Review

Heiße Eisen wie Pädophilie und Kindesmissbrauch innerhalb einer Mischung aus Sozialdrama und Gangster-Thriller zu fokussieren bedarf feinen Fingerspitzengefühls, - sonst ist man als Regiedebütant schneller im Nichts verschwunden, als demjenigen lieb sein kann.
Dem Briten Paul Andrew Williams ist diese Mischung mit seinem ersten Langzeitfilm erstaunlich gut gelungen, die verschachtelt erzählten Geschehnisse wirken phasenweise so realitätsnah, dass es dem Betrachter oftmals die Kehle zuschnürt.

Dem Titel gemäß befinden wir uns in den dreckigsten Vierteln zwischen London und Brighton.
Hure Kelly befindet sich mit dem elfjährigen Straßenmädchen Joanne auf der Flucht zu einer Freundin in Brighton. Ihnen auf den Versen ist Zuhälter Derek nebst Kumpan, denn der Deal mit einem reichen, pädophil veranlagten Geschäftsmann ist irgendwie aus dem Ruder gelaufen und dessen Sohn Stuart übt auf alle Seiten Druck aus, notfalls auch mit unbarmherziger Gewalt…

Wie mitreißend Stoff jenseits der großen Hollywoodstudios ablaufen kann, untermauert dieser Streifen in nahezu jeder seiner Einstellungen. Unverblümt überträgt die sauber geführte Handkamera dreckige Eindrücke aus den Hinterhofgassen, den heruntergekommenen Wohnungen und all den Typen innerhalb von Drogen, Kippen und Alkohol, allesamt mehr im Dämmerzustand, als irgendwelche Ereignisse um sich herum registrieren zu können.

Die nicht-lineare Erzählform erweist sich in diesem Fall als deutlicher Pluspunkt, denn aus der anfänglichen Distanz zu den Figuren wächst schnell ein spannendes Konstrukt, was denn nun bei dem reichen Sack abgelaufen ist und wie es überhaupt zu diesem Deal kommen konnte.
Erst langsam ergeben Puzzleteile ein Ganzes und auch wenn einige Fakten im Vorfeld erahnbar sind, werden die bittersten Erkenntnisse erst gegen Ende aufgedeckt.

Regisseur Williams gelingt es vor allem, Interesse für seine Figuren aufzubringen und ihnen eine glaubwürdige Ambivalenz zu verleihen, indem er auf Klischees weitestgehend verzichtet und die Charaktere so authentisch wie möglich einbindet.
Hure Kelly ist nicht nur die kalte, abgehalfterte Schlampe, die für Geld alles tut, auch wenn sie letztlich Joanne am Straßenrand anspricht und diese im Verlauf mit Kippen versorgt, - ihr weicher Kern scheint zwischenzeitlich immer mal wieder durch.
Auch die Elfjährige ist kein abgebrühtes Balg, welches aus Furcht vorm prügelnden Vater auf die Straße floh, denn zwischen all den Selbstschutzmechanismen ist Joanne ein Kind, das einem frisch gewonnenen Teddy einen Namen gibt, im Meer spielt und während der Zugfahrt malerische Landschaften adäquat beschreibt.

Noch nuancierter ist die Figurenzeichnung des Zuhälters Derek, den man folglich zwar zutiefst verabscheut, doch auch spürt, wie unsicher er gegenüber mächtigeren Männern reagiert, was ebenfalls zur Glaubwürdigkeit beiträgt.
Recht geheimnisvoll wird hingegen die Figur des Stuart, dem Sohn des Pädophilen integriert, dessen versteinerte Mine zu keiner Zeit irgendwelche Vorhaben andeutet.
Und da man nicht weiß, in welchem Verhältnis er zu seinem Vater und den gejagten Frauen steht, ist er am Ende derjenige, der die Fäden der Entscheidung zieht.

Dank großartiger Performances geht die Rechnung voll auf. Jeder der Darsteller agiert mit Hingabe, ausbalancierter Mimik und Gestik und zu jeder Zeit glaubhaft, was dem Gesamteindruck fast schon etwas Dokumentarisches und in dem Zusammenhang niederschmetternd Realistisches verleiht.
Besonders die stilleren Passagen lassen mehr als Oberflächlichkeit der Figuren durchscheinen und am Ende, ohne dass dankenswerter Weise auf Details eingegangen wird, gelingt das kleine Kunststück, einen zufrieden stellenden Ausgang zu erwirken, ohne die Moralkeule zu schwingen und doch aufs Gemüt des Betrachters zu drücken.

Entsprechend bietet „London to Brighton“ beileibe keine leichte Kost.
Das Sujet an sich erfordert bereits starke Nerven, denn es sind keine expliziten Bilder, die so zermürbend wirken, sondern die allgegenwärtige Authentizität, die den Betrachter unweigerlich an fast täglich neue Schreckensmeldungen aus den Medien denken lassen.
Hinzu kommt auf dramaturgischer Ebene der geschickt verpackte Stoff über eine Flucht, die Verfolgung und die finale Auflösung, - dahinter steht keine sonderlich ausgeklügelte Story, sondern eher der Gedanke, wie man diese besonders effektiv und spannend präsentieren kann.
Beides ist dem Streifen in einer gut ausbalancierten Mischung gelungen, - schwer verdaulich, aber sehenswert.
8 von 10

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