Review

Die Bewohner der Elbe haben in letzter Zeit schon so einiges durchmachen müssen. Man denke nur an das Hochwasser im Jahre 2002, in dem der Fluss nicht nur die Elbestadt Dresden, sondern auch Tschechien, Dessau und viele weitere kleine Ortschaften unter Wasser setzte, da durch alle möglichen und unmöglichen Umstände, das eigentlich recht ordentliche Flussbett, das Wasser nicht mehr halten konnte. Jetzt, Mitte 2007, sieht es da genau anders herum aus. Der Fluss Elbe ist zeitweise nur noch ein Rinnsaal, das vor allem durch den fehlenden Regen sein Flussbett mitunter nicht mehr auszufüllen scheint. Dennoch machte sich der Regisseur Marco Mittelstaedt mit seinen beiden Hauptdarstellern Henning Peker und Thomas Jahn daran, dem Fluss, im gleichnamigen Film, eine inoffizielle Hommage zu schenken. Herausgekommen ist dabei ein sehr kleiner aber auch sehr feiner Film, der fernab jedweden Mainstreams zu Herzen geht.

"Elbe" erzählt die zutiefst menschliche Geschichte der beiden Binnenschiffer Gero und Kowsky, die vor kurzem ihren Job verloren haben. Kowsky könnte allerdings in Kürze einen Job in Hamburg bekommen und überredet seinen Kumpel nun mit ihm dorthin zu schippern, noch einmal schön so, wie es sich für Binnenschiffer gehört, mit einem Boot auf der Elbe. Unterwegs halten sie dabei in den unterschiedlichsten, an der Elbe gelegenen Städten wie Dessau oder Magdeburg, um dort einige weitere Besorgungen zu machen. Leider ist Kowsky allerdings auch ein krankhafter Spieler, der sich bei einem weiteren Besuch in einer kleinen Hafenstadt auf ein paar zwielichtige Typen einlässt... Man kommt beim Betrachten der Filmstory einfach nicht umhin zu erkennen, dass wir es hier mit einer Geschichte zu tun haben, die der Normalität bis zum bitteren Ende entsprungen sein könnte. Es gibt tiefgängige Charaktere, lebensnahe Szenarien und eine Handlung, die jeder von uns hier und da, in gleicher oder ähnlicher Weise, sicher schon einmal erlebt hat. Es gibt sozialkritische Momente, aber auch viele Stellen, in denen man die Liebe zum Leben deutlich spüren kann, wenn auch die Figuren hier eigentlich schon ziemlich am Ende sind.

Und gerade dieser Punkt macht "Elbe" wirklich so ungemein sympathisch. Mit nur äußerst bescheidenen Mitteln gefilmt und voll von allerhand sympathischen Einfällen, erschafft Regisseur Marco Mittelstaedt trotz eher unsauberer Bilder eine Atmosphäre, die man bewegener kaum hätte gestalten können. Kleinere Ungereimtheiten bilden da schon fast den Ausbruch aus der Normalität, die dieser Film vermitteln will. Genauso wie die Idee, den Streifen immer wieder auf unterschiedlichen Zeitebenen spielen zu lassen. Im Gegensatz zu sonstigen Filmen gelingt "Elbe" dabei allerdings das Kunststück, dass man an mancher Stelle mitunter gar nicht weiß, dass sich Mittelstaedt mit seinem Film gerade wieder auf einer anderen Zeitebene befindet und man regelrecht überrascht wird, wenn man merkt, dass da gerade wieder ein Flashback auf der Leinwand zu sehen war.

Was das Treiben zudem noch spannender macht, ist auch die Tatsache, dass sich Drehbuchschreiber Holger Nickel für die Handlung einige unerhoffte, dafür aber umso passendere, Wendungen ausgedacht hat. Immer wieder schafft es der Film seine Zuschauer an der Nase herumzuführen, ohne dabei den Grenzgrad des Realismus aber zu weit zu übertreten. Vor allem der Schluss wartet dann noch einmal mit einer Überraschung auf, die man wohl so nie und nimmer erwartet hätte.

Aber nicht nur die Menschlichkeit und die gekonnten Spielereien mit den Erwartungen des Zuschauers machen diesen kleinen Film so sehenswert, alle Anwohner die Links und Rechts der Elbe ihr zu Hause gefunden haben, werden mit Freude auch die teilweise wunderschönen, und mit einem leichten Schrecken auch die teils recht zerhauenen Naturaufnahmen betrachten. Vor allem Dresden erfährt hier teilweise eine filmische Bedeutung, die man so wohl nur im gleichnamigen ZDF-Film betrachten konnte, wenn auch dort auf eine ganz andere Art und Weise.

Allergrößten Respekt gebührt zudem den Darstellern. Die beiden Hauptdarsteller Thomas Jahn und Henning Peker, die man sicher irgendwie, irgendwo schon einmal gesehen hat, aber kaum wirklich für voll genommen hat, legen hier eine Performance hin, die man sich nicht besser hätte wünschen können. Mit einer immensen Glaubwürdigkeit, sowie viel Elan und Tatendrang stellen sie ihre zerrissenen Charaktere hier mit einer derartigen Bravour da, dass man ihnen nur wünschen kann, bald auch in wirklich großen Filmen eine Hauptrolle zu ergattern. Es ist jedenfalls ein absoluter Genuss, den Beiden hier bei ihrer Arbeit zuzuschauen.

Fazit: Ein ganz kleiner Film aus der Programmkinosparte, der aufgrund seiner spannenden und rührenden Art und Weise, Menschlichkeit und Normalität zu zeigen, vieles wesentlich besser macht, als so manch großes Drama aus Übersee. Die Geschichte ist aus dem Leben gegriffen, die Charaktere überaus glaubwürdig und die Inszenierung zwar auf finanziell günstigem, aber dennoch mehr als passendem Niveau. Langeweile ist trotz der austrahlenden Ruhe ein Fremdwort und man könnte eigentlich noch stundenlang den Beiden, bei ihrer Fahrt über die Elbe, zuschauen. Kleinere Ungereimtheiten hier und da sind dann eigentlich nur als Mittel zu sehen, damit diese an Normalität fast kaum zu überbietender Geschichte auch auf der großen Leinwand seine Wirkung nicht verfehlt. Denn wie viele Menschen möchten schon so etwas völlig Normales im Kino sehen?

Wertung: 7,5+/10 Punkte

Details
Ähnliche Filme