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"Ich brauch nen Kerl der Eier aus Stahl hat!"

In den 80er Jahren flüchten unzählige Kubaner in die USA, darunter auch Tony Montana (Al Pacino) der mit seinem Freund Manny Ray (Steven Bauer) in Miami sein Glück versuchen möchte. Als einstiger Sträfling ist sein Hang zu Verbrechen allerdings nicht verblichen. Nach einem Job als Tellerwäscher steigt er recht schnell in das Drogenmilieu ein. Durch sein forsches Auftreten kommt er bei seinem Boss Frank López (Robert Loggia) gut an und steigt in der Hierarchie schnell auf. Der Versuch sich mit seiner Mutter zu versöhnen mißlingt Tony. Zumindest seine Schwester Gina (Mary Elizabeth Mastrantonio) empfängt ihn mit offenen Armen, die Tony aus Eifersucht stets von Männern fern hält. Aber eigentlich gilt sein Interesse der gelangweilten Elvira Hancock (Michelle Pfeiffer), die an López's Seite steht. Durch Größenwahn und Drogenkonsum verstrickt er sich schließlich in immer größere Drogentransporte, die auffällig werden und López missfallen.

"Scarface" beschreibt den schnellen Aufstieg und schließlich den Fall eines Kriminellen, der  rücksichtslos die Konkurrenz angreift und korrupte Bullen lieber abknallt, anstatt sie zu bezahlen. Brian De Palma's ("Redacted", "The Untouchables") Gangster-Drama ist in diesem Sinne ungewöhnlich, geht es doch weit weniger seriös und sauber vor, wie es beispielsweise die "Der Pate"-Reihe tut. Dies ist auch nötig, denn es ist am ehesten die harte Inszenierung, die vom Film in Erinnerung bleibt.

Trotz vieler Stärken gelingt es Regisseur Brian De Palma nicht, ein großes Meisterwerk zu schaffen, was an der relativ simplen Handlung sowie an einigen zu langatmig erscheinenden Szenen liegt. Es fehlt ein wenig an Komplexität in den dialogreicheren Abschnitten, die zwar mit harter Aussprache überraschen, sonst allerdings keine Ideen vorweisen.
Das erstaunliche ist, dass der enorm ambivalente Protagonist diese Schwäche ordentlich kompensiert. Während die Nebenfiguren, wie seine naive Schwester Gina, seine spätere Frau Elvira oder sein bester Freund Manny im Grunde nur auf die Wandlung Montana's reagieren, macht jener eine wirkliche Entwicklung durch. Vom jungen, zielstrebigen Drogendealer, der bald ein eigenes Imperium aus dem Boden stampft bleibt letztlich ein nicht nur paranoider, sondern auch einsamer Charakter übrig, dem sein letztes Fünkchen Menschlichkeit den Untergang bescheren soll. "Scarface" beschreibt diese Figur aber nicht nur als niederträchtigen Menschen, sondern gibt ihr auch fürsorgliche Facetten, die sie sehr menschlich macht.

Erst im Finale enthält das Gangster-Drama eine wirklich furiose Actionsequenz. Bis dahin dienen nur kleinere Scharmützel für eine teils unwohle Stimmung. Die intensive, extrem kraftvolle Darstellung von Gewalt, die im krassen Gegensatz zu seriöseren Gangsterfilmen steht hebt den Film von vergleichbaren Werken ab. "Scarface" hat sich gerade dadurch einen gewissen Ruf, erarbeitet, der nun 30 Jahre später als nicht mehr ganz so erschreckend ausfällt. So arbeitet die berühmte Kettensägen-Sequenz geschickt mit Ausblendungen und erweckt nur den Anschein des abtrennens von Gliedmaßen.
Ähnlich stimmungsvoll fällt die stilsichere 80er Atmosphäre durch traumhafte Strand- und Stadtkulissen aus. Mittels Hawaii Hemden, Neonlichtern und einer eingängigen musikalischen Untermalung wird die schwüle Hitze und der exklusive Luxus greifbar.

"Scarface" gehört zu den Filmen, die ihren legendären Ruf vor allem ihrem Hauptdarsteller zu verdanken haben. Al Pacino ("Heat", "Der Pate"-Reihe) präsentiert sich enorm energiegeladen und überheblich gestikulierend. In jeder Szene dominiert er durch seine hitzige Darstellung, so dass der Rest der Darsteller kaum an Präsenz gewinnt. Stets im Schatten dieses starken Pacino agieren Robert Loggia ("Lost Highway"), Steven Bauer sowie Michelle Pfeiffer ("Der Sternwanderer", "Batmans Rückkehr") solide, Mary Elizabeth Mastrantanio ("Robin Hood - König der Diebe", "Abyss - Abgrund des Todes") kann sich zeitweise noch ein wenig abheben.

Trotz der sehr durchsichtigen Geschichte und den sehr dosierten Actionszenen enthält "Scarface" eine äußerst wuchtige Inszenierung, die den überlangen Film enorm unterhaltsam macht. Dank eines brillianten Hauptdarstellers und der unsauberen Vorgehensweise bleibt das Gangster-Drama länger in Erinnerung und hebt sich angenehm ab. Ein wenig mehr Feingefühl bei den Figuren und ein flotteres Tempo hätte es aber trotzdem sein dürfen.

8 / 10

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