültig zwischen alle Fronten.
Black Book ist in erster Linie ein hervorragendes Stück Unterhaltungskino. Verhoeven gelang ein ungemein spannender und fintenreicher Verschwörungsthriller vor der zeitlos publikumswirksamen Kulisse des Zweiten Weltkriegs.
Die Darstellerleistungen der hauptsächlich unbekannten Schauspieler sind superb. Vor allem die Hauptdarstellerin Carice van Houten liefert eine beeindruckende Vorstellung als die mit allen Wassern gewaschene aber auch von zahllosen Schicksalsschlägen gepeinigte Jüdin Rachel Stein. Sebastian Koch gibt nach Das Leben der Anderen erneut gewohnt souverän den innerlich zerrissenen, „guten“ Deutschen.
Nicht mehr in das enge Korsett einer amerikanischen Großproduktion gezwängt zu sein, muss wie ein Befreiungsschlag für den eigenwilligen Niederländer gewesen sein. Man spürt Verhoevens wieder gefundenen Spaß am Filmen, seiner Inszenierung haftet etwas Jungenhaftes, beinahe Übermütiges an.
Teilweise treibt Verhoeven das doppelbödige Spiel auf die Spitze. Gerade in der zweiten Filmhälfte sorgen die immer neuen Wendungen und überraschenden Twists gepaart mit grotesken Einfällen und karikaturhaft chargierenden Charakteren für eine screwball-ähnliche Atmosphäre. In einer irren Abfolge reiht sich ein Höhepunkt an den nächsten. Es gibt Verrat und Gegenverrat, Explosionen, Attentate, Exekutionen, nächtliche Befreiungsaktionen, ausufernde Feuergefechte, orgiastische Parties und zügellosen Sex. In dieser Phase erinnert der Film mehr an eine Räuberpistole als an einen ernst zu nehmenden Thriller, ist Black Book eher burleskes Schaubudenstück als historisches Drama. Hier zeigt sich Verhoevens Meisterschaft als Regisseur und Geschichtenerzähler, kann er es doch jedes Mal verhindern, dass sein Film kippt. Immer wenn man meint, der Film liefe aus dem Ruder und glitte in eine billige Nummernrevue ab, kriegt er noch rechtzeitig die Kurve und holt den Zuschauer auf den Boden der hochdramatischen Tatsachen zurück.
Verhoeven verschont seine Landsleute keineswegs vor unpopulären Wahrheiten und zeigt sich wenig zimperlich im Umgang mit dem holländischen Widerstand oder dem Thema Besatzung nach der Befreiung durch die Alliierten. Er zeigt Verrat, Eigennutz und Kollaboration und zeichnet damit ein wenig schmeichelhaftes und höchst ambivalentes Widerstandsbild. Darüber hinaus überrascht die mehrmalige Thematisierung eines latenten Antisemitismus innerhalb der holländischen Zivilbevölkerung.
Der Krieg erscheint als häßliche Fratze, die das Schlimmste bei manchen Menschen zum Vorschein bringt. Am Ende gibt es nur Opfer und Verlierer. Gerade an der Biographie der Protagonisten zeigt Verhoeven schonungslos die Grausamkeit des Krieges und die völlige Hilflosigkeit des Einzelnen vor dieser alles und jeden verschlingenden Bestie. Als Rachel gegen Ende des Films scheinbar Frieden und Ruhe in Israel gefunden hat, fahren erneut Panzer durch ihr Dorf. Der bis heute aktuelle und blutige Nahostkonflikt hat begonnen. Ein unbequemer, unversöhnlicher und damit echter Verhoeven-Schluss.
Fazit:
Black Book ist ein hervorragend gespielter, extrem spannender und überaus wendungsreicher Thriller vor dem Hintergrund der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs. Nach zuletzt enttäuschenden Erfahrungen in den USA, kehrte Starregisseur Paul Verhoeven in seine holländische Heimat zurück und stemmte dieses europäische Großprojekt. Ebenso wie seine großen Hollywoodhits kann auch Black Book als reines Unterhaltungsprodukt konsumiert und genossen werden. Allerdings hat er gleich seinen amerikanischen Blockbustern mindestens eine zweite Ebene in petto, angereichert mit unbequemen Wahrheiten und politischen Anspielungen. Gesellschaftskritik und Umgang mit - vor allem aus niederländischer Sicht - verdrängt geglaubten Aspekten der Zeitgeschichte sind dabei an erster Stelle zu nennen.
Kurz: Befreit vom Druck ihn bevormundender US-amerikanischer Filmstudios läuft Paul Verhoeven zu alter Höchstform auf. Wie in seinen besten Zeiten liefert er ein mit Sex und Gewalt gespicktes, wuchtiges Stück Unterhaltungskino, das darüber hinaus erfrischend politisch unkorrekt daherkommt und auf simple Schwarzweißmalerei verzichtet. Paul is back!
(9/ 10 Punkten)