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F. W. Murnau drehte diesen Film nach der Literaturvorlage "Die Reise nach Tilsit" von Hermann Sudermann, entfernte aber die Namen der Figuren und Orte, um diesen Film als allgemeingültige Geschichte zu gestalten. Der Film beginnt scheinbar harmlos in einem von Städtern im Urlaub besuchten Dorf mit der nach einem verheirateten Mann pfeifenden Touristin, steigert sich dann emotional allmählich bei der Darstellung einer Liaison zwischen den beiden und erreicht dann einen ersten Höhepunkt in der diabolisch vorgetragenen Idee der Städterin, der Mann solle seine Ehefrau und Mutter eines gemeinsamen Kindes bei einem vorgetäuschten Unfall ertränken, um danach den Bauernhof verkaufen und zu ihr in die Stadt ziehen zu können. Heftig dann auch die Reaktion des Mannes, der ihr zunächst anscheinend an den Kragen gehen will, sich dann aber durch ihre Küsse tatsächlich zu dem Plan verführen lässt.

Hier scheint zunächst eine Bebilderung der Gegensätzlichkeit zwischen Stadt und Land vorgetragen zu werden, bei dem letzteres Unschuld und Gutartigkeit, erstere dagegen die bösartige Verführung als Charakteristikum zugeteilt bekommt. Aber der Film schlägt dann doch eine ganz andere Richtung ein. Von vornherein kann ja auf dem Land nicht alles in Ordnung gewesen sein, sonst wäre der Bauer gar nicht empfänglich für den Plan der Frau aus der Stadt. Die Stärken, das Bewegende der Erzählung zeigen sich, als die Umwege ihrer Interaktion den Bauern und seine Ehefrau unerwartet in die Stadt führen, wo sie durch zahlreiche turbulente Erlebnisse, bei denen der Film dann seine humorige Seite vorweist, unter Tränen und ebenso unter Lachen wieder zueinander finden. Die erzählte Geschichte ist also keine schwarzweißmalende Mahnung "Zurück zur Natur", sondern stellt den Austausch des ländlichen und des städtischen Lebens, das Hand-in-Hand-Gehen der beiden Lebenswelten als das Elixier dar, das dem Zusammenleben des Ehepaars wieder neuen Inhalt, belebende Erinnerungen und das gegenseitige Entdecken verschafft bzw. möglich macht. Diese mittlere Episode des Films wird überwiegend temporeich und slapstickhaft gestaltet, was aber nicht selbstzweckhaft oder albern wirkt, sondern vor dem Hintergrund der sehr ernsten, von Todesahnung erfüllten Einleitung einen nachhaltige, befreiende Wirkung hat.

Mag die finstere Verführerin auch als Figur etwas stereotyp gezeichnet sein, so ist das wohl auch dem Umstand geschuldet, dass das Hauptaugenmerk der Geschichte doch ganz klar auf dem Ehepaar liegt, das von George O'Brien und Janet Gaynor kraftvoll und anrührend verkörpert wird. So märchenhaft und verallgemeinert vieles in diesem Film wirkt, so ist es doch in seiner teilnahmsvollen, therapeutischen Denkart überaus lebensnah, wenn ein im Alltag auseinandergedriftetes und durch Sorgen entfremdetes Ehepaar durch eine bestandene Krise und ein gemeinsames Abenteuer wieder Sinnstiftung für das Zusammenleben erfährt. Scheint zunächst der Mann ganz in einer Täter- und die Frau in einer Opferrolle aufzugehen, zeigt sich aber in beiden eine Gegenkraft, die für die Vitalität ihres Zusammenseins entscheidend ist. Durch diesen Grad an Lebensechtheit ist "Sonnenaufgang" auch nachhaltig bewegend und kein oberflächliches Drücken auf die Tränendrüse.

Murnau hatte bei diesem Film ein großes Budget und weitgehend freie Hand bei der Gestaltung des Drehablaufs, konnte somit vieles akribisch genau erarbeiten, bis es seiner Vorstellung entsprach. Ziel des Filmprojekts war es, den deutschen Expressionismus im Rahmen einer Hollywoodproduktion zu reproduzieren. Düster und magisch erscheint der See, in dessen Uferschilf die Verführung stattfindet und den das Ehepaar später mit dem Boot befährt. So sehen wir den Bauern auch zu Hause sitzen, während sich die geisterhaft ins Bild projizierte Anstifterin zum Bösen sich in ihn hineinkrallt, und so sind hier und da in einem Bild durch aufwendige Bearbeitung zwei Einzelaufnahmen kombiniert, was den Eindruck des Aufeinander-Einstürzens der Bewegungen hervorruft. Auch die Bilder des Straßenverkehrs sind aufwendig, dynamisch und fernab jeder Statik und Theatralik ... nicht nur Filmgeschichte, sondern Filmkunst, die so zeitlos ist, wie es ihr Schöpfer seinerzeit mit seinen namenlosen Figuren und Orten beabsichtigt hat.

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