Review

Frauenknast und problembeladene Figuren. Klingt fast wie eine gefährliche, weil zu schwermütige Mischung, die zu einem dieser deutschen Filme führen könnte, die bei den Kritikern hoch gelobt werden, aber dennoch kein größeres Publikum ansprechen. Letzteres trifft wohl leider gewissermaßen notgedrungen zu, ein derartiger Stoff erreicht nunmal nicht das amüsiergierige „Hirn aus, Spaß haben“-Publikum. Einerseits schade, andererseits ist die Zielgruppe nunmal eine andere und dass der Film deutschlandweit wohl mit nur wenigen dutzend Kopien an den Kinostart ging, ist wohl leider auch normal und tut sein übriges. Und jetzt das erfreuliche: Für den ersten Teil der geschilderten Befürchtung kann Entwarnung gegeben werden. Chris Kraus’ zweiter Kinofilm ist ein kitschfreies Drama mit Hand und Fuß, das weder zu bieder, noch zu abgehoben ist und nicht nur bei selbstverliebten Kritikern sondern auch dem geneigten Zuschauer ankommen dürfte.

Zwei einsame, gebeutelte Seelen, Gefängnisinsassin Jenny von Loeben und die Klavierlehrerin Traude Krüger, führt das Schicksal zueinander und der Film bemüht das Prinzip, dass manchmal aus zwei negativen Komponenten etwas positives werden kann. Jenny, selbst fast noch ein Kind, sitzt als verurteilte Mörderin, hat in ihrem gerade mal erst zwei Dekaden langen Leben schon ein Baby verloren und scheint völlig verschlossen und unzähmbar. Doch sie besitzt unglaubliches musikalisches Talent, über das sie zurück zu sich selbst und zum Leben finden kann und so soll sie – auch aus Imagegründen der Anstalt – an einem Musikwettbewerb teilnehmen. Dies soll mit Hilfe von Traude gelingen, einer betagten Dame, die Klavierunterricht im Gefängnis gibt und selbst recht einsam lebt und in einer ältlichen Denke verstrickt zu sein scheint und diszplinierend wie teils mürrisch bis hartherzig auftritt. Das kann anfänglich natürlich nicht gut gehen und tut es auch nicht. Konflikte sind allgegenwärtig. Entweder untereinander, wenn etwa Traude den progressiven, einem Gefühlsausbruch gleichenden, freien Stil von Jenny am Klavier als „Negermusik“ verunglimpft und Jenny sich zurücknehmen muss und für den Wettbewerb Klassiker pauken muss. Oder wenn Neid und Rache vom durch Jenny verprügelten Wärter in Verbindung mit Abneigung seitens der anderen Frauen (u.a. Jasmin Tabatabai als terrorisierende Zellenkollegin) zu Drangsalierungen führen. Doch über all diese Stolpersteine hinweg setzen die beiden Frauen mühsam aber kontinuierlich ihren Weg fort. Das ganze kommt völlig klischeefrei daher und die Annäherung passiert ganz langsam, bis endlich auch Traude aus der Reserve gelockt wird und der Wettbewerb näher rückt…

Hannah Herzsprung ist wohl so etwas wie die Entdeckung im deutschen Film der jüngsten Zeit. Sie trägt den Film und spielt diese Jenny mit Haut und Haaren. Es ist ihr Verdienst, dass die Rolle immer glaubhaft und trotz der ganzen Reihe von Schicksalschlägen (neben dem bereits genannten kommt noch eine Vergewaltigung hinzu) niemals zu konstruiert wirkt. Monika Bleibtreu hat vielleicht den etwas einfacheren Part, aber auch sie schafft es, der Traude Krüger das passende Verhältnis zwischen ihrer sie hemmenden Vergangenheit, Liebe zur (klassischen) Musik und teilweise fast sprachloser Fassunglosigkeit über diese ungehobelte Person Jenny, aber auch gleichzeitig einer Faszination ihr gegenüber, zu verkörpern. Die stärksten Momente ihrer Person liegen auch in dieser Hin- und Hergerissenheit, etwa wenn sie gerade noch Jenny ob ihrer Respektlosigkeiten maßregelt und ihr direkt darauf ihr Innerstes öffnet.

Böse Zungen könnten behaupten, es handele sich um einen typisch deutschen Problemfilm, doch wer mit einer derartigen Einstellung an ein solch grandios gespieltes Kleinod herangeht, tut ihm Unrecht mit seiner Ignoranz. Die Schwierigkeiten der jeweiligen Lebensläufe beider Frauen sind nicht ihrer selbst willen in das Drehbuch geknüppelt worden, sondern sind vielmehr notwendige Grundlage für ihren Kampf - sowohl dem eigenen inneren, als auch dem mit der Außenwelt. Diese Auseinandersetzungen sind der Prozess aus dem beide neue Kraft schöpfen können. Für Traude geht es darum, Frieden mit ihrer Vergangenheit zu schließen und ihre frühere Liebe in Erinnerung zu behalten ohne Scheu und Versteckspiel, während Jenny noch am Anfang ihres Lebens und doch fast schon vor den Scherben selbigem steht und die Musik als Ventil zu nutzen lernt um auch mit dem Rest irgendwann klar zu kommen. In dieser Hinsicht hält der Film ein starkes Ende bereit, das ein wenig Hoffnung oder zumindest ein stückweit Befreiung bringt. Wenn auch zunächst nur für kurze Zeit. Vier Minuten.

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