Brian De Palma widmete seine Neuauflage von „Scarface“ unter anderem Howard Hawks, dem Regisseur des Originals, auch sein Film sich deutlich von diesem unterscheidet.
Schon der Einbau politischer Ereignisse geht mit Zeit und beginnt 1980 als Castro Exilkubanern anbot ihre Lieben in die USA zu holen, dabei direkt aber auch Unmengen von Gefangenen ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten abschob. Zu diesen gehört Antonio ’Tony’ Montana (Al Pacino), der erst einmal in einem Auffangcamp landet. Um hier herauszukommen benötigt man eine Green Card, für welche er alles tun würde. Denn Tony ist ein eiskalter Karrierist und als er für das begehrte Stück einen Mord begehen muss, tut er es – weil das Opfer ein Kommunist ist, sogar mit Vergnügen.
Damit bewegt sich Tony auf den Straßen Miamis, träumt wie sein Kumpel Manny Ribera (Steven Bauer) den American Dream. Tatsächlich bietet man ihnen Arbeit bei einem Syndikat an, die Flüchtlinge suchen, die für Geld alles tun...
Was folgt ist die übliche Story vom Aufstieg und Fall des großen Gangsters, kein wirklich innovatives Sujet und die epische Dimension des Genreprimus „Der Pate“ fehlt „Scarface“ einfach. Doch stattdessen gesteht De Palma durchaus ein, dass sein Film zu oberflächlicheren Gangsterstreifen gehört und würzt das Ganze mit Coolness: Montana reißt derbe Sprüche am laufenden Band, das Wort „Fuck“ fällt alle paar Sekunden (meist aus Tonys Mund) und auch das Styling ist modisch 80er Jahre: Anzüge, die teilweise sehr an „Miami Vice“ erinnern, bunte Discos, zeitgenössische Popmusik als Untermalung usw.
Dabei bleibt der Tiefgang gelegentlich etwas auf der Strecke, nur wenige Figuren erhalten Profil (meist konzentriert sich der Film arg auf Montana) und auch da bleibt „Scarface“ nicht immer konsequent, denn warum der vorher so skrupellose Montana später keine Kinder töten will, erschließt sich nicht so ganz. Auch das viel zitierte Finale ist inszenatorisch ein Meisterstück, eine Ballerei zwischen Tony und zig Widersachern, schnittig gemacht, aber doch auf oberflächliche Schauwerte aus. Der schwerstbewaffnete, sprücheklopfende Tony, der zig Kugeln wegsteckt, erinnert da auch eher an den Actionfilm.
Doch davon abgesehen ist „Scarface“ ein wirklich flotter, kurzweiliger Gangsterfilm, was bei einer stolzen Laufzeit von rund 163 Minuten nicht selbstverständlich ist. Ehe ein Lebensabschnitt Tonys zu ausführlich gezeigt wird, beginnt „Scarface“ den nächsten, verweilt auf dem Höhepunkt von Tonys Karriere vielleicht etwas zu lange, doch ansonsten hat De Palmas Film wirklich Drive und bietet auch genug Schauwerte wie Action oder zitatwürdige Dialoge in großer Menge.
Auch die Subplots sind wirklich schnittig eingebaut und zeigen die Nebenfiguren in Beziehung zu Montana: Montanas Boss Frank Lopez (Robert Loggia), der ihm zum großen Aufstieg verhilft, Omar Suarez (F. Murray Abraham), mit dem Tony immer in Konkurrenz steht, Manny, der beste Freund, der doch immer in Tonys Schatten steht und einer der tragischsten Figuren ist. Auf der Frauenseite stehen Franks resolute Freundin Elvira (Michelle Pfeiffer), die Tony schon beim ersten Anblick begehrt, und Tonys Schwester Gina (Mary Elizabeth Mastrantonio), die Tony immer wie ein Kind zu beschützen versucht. Mit ihnen steht und fällt Montana, verrät einige, wird von anderen verraten. Dabei fährt „Scarface“ auch meist konsequent Tony als der ehrgeizigen, auf Geld bedachten Gangster zu zeigen, auch wenn das Persönliche der Figur dabei etwas ins Hintertreffen gerät.
Dabei ist die Besetzung der Titelrolle mit Al Pacino ein echter Volltreffer: Er flucht, er schreit, er tobt und gibt dem cholerischen Gangster mit den Narben im Gesicht das richtige Profil. Eine echte Glanzleistung neben der das restliche Ensemble etwas verblasst. Großartig sind jedoch auch Steven Bauer und Mary Elizabeth Mastrantonio, während Michelle Pfeiffer als zickige Freundin gelegentlich etwas zu sehr auf Autopilot schaltet. Robert Loggia und F. Murray Abraham als Gangster sind dafür jedoch wirklich gut und auch die Nebendarsteller leisten durchweg gute Arbeit.
Das Script von „Scarface“ hat nicht den Tiefgang von „Der Pate“ (oder auch „Carlito’s Way“, dem ähnlich gelagerten Film vom Duo Pacino/De Palma), doch die Darsteller, allen voran ein fantastischer Al Pacino, sind fast durchweg überzeugend, die Inszenierung bringt den nötigen Drive und die Atmosphäre ist durchweg stimmig.