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Eine Warnung prangt auf dem Poster des Films. "Warnung!" Wovor? "Zuschauer seien darauf hingewiesen, dass dieser Film Szenen von deutlicher Gewalt und Sex enthalte". Erleichtert man "Seul Contre Tous" um seine Gewalt- und Sexszenen, so bleibt jedoch das Vorsicht gebietende Schild beständig. Die Warnung wird hier nicht vor den einzelnen Tötungs- und Sexszenen ausgesprochen: Nein, es ist der Film an sich, vor dem gewarnt wird. Weder vor seinem Inhalt, seiner Geschichte, nur vor dem Film soll gewarnt werden. Und dies völlig zu Recht, denn "Seul Contre Tous" ist ein eigendynamischer, völlig aggressiver Film.

Gaspar Noés erster Langfilm übernimmt die tragische Figur des Schlachters aus "Carne", und besetzt ihn wieder mit dem großartigen Philippe Nahon. "Seul Contre Tous" berichtet von dem Werdegang seines namenlosen Hauptdarstellers nach seiner Zeit im Gefängnis. Er beschließt, seine autistische Tochter in ihrem Heim zu vergessen, lässt sich mit einer dicken Frau ein, die er zwar nicht liebt, die aber sowohl über Geld für einen Neuanfang mit einer eigenen Schlachterei verfügt, als auch ein Kind von ihm erwartet. Er bekommt einen Job als Nachtwächter in einem Altenheim. Ganz gemäß eines von Noés Credos, das die Egozentrik und Selbstsüchtigkeit zum Überleben führt, beginnt das Leben des Schlachters wieder zu bröckeln, als er versucht, selbstlose Taten zu vollbringen:

Er versucht vergeblich einer sterbenden Frau im Heim das Leben zu retten, und begleitet die ob des Todes verstörte, junge Krankenschwester zu ihrer Wohnung. Eine Nachbarin beobachtet den Schlachter zusammen mit der jungen Frau auf der Straße und berichtet der Lebensgefährtin des Mannes, dass er sie mit einer Prostituierten betrügen würde. Von nun an geht es abwärts. Ein Streit entfacht, der Schlachter entlädt in einem Akt purer Wut und Verzweiflung auf den schwangeren Bauch seiner Lebensgefährtin ein, bringt das Ungeborene zu Tode und flieht mit ein paar Franc und einer Schusswaffe in seine alte Heimat, das Armenviertel von Paris.

Arbeitslos und ohne Freunde schürt er weiter seinen Hass gegen all diejenigen, die nicht für ihn sind. In einem fast allgegenwärtigen Voiceover des Hauptdarstellers kehrt Noé die Gedankenwelt des Schlachters nach außen und zeichnet ihn als einen ähnlich misanthropischen Soziopathen wie Travis Bickle in "Taxi Driver". Die Homosexuellen, die Reichen, die Lügner, die Deutschen - sie alle sind seine Feinde. Als er bemerkt, dass der Sozialstaat keine Gerechtigkeit in Form von Arbeit und finanzieller Unterstützung für ihn bereithält, beschließt er, selber für Gerechtigkeit zu sorgen - und das mit seinen einzigen drei Patronen im Magazin seiner Waffe. Bringt er den homosexuellen Personalchef des Schlachthofes um, der ihn auf arrogant-diskrete Weise abgeschmettert hat? Erschießt er den Barbesitzer, der ihn mit einer Schrotflinte in der Hand aus seinem Etablissement geschmissen hat? Oder wählt er für sich und seine Tochter den Freitod aus dieser rechtlosen Welt?

Am ehesten kann man "Seul Contre Tous" mit Hanekes deutlich schwächeren "Funny Games" vergleichen. Beide Filme attackieren durch das Aufbrechen der filmischen Narration offensiv den Zuschauer und beugen die Realität am Ende durch die Vierdimensionalität des Medium Films. Immer wieder wird der Zuschauer in seinem Sessel durch ein überlautes, unnatürliches Aufbrummen hochgerissen. Hier attackieren der Schnitt und die Tonmischung den Zuschauer. Der Betrachter soll sich erschrecken, soll immer wieder Bewusst gemacht werden, wie hinterhältig der Film mit seinem Rezipienten umgeht. Höhepunkt des Angriffs auf den Zuschauer bildet ein Countdown kurz vor dem letzten Viertel des Films: Eine Texttafel, wie es viele innerhalb von "Seul Contre Tous" gibt, kündigt an, dass der Zuschauer von nun an nur noch 30 Sekunden Zeit hätte, um die Vorführung des Filmes zu beenden. Diese Texttafel zeigt mittels der Subtilität eines Vorschlaghammers überdeutlich, dass der Film hier nach etwas bereithält, das wahrlich nicht leicht zu verdauen sein wird. Der Zuschauer kann buchstäblich nicht behaupten, er wäre nicht gewarnt worden, und befindet sich in einem künstlich erzeugten Dilemma: Wird er die 30 Sekunden nutzen, um sich aus dem Kinosaal zu schleichen? Wird er innerhalb des halbminütigen Ultimatums den Ausschalter am Fernsehapparat finden?

Wenn nicht, wird der Film unweigerlich zu Ende laufen, so viel ist sicher. Und auch nach Beendigung des Nachspanns wird "Seul Contre Tous" im Gedächtnis des Zuschauers bleiben. Doch es ist zum Schluss gar nicht die graphische Gewalt, die im Höhepunkt des Films zu sehen ist, zumal sie im offenen Ende relativiert wird, sondern viel eher, das gesamte filmische Konstrukt Noés. Der Film, der ein Portrait der französischen Gosse zeigt, sie aber weder verurteilt, noch romantisiert. Kein erzählerischer Kommentar wird zu dem Handeln des Schlachters und der provozierenden Zwischentitel gegeben, sondern Noé zeigt uns nur das Leben eines Mannes am Abgrund in seiner eigenen, filmischen und erzählerischen Ästhetik. Der Schluss bietet keine Auflösung, k eine exakte Aussage über die folgenden Geschehnisse.

Noé filmte "Seul Contre Tous" im Cinemascope-Format, denkt aber nicht daran, die ungewöhnliche Breite des Bildes auszufüllen. Nein, links und rechts neben dem Schlachter zieht sich das Nichts im Bild hin. Unschöne, abgewrackte, farblose Gebäude, kurz vor dem Verfall, nur Schatten, kein Trost spendendes Licht. Noé verweigert sich auch der Musik. Kaum sind untermalende Töne zu hören.

"Seul Contre Tous" in ein großartiges Werk radikaler Filmkunst. Im Geiste verbrüdert mit der Gedankenwelt der jungen Landsmänner und Berufsgenossen aus den Tagen der "Nouvelle vague" ist Noé kein Erzähler, kein Freund der traditionellen Narration. "Seul Contre Tous" nutzt sein Medium, und das Wissen des Zuschauers um gerade jenes aus, um seine Kraft und seine Cleverness voll auszuspielen. "Seul Contre Tous" ist mehr Film als alles andere, was aus der Traumfabrik Amerikas exportiert wird. Und ein ehrliches, wenn auch höllisch bedrückendes Werk ebenso.

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