Review

Enthält Spoiler   

„Die Moral ist was für die Reichen“, sagt der Mann am Tresen, dann holt er eine Kanone heraus und sagt: „DAS ist meine Moral!“Die erste Szene von „Seul contre nous“ zeigt uns eine kalte, darwinistische Welt, aufgeteilt in Arm und Reich. Das Gemeinsame dieser beiden Welten ist das Geld, das jeder braucht. Auch der Metzger (Philippe Nahon), der seinen eigenen Laden aufmachen will, aber seine schwangere Frau erlaubt es ihm nicht. Stattdessen soll er irgendwas arbeiten, Geld nach Hause bringen. Doch der böse Metzger, der von Beginn an einen Knacks hat, flippt irgendwann aus, verprügelt seine Frau und tötet das Ungeborene. Er schnappt sich eine Kanone und verschwindet nach Paris mit 300 Francs in der Tasche. Dort sucht er nach Arbeit, doch niemand will den Unsympathen einstellen (er lächelt halt nie!). Durch den informativen Voice-Over erfahren wir, dass er Schwule, Ausländer und Deutsche nicht mag, und wie viele Menschen er töten will. Am Ende geht er zu seiner Tochter, wo die Tragödie ihren Lauf nimmt. 

 Gaspar Noés erster Langfilm will der neue „Taxi Driver“ sein, und er bemüht sich auch redlich, zum Beispiel durch die vielen Texttafeln. Die dreisteste Texttafel, die im letzten Akt folgt, sagt uns, dass wir nur noch 30 Sekunden hätten um den Film zu beenden, im Sinne von „Sagt nicht, wir hätten euch nicht gewarnt, aber gleicht wird’s böse!“. Eine äußerst billige Aktion, die man bei einem Splaterprollfilm erwarten würde, aber doch nicht bei einem ernsthaften Film. Und ernst ist der Film zweifellos. Jedes einzelne, kalte Bild demonstriert uns, wie ernst und wichtig „Seul contre nous“ sein soll. Dieser grauenhafte Manierismus durchzieht den gesamten Film, und stellt ihn und seinen Regisseur automatisch über den Zuschauer. Da fühlt man sich nicht gerade geschmeichelt. (übrigens: ein anderer Reviewer ist geradezu verliebt in diese Texttafel, ratet mal welcher!) 

Um es kurz zu machen, der Film ist jedenfalls nicht der neue „Taxi Driver“. Unser Metzger ist schon von Beginn an eine tickende Zeitbombe, warum er eigentlich ein solcher Soziopath ist, bleibt ungeklärt. Auch die bemühte Fleischmetapher hilft nicht wirklich dabei, diesen Mann zu charakterisieren. Er ist und bleibt der perverse Metzger von nebenan.  

Zugegeben, es war clever, den Amoklauf am Ende durchzuspielen, um ihn hinterher als Hirngespinst zu entlarven und sämtliche Klischees zu untergraben. Das vermutete Ende, dass er seine Tochter und dann sich selbst richtet, stellt sich nicht ein! Der plötzliche Gefühlsausbruch, der gleich darauf folgt, ist stark und emotional aufwühlend. Doch schließlich resultiert die Szene in einem Inzestwunsch, der am Ende über allem steht. Natürlich passt dieser zum grimmigen und nihilistischen Ton des Films, andererseits wirkt das  Ende dadurch einfach nur konfus, ziellos und zynisch.  

Am Ende bleibt also ein simpler Schockeffekt, eine inhaltsleere Überraschung. Natürlich verfehlt der Schluss seine Wirkung nicht, aber was bleibt? „Seul contre nous“ ist pure Provokation, die sich selbst todernst nimmt und vom Zuschauer verlangt, dasselbe zu tun. „Seul contre nous“ ist radikal, hoffnungslos, doch gefangen in einem stumpfen Nihilismus. Er sagt weder etwas neues noch verpackt er seine recycelten Ansichten besonders originell. Da können auch der (sehr) selbstsichere visuelle Stil und der ausdrucksstarke Philippe Nahon  nichts ausrichten.  

„Taxi Driver“, das große Vorbild, bleibt unerreicht. Es reicht nun mal nicht, sich auf der Leinwand auszukotzen.

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