Review

„Das Leben ist wie ein Tunnel. Jeder hat seinen kleinen Tunnel, aber am Ende des Tunnels gibt es kein Licht. Es gibt gar nichts mehr."
In seinem ersten spielfilmlangen Werk will uns Regisseur Gaspar Noe sein pessimistisches Weltbild anhand eines Pariser Pferdeschlächters vermitteln. Die Stilmittel und die Bilder, die er dazu verwendet sind plakativ, provokant und brachial.
„Es war ein kleines Leben, kleine Ersparnisse, eine kleine Rente und dann ein kleines Grab."
„Menschenfeind" ist kein Film, der lange Anlaufzeit braucht. Die Thesen, die Gaspar Noe dem Publikum nahe bringen möchte, will er schnell loswerden und zwar in einer deutlichen und einfachen Sprache, die Jeder versteht. Die Gedankengänge eines gescheiterten Pariser Schlachters scheinen Noe dabei das geeignete Medium zu sein und wie, um diese noch zu untermauern, plakatiert er sie in fetten Lettern auf die Leinwand (oder dem Bildschirm). Begleitet werden seine Leitsätze musikalisch durch einen art fanfarenartig ausgestoßenen Kriegsmarsch. Auf die Spitze treibt es Noe dann, als er das Publikum provokativ vor die Wahl stellt, an expliziter Stelle das Kino zu verlassen, gleich so, als wolle er Andersdenkenden die schlussendliche Aussage des Films verwehren. Genauer gesagt geschieht das in der siebzigsten Minute des neunzigminütigen Films mit den gewohnt plakativen Schriftzug (rot auf schwarz):
Achtung. Der nächste Schriftzug: „Sie haben 30 Sekunden um die Vorführung dieses Films abzubrechen". Es ist die Stelle, an der sich der Metzger in der Straßenbahn befindet, um seine autistische Tochter im Heim zu besuchen und sich auch der unvoreingenommenste Filmfreund vorstellen kann, dass der Metzger nichts Gutes im Schilde führt. Dieser Schriftzug bleibt dann auch die 30 Sekunden da stehen und wir erleben einen Countdown bis null. Die 30 Sekunden werden gefüllt mit weiteren Weisheiten unseres Pferdeschlächters, wie etwa: "Seltsam, wenn man alles verliert, findet man seinen Weg wieder", oder „je weniger man isst, desto mehr nimmt man wahr - in den Lagern gab es Welche, die konnten magnetische Wellen sehen". Die dreißig Sekunden sind nun um und wir sehen auf dem Bildschirm das Wort Gefahr geschrieben (abwechselnd rot auf schwarz, schwarz auf rot), soundmäßig untermalt von der dazu passenden Alarmsirene. Ich denke das soll bedeuten, dass der Zuschauer die Vorführung jetzt nicht mehr abbrechen darf :-) . Der Schlachter checkt mit seiner Tochter jetzt in dem kleinen, schäbigen Hotel ein, in dem sie auch gezeugt wurde. In der Tasche trägt er eine Pistole mit drei Patronen. Doch langsam - spätestens jetzt sollte ich einige Worte zur Vorgeschichte der Handlung verlieren:
Unser Schlachter (Philippe Nahon) wurde 1939 in einem Vorort von Paris geboren. Seinen Namen erfahren wir im Film nie. Seine Mutter verließ ihn 1941, der Vater starb im KZ. Er wurde mit sechs Jahren von einem kirchlichen Erzieher sexuell missbraucht. Mit 14 ging er in die Lehre um Schlachter zu werden. Er spart und spart und mit dreißig reicht es für eine eigene Metzgerei. Mit 32 wird er Vater einer autistischen Tochter, namens Cynthia. Die junge Mutter verschwindet. Er kauft eine kleine Wohnung, in der er mit Cynthia lebt. Als Cynthia in die Pubertät kommt, vergeht er sich an ihr und geht für Jahre in den Knast. Cynthia kommt ins Heim. Als er aus dem Knast kommt ist er wohnungslos und seine Metzgerei ist weg. Um seine Tochter kümmert er sich nicht. Er wird Kellner in der Kneipe seiner neuen Lebensgefährtin, die nun auch von ihm schwanger ist. Finanziell fortan von ihr abhängig, folgt er ihr von Paris nach Lille, wo sie zunächst bei der Mutter seiner Lebensgefährtin einziehen. Längst verhasst auf sich, der Welt, seiner Lebensgefährtin und vor allem des Ungeborenen, schlägt und tritt er seiner Lebensgefährtin, die er immer nur „die Dicke" nennt, in den Unterleib. Mit wenig Geld und bewaffnet mit einer Pistole, die er aus der Wohnung entwendet, geht er per Anhalter zurück nach Paris. Er weiß, dass das, was er getan hat, ihn wieder in den Knast zurückbringen kann. In Paris angekommen sucht er Hilfe bei alten Freunden und Geschäftspartnern. Er muss jedoch feststellen, dass er allein steht. Da ist Niemand, der auf seiner Seite ist. Dann fällt ihn noch seine Pistole mit den drei Patronen ein - und seine Tochter Cynthia. Was wird aus ihr im Heim...? Er steigt in die Straßenbahn und fährt zu Cynthia ins Heim, sagt dem Pflegepersonal er möchte mit seiner Tochter den Eifelturm besichtigen und verschwindet dann mit ihr in das schon erwähnte kleine schäbige Hotel, in dem seine Tochter auch gezeugt wurde, in seiner Tasche die Pistole und drei Patronen.
Wir schreiben hier (nur zur Orientierung) das Jahr 1980. „Menschenfeind" zu beschreiben fällt schwer, weil Gaspar Noe ein Filmemacher ist, der einen ganz eigenen Stil hat. Ich denke ich kann sicher sagen, dass ich eine ähnliche Erzählweise so sicher nie in einem Film erlebt habe. Noes zweiter Spielfilm, „Irreversible", hat wieder einen ganz anderen Stil. So habe ich „Menschenfeind" bis hierher so gut es mir möglich war zu erklären versucht, ohne jedoch bestimmte Merkmale an Beispielen festmachen zu können. Es ist es auch schwer, einen Film zu hinterfragen, der filmisch ganz sicher eine Innovation ist und auch vom Unterhaltungswert durch die Erzählweise aus der Sicht des vom Leben gebeutelten Schlachters, mit seinen ebenso einfachen wie einprägsamen Parolen, einiges zu bieten hat und vielen Kneipenstammtischen den Rang ablaufen könnte, jedoch von seiner Aussage her völlig fragwürdig ist. Das der Schlächter Groll hegt, gegen alle Minderheiten, seien es Schwule, Ausländer oder sonst wer, dahinter steht noch keine Aussage und das ist auch keine Aussage, die uns der Regisseur vermitteln möchte. Das waren nur Aussagen eines frustrierten und gescheiterten Pferdeschlächters, der sich, um sein eigenes Versagen ertragen zu können, hier eine Lebenslüge aufbaut. Was mich nachdenklich stimmt ist die Endaussage des Films:
Wer den Film noch nicht gesehen hat und ihn sich ansehen möchte sollte HIER nicht weiter lesen.
Der Metzger ist mit Cynthia, seiner Tochter, im besagten billigen Hotelzimmer. Es ist offensichtlich, dass er Sex von ihr will. Cynthia ist wegen ihrer Behinderung nicht in der Lage, zwischen Vater-Tochter Beziehung und Sexualität zu unterscheiden. Nachdem er sich an ihr vergangen hat, tötet er sie, danach sich selbst. Dass das alles nur in der Phantasie geschieht, erfährt man erst danach. Der Metzger selbst ist froh darüber, dass sich alles nur in der Phantasie abspielte. Dann legt er Hand an ihr an, diesmal real. Es folgen dann einige fragwürdige Schlussaussagen: „Du bist meine Tochter und ich mache aus dir eine Frau"; „Du bist meine Tochter und wir werden glücklich sein und es wird unser Geheimnis bleiben"; „Ob wir's tun, oder nicht, dass wird den Lauf der Menschheit nicht verändern". „Es gibt keine Freiheit, es gibt nur Gesetze, die Unbekannte zu ihrem Wohl geschaffen haben und die mich in meinen Unglück gefangen halten und unter diesen Gesetzen, gibt es Eines, dass besagt, dass ich dich nicht lieben darf, weil du meine Tochter bist. Warum? Wenn man uns diese Liebe verbietet, dann sicher nicht, weil sie schlecht ist, sondern weil sie zu stark ist."
Wer in Besitz der DVD von Universum / Legend Home Entertainment ist, die in der Kino Kontrovers Reihe erschienen ist, hat auch das dazugehörige Booklet. In diesem Booklet heißt es dann auf der Seite Neun: „So tauchen wie bei Jean-Luc Godards Filmen immer wieder Schrifttafeln auf, die streitbare Motti präsentieren („überleben ist ein genetisches Gesetz" u.ä.). Noe betonte in Interviews, das seien in der Tat seine persönlichen Meinungen, in deren Zusammenhang er das filmisch Geschehene verstanden wissen möchte."
Wenn Noe also hinter seinen plakativen Thesen tatsächlich stehen sollte, ich meine alle, auch die über Inzest, dann müsste man den Film ganz sicher aus dem Verkehr ziehen und Noe könnte es dann meinetwegen so ergehen, wie seinen Pferdeschlächter. Ich muss zugeben, dass Noes „Menschenfeind" für mich tatsächlich „Kino Kontrovers" ist, da ich eigentlich immer noch nicht diese Schlussaussage des Metzgers interpretieren kann. Schlussendlich gehe ich mal davon aus, dass Gaspar Noe ein großer Feind und Gegner von jedweder Form des Inzests ist und die Aussagen im Film ausschließlich auf die Gehirnströme eines doch zuletzt schon seelisch sehr angeschlagenen Pferdemetzgers zurückzuführen sind.
In diesem Sinne gibt es dann auch 9 von 10 Punkten für einen herrlich innovativen, provozierenden und völlig ungewöhnlichen französischen Film.

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