"Das Leben ist wie ein Tunnel. Jeder hat seinen kleinen Tunnel. Aber am Ende gibt es kein Licht. Es gibt garnichts mehr."
Gaspar Noé's ("Irreversibel") erster Spielfilm "Menschenfeind" ist ein unerbittliches Sozialdrama in einem ernüchternden Szenario und moralisch fragwürdigen Themen.
Nach einer Gefängnisstrafe schlägt sich ein ehemaliger Metzger (Philippe Nahon) als Bedienung in einer Bar durch und lässt sich mit der dortigen Inhaberin ein. Er zeugt ein Kind mit ihr, woraufhin beide die Bar aufgeben und eine Bleibe bei der Mutter der vom Metzger stehts als die Dicke bezeichneten Lebensgefährtin finden. Die finanzielle Abhängigkeit zu seiner Lebensgefährtin treibt den Metzger immer mehr in den Wahnsinn. Als ihm sein Wunsch, erneut eine eigene Metzgerei zu eröffnen, durch ihre Ablehnung, ihn finanziell so hoch zu unterstützen verwehrt wird, beginnt er einen regelrechten Hass auf seine Umgebung zu entwickeln. Er wendet Gewalt an und verlässt die abgelegene Provinz. Sein neues Ziel ist ein weiterer Neuanfang in Paris. Dort hat er Freunde und eine Tochter, die er durch die Gefängnisstrafe in einem Heim zurücklassen musste. Jedoch geben ihm seine Freunde keine Unterstützung und die Suche nach Arbeit bleibt ohne Erfolg. Getrieben vom aufgestauten Hass aus 35 jämmerlichen Arbeitsjahren und seiner sinnlosen Existenz, beschließt er gedanklich mit dem unfairen System abzurechnen.
Bereits in seinem Kurzfilm "Carne" erzählte Regisseur Gaspar Noé einen Ausschnitt aus dem Leben seiner hier fortgeführten Hauptfigur. Dieser Handlungsstrang wird zunächst erneut aufgegriffen und in Form von Einzelbildern nacherzählt. Untermalt von patriotischer Marschmusik erzählt der Protagonist seine bislang gelebten Höhen und Tiefen. Sein Heranwachsen ohne Eltern, der Betrieb seiner Metzgerei, das sexuelle Verlangen nach seiner eigenen Tochter und der Grund seiner Inhaftierung.
"Menschenfeind" nutzt auch während der weiteren Laufzeit die Monologe des Metzgers um die Figur verständlich zu machen. Dessen Fundament besteht fast ausschließlich aus Aggressionen, Resignation und Gewalt. Nur wenige Pausen unterbrechen die polemisch, rassistisch, frauen- und schwulenfeindlichen Gedankengänge des Protagonisten und lassen dem Zuschauer kaum eine Pause durchzuatmen. Der Film baut dadurch eine immense Anspannung auf und zwingt das Publikum gegen Ende gar, die moralisch fragwürdigen Thesen zu legitimieren.
Wenn kurz vor dem Finale eine 30-sekündige, warnende Texttafel erscheint, die den Zuschauer motiviert den Film abzubrechen, ist es im Grunde schon zu spät. Bis dahin hat "Menschenfeind" das sanftmütige Publikum entweder schon verdrängt oder empört. Neben dem depressiven Charakterdrama und den schwermütigen Themen Homophobie, Pädophilie, Sexismus und Gewaltverherrlichung präsentiert Noé auch explizite pornographische Szenen, die jedoch zu dem kontroversen Film passen.
Auch wenn "Menschenfeind" nicht die hässliche Brutalität von "Irreversibel" besitzt, stellt er doch einen schwer zu ertragenden Angriff auf die Moralvorstellungen des Publikums dar. Inhaltlich erreicht Noé diese von ihm voll beabsichtigte Schockwirkung, indem er nie auch nur den kleinsten Hoffnungsschimmer aufblitzen lässt. Die pessimistische Perspektive des Protagonisten einnehmend, verflucht der Regisseur mit seinem Werk alles und jeden und formuliert eine radikale und bewusst einseitige Gesellschaftskritik.
Die schäbigen Settings vom schmierigen Pornokino zum versifften Hotelzimmer, triste Texteinblendungen, leere, immer graue Straßen und verbrauchte, müde Gesichter halten den Kessel permanent unter Dampf. Ebenfalls markant sind wiederkehrende Pistolenschüsse auf der Tonspur, die keinerlei Müdigkeitserscheinung zulassen.
"Menschenfeind" wird ebenso von der grandiosen Präsenz des Hauptdarstellers Philippe Nahon ("High Tension") gehalten. Er vermag es, sowohl die cholerischen Ausbrüche als auch die stille Wut in seinem Gesicht wiederzugeben. So wie auch schon bei "Carne" ist diese Rolle ganz und gar auf seine bullige Erscheinung zugeschnitten.
Gaspar Noé's Film brennt sich tief in die Hirnrinde des Zuschauers ein und hinterlässt mit seinen intensiven Bildern und nihilistischem Inhalt tiefe Rückstände im Unterbewusstsein. "Menschenfeind" ist kontroverses Kino auf höchstem Niveau, das zur Auseinandersetzung zwingt und nicht einfach ignoriert werden kann. Durch seine fragwürdige Moral, schwermütige Themen und eine dauerhaft angespannte Atmosphäre, ist dieses Werk keinesfalls für den Gelegenheits-Cineasten geeignet, sondern ausschließlich für ein gefestigtes Publikum. Die letzten noch offenen Fragen der Handlung, beantwortet Gaspar Noé's Folgefilm "Irreversibel", der ebenfalls mit Vorsicht zu genießen ist. Knappe...
10 / 10