Hunde die bellen, beißen dich
"Amores Perros" ist ein meisterlicher Episodenfilm über einen Autounfall in Mexiko, der als Ankerpunkt für drei Geschichten fungiert und die Leben (mindestens) dreier Personen grundlegend erschüttert. Mittlerweile hat sich Inarritu mit "The Revenant", "Babel" oder "Birdman" zu einem der gefragtesten Regisseure seiner Generation gemausert - das hier war seine Eintrittskarte und Feuertaufe. Eine kraftvolle, überlange aber immer immens fesselnden Grossstadtcollage, die noch viel mehr Beachtung und Bekanntheit verdient hätte. Mexikanische Filme waren und wurden schlicht nie besser. Wer dieses Labyrinth aus Leid, Hunden, Hoffnung und menschlichen Abgründen einmal auf sich hat wirken lassen, wird es nie mehr los. Für mich ein Film, in dem ich mich jedes Mal aufs Neue verliere und dessen (deutsche) Blu-ray-Veröffentlichung längst überfällig ist.
Was hebt "Amores Perros" so ungemein von anderen Anthologien ab? Schwer in Worte zu fassen. Er hat ein ungeheure Wucht, Intimität und Klasse. Er ist nicht hübsch aber trotzdem eine Augenweide. Er ist nicht europäisch, funktioniert jederzeit international und ist zutiefst human. Voller Fehl und Tadel, trotzdem nie komplett ohne Hoffnung. Mal surreal angehaucht, mal schmerzhaft realistisch. Gerade die Hundekämpfe gehen jedem Tierfreund ins Mark. Mal witzig, mal traurig. Hervorragende Darsteller und ein Feeling irgendwo zwischen Tarantino und "The Battle of Algiers" runden das Gesamtbild zu einem sprachlos machenden Highlight ab. Das neue Jahrtausend hätte vor 17 Jahren kaum besser eingeläutet werden können. Feinstes Kino, das wachrüttelt und, nicht immer angenehm aber vollkommen effektiv, seine seelischen Spuren hinterlässt.
Wer sich noch nicht für Weltkino interessiert, tut es spätestens nach diesen zweieinhalb Stunden. Lasst euch nicht von der Laufzeit einschüchtern, jede Minute lohnt sich aufzusaugen. Ein nahe gehendes Pulverfass, ein moderner Klassiker des sich bewegenden Bildes. Wer damals hierin nicht schon das unheimliche Regietalent des Mexikaners erkannte, muss Tomaten auf den Augen und Scheuklappen am Herzen getragen haben. Alle drei Episoden sind gleichwertig auf höchstem Niveau, was bei weitem nicht selbstverständlich ist in dieser Art Filme zu machen. Ein Kraftwerk, das gehörig geholfen hat Mexiko auf die Filmlandkarte zu hieven. Zeitlos, voller Power, voller Schatten, voller Licht. Voller Fell, voller Blut, voller Herzblut. Hunde sind wohl auch nur Menschen...
Fazit: "Amores Perros" ist eines der besten Regiedebüts der Geschichte und war ein früher filmischer Meilenstein in diesem Jahrhundert. In seiner rohen Natur und packenden Verschachtelung vielleicht sogar noch immer Inarritus bestes Werk in einer mittlerweile mehr als erhabenen Filmographie!