1980 befand sich die Mode in einem Prozess der Neuformierung. Große Unterschiede zu den späten 70er Jahren ließen sich zwar noch nicht finden; Küchen waren noch mit Tapeten in Orange, Linoleumgrün und Ockergelb verziert, Männer trugen Schnäuzer zu ihrem Preppie-Look und Frauen so ziemlich alles, was die Fantasie hergab. Futuristische Blockformen und aus Sportkleidung übernommene Linien-Designs, die sich auch in Architektur und Automobilbau widerspiegelten, verrieten jedoch, dass der Blick vollständig auf die Zukunft gerichtet war.
Das traditionsreiche britische Filmproduktionsstudio Hammer passte in einen solchen Zeitgeist längst nicht mehr hinein. Die Hochphase um den Aufstieg des Gothic-Horrors, der auch heute noch stellvertretend für den klangvollen Namen „Hammer“ steht, war passé und der Untergang praktisch schon besiegelt. Sex und Gewalt waren als Joker ohnehin bereits längst aufgebraucht. Halbnackte Frauen, die sich in den Krallen eines pelzigen Ungeheuers ihrer Ohnmacht ergeben, wurden zur alt(backen)en Vergangenheitsform. So nahm die Anzahl der gedrehten Filme nach den produktionswütigen 50ern und 60ern stark ab und es wurde experimentiert mit modernen Einflüssen; „Straight On Till Morning“ beispielsweise setzte auf die Stimmung der Filme Pete Walkers, der kurz darauf das britische Exploitation-Kino reformieren sollte, Horst Janson spielte den progressiven Vampirjäger „Captain Kronos“ und Dracula, die größte Ikone Hammers, geiferte in „Dracula jagt Mini-Mädchen“ nach Miniröcken statt Kleidertrachten. In der zweiten Hälfte der 70er passierte fast gar nichts mehr; „The Lady Vanishes“, das 79er-Remake des gleichnamigen Hitchcock-Streifens von 1938, setzte einen einsamen Schlusspunkt und sollte bis zur Hammer-Neugründung 2008 die letzte Filmproduktion aus dem britischen Herrenhaus bleiben.
Nichtsdestotrotz entstand zu Beginn des neuen Jahrzehnts noch eine dreizehnteilige Anthologie-Serie für das Fernsehen. „Hammer House of Horror“, ein Titel wie eine schaurige Umarmung, wie ein dreifacher Stempel mit dem charakteristischen „H“-Siegel. Da muss man doch zwangsläufig davon ausgehen, dass hier noch einmal eine Rekapitulation der besten Jahre stattfinden soll. Roger Webbs wehklagende Titelmelodie aus dem Vorspann drückt untröstliche Trauer aus, dann aber auch überschäumende Euphorie in Erwartung auf das Kommende. Sie sagt: Wir wissen, dass unsere Zeit vorbei ist. Aber im Hintergrund, halb verborgen im Nebel, da setzen sich die Zinnen der Burgmauer als Konturen vor der Nacht ab. Eine Gestalt erscheint vor dem hell erleuchteten Fenster und verspricht im Inneren des Schlosses ein farbenfrohes Gruselkabinett, das noch ein letztes Mal für uns seine Pforten öffnet.
Während in der populären amerikanischen Mystery-Reihe „Twilight Zone“ deren Erfinder Rod Serling als redseliger Host durch die Folgen führte, ist es hier einfach die unentwegte Präsenz alter Gebäude, die sich als roter Faden durch die Staffel zieht. Sämtliche Episoden sind zwar konsequent in der Gegenwart des Jahres 1980 angesiedelt; wir bekommen also kastenförmige Autos, Dauerwellen und Rotzbremsen ohne Ende zu sehen. Doch die englischen Wiesen, auf denen sich Häuser vergangener Jahrhunderte in allen Größen und Formen erstrecken, zeugen von der unzerstörbaren Präsenz des Alten, das auch in der aufregenden Zeit des entstehenden Techno-Futurismus seine Position hält.
Wohl keine der Folgen folgt diesem Konzept zielstrebiger als „The House That Bled To Death“ (Ep. 5), das auf die alte Schauermär vom personifizierten Bösen in Form eines Hauses setzt, welches atmet und blutet wie ein organischer Körper. „The Amityville Horror“ kam erst im Jahr zuvor in die Kinos und hat auf den Autoren der Geschichte vermutlich einen gewissen Eindruck hinterlassen. Die Standbilder eines blutbesudelten Kindergeburtstags sorgten international für Raunen, sie sind der Höhepunkt der üblen Manifestationen, mit denen eine junge Familie beim Bezug des neuen Eigentums konfrontiert wird. Aber auch weitere Geschichten aus der Sammlung setzen große Stücke auf die Gebäude, in denen sie spielen: Bereits in „Witching Time“ (Ep. 1) taucht eine im Mittelalter gelynchte Hexe viele Jahrhunderte später in ihrem Geburtshaus wieder auf und trifft dort auf den neuen Besitzer, einen Musik produzierenden Workaholic; in „Rude Awakening“ (Ep. 3) zieht es einen Geschäftsmann per Traum-Zeitschleife immer wieder in ein bestimmtes Anwesen; in „The Silent Scream“ (Ep. 7) werden wilde Theorien zum Thema Gefangenschaft in vier Wänden aufgestellt.
Trotz der übergreifenden Motive handelt es sich aber um eine Anthologie, der es vor allem darum geht, ein breites Repertoire an Themen und Umsetzungen zu demonstrieren. Hammer war ja nun nie völlig auf gothischen Horror spezialisiert; auch Thriller, Dramen und Komödien gehörten zum Repertoire. Mit dem Zusatz „Horror“ im Titel ist zwar ausgeschlossen, dass wir uns plötzlich in einer RomCom wiederfinden, doch kaum ein Genre, das hat die Filmgeschichte inzwischen bewiesen, ist so vielfältig wie der Horrorfilm. Demzufolge beschränkt sich das Arsenal keineswegs auf das Phantastische. Es gibt Serienkiller zu bestaunen und kleine Gesellschaften oder sektenartige Gruppen, die schreckliche Geheimnisse verbergen; es gibt Whodunits ebenso wie Geschichten, die dem Täter permanent folgen. Konkrete Gefahren dominieren in der einen Folge, während in der anderen nebulöse Andeutungen zu grauenvollen Vorahnungen führen; klassische und bewährte Erzählformen wechseln sich ab mit experimentellen Ansätzen. In einem besonders stimmungsvollen Beitrag erlebt auch das klassische Gruselkino ein Revival.
Abwechslung ist ohne jeden Zweifel gegeben. Mit ihr schwankt natürlich auch die Qualität, die sich hier vor allem daran festmachen lässt, ob es dem Drehbuch gelingt, eine konstante Spannungskurve zu halten oder ob sie zwischenzeitlich auch mal absackt. „Charlie Boy“ (Ep. 6) etwa vertraut auf das Prinzip der Dezimation (wenn die Verfluchten dem afrikanischen Voodoo wie Dominosteine in Reih und Glied zum Opfer fallen), lässt sich im Mittelteil aber gehen und gestaltet die Ermittlungen relativ ermüdend. Etwas anstrengend ist bisweilen auch „Carpathian Eagle“ (Ep. 9; mit Gastauftritt des jungen Pierce Brosnan), weil die Kamera das Gesicht der Täterin einerseits umständlich verbirgt, andererseits aber nie einen Hehl daraus macht, um wen es sich handelt. Es wird um so schwieriger, die Spannung aufrecht zu erhalten, als klar wird, dass im Grunde jede Folge den gleichen Ausgang nimmt; wenn das Böse schon nicht auf ganzer Linie gewinnt, so schickt es das Gute (oder Unschuldige) doch zumindest vorher noch zum Teufel.
Spannender geraten da schon die Episoden, die eher unkonventionell arrangiert sind. „Rude Awakening“ dürfte ein Fest für jeden sein, der etwas mit surrealen, aus der verschwommenen Sicht der Hauptfigur erlebten Geschichten anfangen kann. Es handelt sich außerdem um eine der witzigsten Folgen, dank des spritzigen Zusammenspiels zwischen Denholm Elliott und Lucy Gutteridge, die seine Sekretärin Lolly herrlich naiv spielt. Auch bei der visuellen Gestaltung sticht Peter Sasdys Arbeit aus der weichgezeichneten TV-Optik heraus, besonders die Szenen auf dem Dach erinnerten eher an die Hitchcock-Streifen der 60er Jahre als an eine TV-Serie der 80er, würde das viereckige Vollbildformat die Illusion nicht zerstören. „The Silent Scream“ hingegen dürfte auf den am besten ausgearbeiteten Plot der gesamten Staffel zurückgreifen, ferner natürlich mit Peter Cushing auf den prominentesten Namen im gesamten Cast. Abgesehen von einer Menge wilder Tiere hat dieses Kernstück der Serie vor allem eine spannende wissenschaftliche Prämisse zu bieten… und natürlich Mad Scientism in seiner niederträchtigsten Form. Und dann wäre da noch „The Two Faces Of Evil“. Es ist unter dem Strich vielleicht die beste Folge von allen, weil sie auf eine wahnsinnig spannende Mystery-Prämisse zurückgreifen kann, hervorragende Darsteller in ihren Reihen hat (allen voran Gary Raymond, der von mitleid- bis furchterregend das komplette Programm auf dem Kasten hat) und in einer so ungewöhnlichen Art und Weise die Handlung vorantreibt, dass man fast davon sprechen muss, dass die Macher ihrer Zeit voraus waren (noch dieses Jahr ist immerhin Jordan Peeles „Wir“ mit einer ähnlichen Idee als innovativ gelobt worden). Auch die Regieleistung ist hier zu hervorzuheben, insbesondere, da die Regiearbeit über die gesamte Staffel verteilt eher zweckmäßig bzw. handwerklich ausfällt.
Beim Eintritt in das „Hammer House Of Horror“ sorgen heutige Sehgewohnheiten vielleicht dafür, dass man sich von der eher biederen TV-Inszenierung erst einmal abgeturnt fühlt. Dieses Gefühl vergeht aber so schnell wie der Miniatur-Effekt eines kleinen Fernsehers, wenn man einen größeren Bildschirm gewohnt ist. Die dreizehn Episoden dieser alleinstehenden Staffel haben ihre drögen Momente, glänzen aber mit höchst abwechslungsreichen Geschichten, unter denen wohl jeder Zuschauer ohne Probleme seinen Favoriten finden dürfte. Den Hammer-Studios gelingt es in den letzten Zügen noch einmal, einen Querschnitt der eigenen Qualitäten zu liefern und diesen organisch in die Gegenwart einzubetten. Selbst heute, fast 40 Jahre später, bietet sie noch ein stimmungsvolles Programm für gemütliche Abende auf der Couch – am besten bei Vollmond.