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Als Kuba seine Pforten öffnet, um sich einiger Krimineller zu entleeren, setzt auch Tony Montana (Al Pacino) zusammen mit seinem Buddy Manny Ribera (Steven Bauer) in die Staaten über. Dort boxt er sich auf aggressivste Weise durch eine vorbildliche Gangsterlaufbahn, um dann schließlich die Hosen in der Branche tragen zu dürfen. Nach diesem beruflichen Hoch, welches durch die Ehe mit der scharfen Elvira Hancock (Michelle Pfeiffer) perfektioniert wird, folgt aber der unvermeidbare Absturz. Montana hebt auf der Welle des Erfolges surfend total ab und macht sowohl Familie als auch Freunde nieder. Am Ende folgt dann die berüchtigte, verzweifelte Ballersequenz in Montanas Anwesen.

Die Spannungskurve ist ein bisschen an jene typischen Lektüren angelehnt, die man so in der Schule konsumiert. Wir erinnern uns: Da gab es doch von diesem Knilch names Freytag so ein ulkiges, axial-symmetrisches Dreieck mit fünf Stufen und solch illustren Begriffen wie "erregendem-" und "retardierendem Moment". Am Ende stand jedenfalls immer die Katastrophe. So ist das bei "Scarface" ja ganz grob auch: Erst bumst sich Montana hoch, dann kommt eine hübsche Montage mit Heirat und guter Laune und dann retardierd es gewaltig bis zur Katastrophe. Und ich muss gleich mal feststellen: Ich kann es eigentlich nie wirklich leiden, wenn es sich der Protagonist selbst verbockt. Insofern finde ich die gesamte Endphase des 160 Minutenklopps wenig befriedigend. Andauernd reitet sich Montana weiter in die Scheiße; von Hoffnung keine Spur. Wenigsten der Endkampf reißt nochmal einiges raus.

Im Groben ist das aber nicht so schlimm, denn die Atmosphäre stimmt. Neben der poppigen 80-Jahre Musik, die fröhlich aus den Boxen pulsiert, und einem durchaus gelungenen, wenn letzten Endes auch abwechslungsarmen Score ist es vor allem die gekonnte Inszenierung De Palmas, die fesselt. Dabei hat natürlich auch Kameramann John A. Alonzo ein extra Lob verdient, da die zahlreichen Kamerafahrten super flüssig vollzogen (besonders bei der Kettensägenszene am Anfang) und jegliche Anforderungen De Palmas, wie das gleichzeitige Filmen mit drei Kameras in einem komplett verspiegelten Raum, mit Bravour gemeistert werden. Natürlich ruht sich De Palma auf seinem Vorzeigedarsteller Pacino häufig aus und lässt Nebenfiguren etwas zu kurz kommen, aber warum sollte man auch nich auf seine Stärken bauen?

Für ein zusätzliches Atmosphäreplus sorgt Oliver Stones ausgezeichnetes Screenplay, was zwar ziemlich überzeichnet ist, teilweise aber auch prickelnd authentisch. Er hat damals keine Kosten und Mühen gescheut, um akribische Nachforschungen (unter Anderem im Milieu selbst) zu betreiben, Koksexzesse inklusive. Die Krönung sind aber die ausgezeicheten Dialoge, die super dynamisch sind und aus Montana genau den Antihelden gemacht haben, den wir lieben. Eingebildet, dekadent, brutal. Natürlich resultiert daraus auch der von mir kritisierte Ruin, trotzdem sind diese Charakterzüge um Längen interessanter als irgendein Weicheityp. Dazu sind die Sets und sonstige Schauplätze einfach nur traumhaft. Schöne Landschaften in Südamerika und Miamiflair kann man eben auch in Californien auf Zelluloid bannen. Die Krönung ist aber Montanas tolles Anwesen, mit dem riesigen Foyer, großem Grundstück und zeitlos stylishem Büro (zusammen mit einem protzigen Stuhl, auf dem des Protagonisten Initialen stehen).

Al Pacino spielt bekanntermaßen ziemlich überzogen, was aber auch toll gefällt. Daneben können Darsteller wie Steven Bauer und Mary Elizabeth Mastrantonio nur verblassen, so gut sie auch sein mögen. Michelle Pfeiffer und Robert Loggia prägen sich hingegen ganz gut ein. Insgesamt macht jedenfalls jeder seinen Job so gut er kann, was beim Zuschauen für Freude sorgt.

Also ist "Scarface" trotz oder gerade wegen seiner Überlänge ein zeitloses, beeindruckendes Gangsterepos, das praktisch um Al Pacino herum konstruiert wurde. Der Aufbau frei nach Freytag ist dann für mich auch schon das gewichtigste Manko, ansonsten habe ich nicht wirklich was auszusetzen. Die Atmosphäre ist superb und Montana wohl einer der coolsten Antihelden überhaupt.

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