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Ein Bauer verfällt einer Frau, die aus der Stadt kommt und auf dem Land Urlaub macht. Doch ihrem Glück steht seine Frau im Weg. Da reift in der Verführerin ein perfider Plan.


Kann man Drama, Liebe, Romantik, Action, Thrill und auch noch Slapstick in einem Film vereinen? Klar. Aber funktioniert das auch? Wenn man Friedrich Wilhelm Murnau ist, auf jeden Fall.

Aber Sunrise ist eh ein bemerkenswerter Film, denn bei der ersten aller Oscarverleihungen im Jahr 1929, war Sunrise in insgesamt vier Kategorien nominiert und gewann drei der begehrten Statuen. Er wurde als bester, und da es diese Kategorie bereits 1930 nicht mehr gab, als einziger Film in der Kategorie Künstlerische Produktion (Unique And Artistic Picture) ausgezeichnet. Charles Rosher und Karl Struss wurden in der Kategorie Beste Kamera ausgezeichnet und Hauptdarstellerin Janet Gaynor schließlich erhielt den ersten je vergebenen Oscar in der Kategorie Beste Hauptdarstellerin für ihre Leistungen in gleich drei Filmen, nämlich in Das Glück in der Mansarde, in Engel der Straße sowie in Sunrise.

Und die Goldjungs sind in allen drei Fällen absolut verdient. Rosher und Struss machen die Kamera quasi zu unseren Augen, lassen uns dadurch ganz nah dabei sein. Statt der damals noch üblichen steifen Stativ-Kisten trugen sie die Kameras frei in der Hand, schleppten sie durch Sumpf, Matsch und Büsche oder ließen sie sanft auf Schienen gleiten. So realisierten sie einige der ersten Dolly-Shots, die heute Standard sind.

Murnaus Prinzip war, Bewegung bringt Leben ins Bild. Er lässt real gedrehte Szenen mit Kulissen oder Glasmalerei verschmelzen. Und mit seiner Darstellerführung hat er das zusätzlich noch verstärkt, denn George O’Brien und Janet Gaynor als Ehepaar schaffen es spielend (höhö), sich in diese Overlays zu integrieren und zudem noch vielfältige Gefühle zu vermitteln und uns Zusehende in ihren Bann zu ziehen. So ist O’Brien im ersten Drittel noch hassenswert und Gaynor die unscheinbare Hausfrau, die gegen die sexy Femme Fatale aus der Stadt, gespielt von der verführerisch schönen Margaret Livingston, gefühlt keine Chance hat und dadurch nicht nur um ihre Ehe bangen muss. Doch im Mittelteil flammte die Liebe der beiden neu und so intensiv wieder auf, dass man dies beiden zu hundert Prozent glaubt und sich auch die Sicht auf die Figuren wandelt. Dieser Teil ist wie ein Rausch romantischer Gefühle, in den Murnau ab und an etwas Slapstick, einschließlich einem trunksüchtigen, borstigen Schweinchen Babe einbaut.

Das letzte und womöglich intensivste Drittel dürfte den größten Teil der mit etwa 200.000 Dollar nicht unerheblichen Produktionskosten verschlungen haben. Aber diese dramatischen Szenen sind hautnah gefilmt und intensiv gespielt, natürlich immer mit dem für Stummfilme üblichen leichten Overacting. Da steckt einiges an Action drin, alles ist beständig in Bewegung, man fühlt das Geschehen fast hautnah. Das ist großes Kino voller Leidenschaft.


Das Wort Meisterwerk wird meiner Meinung nach oft überstrapaziert und inflationär verwendet, doch wenn ein Meister seines Fachs mit talentierten Menschen ein revolutionäres, grandioses, bildgewaltiges, intensives Werk schafft, dann kann man dieses Prädikat wohl ruhigen Gewissens verwenden. Sunrise ist weniger berühmt als Nosferatu, aber nicht weniger brillant und innovativ. Ein Meisterwerk!



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