Manche Geschichten sind zu klein für die große Leinwand und gleichzeitig scheinen sie zu groß, um ausschließlich für die kleine bestimmt zu sein - "Wind Chill" aka "Der eisige Tod" ist so ein Fall. Einerseits hat man nicht das Gefühl, einen mißlungenen Film zu sehen, andererseits spürt man, wie intensiv dieser Film geraten wäre, wenn man ihn überraschend als Fernsehspiel präsentiert hätte, anstatt ihn groß für das Kino aufzumachen, wo er zumeist unscheinbar wirken muß.
Geschrieben und gedreht von relativ frischen Kräften (Katz und Gangemi feiern erste Erfolge als Autoren, Gregory Jacobs hat eine ellenlange Vita als Second-Unit-Regisseur, aber nur zwei echte Regie-Credits - mit diesem), wird dem Zuschauer ein Zwei-Personen-Stück als Kammerspiel präsentiert, wobei die "Kammer" in diesem Fall ein Auto ist, das auf einer einsam-verschneiten Straße im waldigen Irgendwo einen Unfall hat und dann Besuch von ungewollten Besuchern bekommt.
Allein eine flüchtige Lesung dieses Plots deutet schon an, daß man derlei Stories prima in einer TV-Anthologie hätte unterbringen können und zwar mit einer Kantenlänge von 45 Minuten, weswegen es auch niemanden wundern sollte, daß sich Skript und Team irre abstrampeln müssen, um die Karre auf eine Mindestlaufzeit von 85 Minuten netto hochzutouren.
Das heißt dann: raus mit den roten Heringen! Also haben wir folglich zwei total gegensätzliche Charaktere, seltsame Ereignisse auf dem Weg; gewisse Hinweise darauf, daß mit dem jungen Mann, der hier so hilfsbereit nach Delaware schottert, etwas nicht stimmt. Dann talkt man über Nietzsches Konzept der ewigen Wiederkehr und spätestens wenn der ungelenke Chauffeur auf eine eingeschneite Nebenstrasse abbiegt und kurz darauf die Karre unverrückbar in eine Schneewehe setzt, heulen in den Berge die Kojoten das Lied vom "Carnival of Souls".
Bis es soweit ist, daß man sich fragt, ob die beiden vielleicht schon abgetreten sind, es nur noch nicht gemerkt haben, muß man aber durch zähen Morast, denn die nicht benannten Figuren stehen sich diametral gegenüber: Emily Blunt ist die gut situierte pissige Bitch und Ashton Holmes spielt den wortkargen Nerdy Boy und das gibt natürlich alsbald Reibereien, die man auch etwas schwungvoller hätte inszenieren können. Weil die Zickenmaschinerie aber immer mal wieder Durchhänger hat, um das bei etwas Unvorhergesehenem wieder bei Null zu starten, macht das die Figuren nicht eben zugänglicher. "Murphy's Law" ist dabei natürlich Thema Nr.1, denn alles geht schief, was nur schief gehen kann, vom verlorenen Proviant über das nicht schließbare Fenster, fehlende warme Kleidung bis zur Motivation des unscheinbaren Fahrers, der sich Mühe gibt, als kommender "stalking sociopath" zu reüssieren.
Bleibt dann nur die Frage, wann der Tanz endlich losgeht und wenn man denn endlich im finsteren Tann feststeckt, muffelt auch endlich eine düstere Gestalt die Straße entlang und stumme Beobachter lugen aus dem Unterholz, schließlich taucht auch noch ein sinistrer Polizist auf. Das ist insofern durchaus horribel für eher soft gruselig eingestellte Gemüter, hat aber den Haken, daß jedesmal, wenn man drauf und dran ist, endlich mitgerissen zu werden, das Skript wieder einen Zeitsprung und eine Pause einlegt, worauf unser Pärchen wieder das "Extrem Talking" wieder anfängt und dabei die offensichtlich unheimlichen Vorgänge mal eben zu Tode schweigt.
Irgendwann ist dann auch endlich die Pointe aus dem Sack, wobei nie so ganz geklärt wird, was die "Besucher" denn so treiben und was es wirklich bewirkt, denn immer wenn es ans Eingemachte geht, wachen die beiden Figuren wieder im Auto auf. Natürlich kann man sich am Ende eine Lösung zusammen suchen, aber wirklich befriedigend ist die nicht, eher in der Tradition einer klassischen Geistergeschichte, die man am brennenden Kamin eingemummelt seinen Kindern anvertraut.
Das macht jetzt noch keinen schlechten Film, aber einen unausgewogenen, den man besser überraschend im Nachtprogramm entdeckt hätte (bzw. drüber gestolpert wäre), als dafür eine Stange Geld fürs Kino auszugeben. Es ist eine zeitweise atmosphärische kleine Story, die man in Sachen "Übernatürliches" etwas komplexer hätte aufbauen können, deren Charakterteil mit den ganzen Dialogen aber meistens nur zur Streckung dient und dazu führt, die Charaktere eben nicht zu mögen, anstelle des Gegenteils. Wenn endlich die Gegebenheiten auf den Tisch sind, wirkt die Emotionalität der Figuren nur noch gewollt und ein extradicker Showdown, der all das noch mal visualisiert, was man sowieso schon weiß, um Realität und Übernatürlich unentwirrbar zu verknoten, dann wünscht man sich den Film als kleines Juwel, bei dem man mit den Figuren mitgefühlt hätte, anstelle sich über ihre dramaturgische Ungelenkheit aufzuregen. In Winternächten, möglicherweise: 5/10!