Zeit, dass sich was dreht…
Es war einmal ein Filmemacher, der hatte großen Erfolg mit einem Film über einen Sport namens Fußball. In diesem Film ging es – ja – um Fußball und um die Beziehung zwischen einem Vater und seinem Sohn. Nun hatte es diesem Filmemacher so viel Spaß gemacht, sein liebstes Hobby in einen Film zu integrieren, dass er dachte: „Hmmm… Es wäre ja eigentlich ganz schön, wenn ich noch einmal die Möglichkeit hätte, einen Fußball-Film zu drehen.“
Glücklicherweise waren zu jener Zeit – einer Zeit, in der es dem Volke von Königin Angela immer schlechter erging – die Vorbereitungen für ein Großereignis im Gange, das der Welt unter dem schönen teutonischen Namen „FIFA Worldcup 2006™“ präsentiert werden sollte. So ereignete es sich also in jenen Tagen, dass jener Filmemacher sich auf den beschwerlichen Weg zum Kaiser und seinen Bediensteten machte, um dem Kaiser den erforderlichen Tribut zu zollen und untergiebigst darum zu bitten, eben dieses Großereignis mit seiner Kamera begleiten zu dürfen. Und so sprach der Kaiser: „Sönke, es sei dir gestattet. Doch soll dies nicht ohne eine Prüfung vonstatten gehen: Du sollst Zugang erhalten zu einer Gruppierung, die wohl nicht sehr erfolgreich sein wird, aber dennoch ein ganz witziger Haufen ist. Dein Film soll die Geschichte dieser Gruppe erzählen, und vor allen Dingen: er möge mich unterhalten! Gelingt Dir dies, so steht es Dir frei, den Film dem Volke vorzuführen. Gelingt es dir nicht, so wirst Du mitsamt Deiner Kamera auf dem Betzenberg zu Kaiserslautern Opfer des Scheiterhaufens. Und nun geh’ dahin und walte Deiner Dinge!“
Und so schlich sich der Filmemacher von dannen und begab sich alsbald auf die schöne Insel Sardinien, wo er auf die Gruppe treffen sollte, die er von diesem Zeitpunkt an für einige Wochen begleiten würde. Er erhielt Einblick in die heiligsten Kammern der Gruppe, durfte an Besprechungen der Generäle Klinsi, Jogi, Andi und Oli teilhaben, lernte witzige Zeitgenossen wie Schweini und Poldi kennen, aber auch ruhige, in sich gekehrte Herren wie der gestürzte König Kahn kreuzten seine Wege. Er hatte eine schöne Zeit und feierte die Siege, die so wohl niemand voraussagen konnte, wie wenn er sie selbst errungen hätte. Er war Teil der Gruppe. Und auch das Volk spürte, dass sich etwas „drehte“. Alle waren glücklich.
Und trotz all des Glücks missfiel es dem Filmemacher, dass er scheinbar dazu gezwungen war, sich im komödiantischen Fach zu versuchen. Ihm lag mehr daran, dem Kaiser eine herzergreifende Tragödie zu präsentieren. Also kniete er in der nächsten Kathedrale darnieder, um zum großen Fußballgott zu beten: „Oh, Herr! Auch wenn mich eine ganze Nation lynchen würde, wenn sie erfahren würde, worum ich Dich nun hier bitte: Gebiete dem Frohsinn für nur einen Moment Einhalt und räume mir die Möglichkeit ein, ein wenig Dramatik in meinen Film zu bringen.“ Und der Altarraum der Kathedrale hüllte sich in helles Licht und aus dem Licht sprach der Fußballgott: „Hallo Sönke, hier ist Sepp! Dein Film über mich und meine 54er Jungs hat mir gefallen… Darum will ich Dir Deinen Wunsch nicht abschlagen. Wann soll es denn so weit sein?“ Nach kurzem Grübeln entgegnete der Filmemacher: „Halbfinale! Und danach bitte wieder Erfolg… Happy End muss sein, sonst lande ich wohl noch auf dem Scheiterhaufen…“ Und während sich die Kathedrale wieder verdunkelte erschallte ein durch Mark und Bein gehendes „So sei es!“ im Gebetshaus.
Und so sollte der Tag kommen, an dem alle Träumen zerplatzten. Für einen Moment verlor der General scheinbar die Kontrolle über die Fähigkeiten seiner Söldner und sie verloren in einer aufopferungsvoll geführten Schlacht gegen das Volk, das über die Alpen kam, um im Land von Königin Angela all seine heimischen Sorgen in Vergessenheit geraten zu lassen. Und aus der großen Komödie wurde die große Tragödie. Sie lagen sich in den Armen und weinten bitterlich. Nur der Filmemacher, er stand etwas verschmitzt lächelnd in der Ecke, beobachtete das Treiben und dankte dem Fußballgott für diesen traurigen Moment, der seine Zuschauer später aus dem euphorischen Glücksgefühl wieder zurückschleudern sollte in jene Trauer, die jeden von ihnen schon an jenem Abend dieses schrecklichen Ereignisses ergriff.
Doch auch in all der Trauer fanden die Generäle die richtigen Worte, um das teutonische Großereignis versöhnlich abschließen zu können. Und sie feierten in der ganzen Nation, denn es hatte sich was „gedreht“. Die bunten Fahnen wehten aller Orten und der Filmemacher begab sich in seinen Schneideraum, um sein Material in Form zu bringen.
Nur wenige Wochen später begab sich der Filmemacher erneut auf den Weg zum Kaiser, diesmal mit einer Filmrolle unter dem Arm, die über sein Schicksal entscheiden sollte. Während der Kaiser in seinem opulenten Filmevorführsaal dem Geschehen auf der Leinwand folgte, beobachtet der Filmemacher nervös das Gebahren des Kaisers. Mal lächelnd, mal mit einem kleinen, aber doch erkennbaren Tränchen im Auge, wippte der Kaiser auf seinem Thron auf und ab. Schließlich – als die letzten Worte eines mäßig begabten Predigers aus Mannheim verklungen waren – wandte sich der Kaiser dem Filmemacher zu und sprach: „Gehe hinaus und präsentiere es dem Volk! Es soll sich daran erquicken wie ich es tat! Auf dass das Volk wieder jene Emotionen verspüre wie dereinst, als diese Gruppe kreuzfideler Burschen zwar nicht den Pokal, aber die Herzen von Millionen eroberte. Ja, es hat sich was gedreht!“
Und wenn die Emotionen nicht gestorben sind, dann dreht es sich noch heute… 7,5/10