Review

Der Schlachter hat es versucht. Immer wieder ist er aufgestanden, hat das Leben angenommen, hat er seine Chance gesucht. Immer wieder ist er auf die Schnauze gefallen, immer wieder hat er eins auf die Fresse gekriegt, und zwar ordentlich. Aber jetzt ist Schluß mit lustig, jetzt kriegen die anderen eine ordentliche Abreibung.

Anfangs sieht es noch ganz gut für den namenslosen Schlachter aus. Seine Frau hat Geld, mit diesem möchte er eine neue Schlachterei in Lille eröffnen. Doch die "Dicke" ist kniepig, möchte lieber weiter bei ihrer Mutter leben und ihren Mann im Supermarkt arbeiten lassen. Peng.

Welch eine Entäuschung. Doch dies soll nicht die einzige Entäuschung bleiben. Er nimmt eine Stelle im Altersheim an, nach einer harten Nacht, bei der er Zeuge eines Todes wird, wird er von seiner "Dicken" auch noch des Betruges bezichtigt. Peng. Er rastet aus, all seine Wut entläd sich in Gewalt. Er schlägt auf den Bauch seiner schwangeren Frau ein. Als er wieder zu sich kommt bleibt ihm nur die Flucht. Mit einer Pistole und 300 France macht er sich auf nach Paris. Doch hier soll es ihm auch nicht besser ergehen.

Gaspar Noé erstes abendfüllendes Werk überzeugt. Es erzählt die Geschichte einer gescheiterten Existenz, oder viel mehr lässt es den Protagonisten selbst aus dem Off erzählen. Noé schildert ein Frankreich der Depression. Enge Wohnungen, verkommene Hotels, leere dunkele Straßen, trostlose Flure, schmuddelige Kaschemmen. Noés Paris ist nicht schöner als Lille. Kein Grund sich hier länger aufzuhalten. Dies ist die Welt des Namenlosen. Er kann ihr nicht entfliehen. Langsam füllen sich seine Gedanken mit Hass gegen die Reichen, die Frauen, die Deutschen, seiner Tochter. Einfach gegen alle, die sich scheinbar gegen ihn verschworen haben. Seine Gedanken werden immer hässlicher, immer wirrer, bis er sie am Ende nicht mehr kontrollieren kann.

Auch der Zuschauer kann am Ende nicht mehr unterscheiden was in Gedanken passiert und was nicht. Allein die Gedanken des Namenlosen sind so erschreckend, dass es für den Film oder die Geschichte nicht ausschlaggebend ist, was Realität ist und was Fiktion. Noé läßt es offen, was noch verstörender wirkt, denn der Zuschauer fühlt sich mit dem Ende plötzlich mindestens so allein, wie der Namenlose in seinem ganzen Leben.

Für mich einer der gelungesten Filme der 90er Jahre und darüber hinaus. Noch eines zum Schluss. Wer aufgrund des Trailers einen äußerst brutalen Exploiter erwartet, wird entäuscht.

Menscheinfeind ist eine höchst ehrliche Tragödie.

Details
Ähnliche Filme