Einführend ne kleine Vorgeschichte zum Sendetermin. WUT sollte eigentlich schon zwei Tage vor seiner Erstaustrahlung zu einer familienfreundlichen Zeit gesendet werden. Die ARD Intendanten bekamen wegen des kontroversen Themas kalte Füße und verschoben WUT ins Freitagnachtprogramm. Anschließend schoben die ARD Wichtelhirne eilig eine 60 Minuten Talkshow hinterher (natürlich ohne die Credits des Spielfilms zuende laufen zu lassen), in welcher Jugendliche, Hauptdarsteller, Regisseur, Politiker, Pädagogen etc. von einer unerträglichen "Talkmeisterin" (Öffentlich rechtliche Vorzeigetussi Sandra Maichberger) vorgeführt wurden. Wie diese Person Oktay Özdemir mehrmals unhöflich ins Wort viel empfand ich schon ziemlich (meine Oma würde sagen) ungezogen. Die Tante sollte einfach mal ihre Schnute halten, wenn sie absolut NULL Ahnung von der Materie hat.
Ok, los gehts mit der Filmkritik. Der Schüler Felix, Sohn eines angehenden Professors und einer Maklerin (also schon ein Wohlstandsjüngling) wird vom türkischen Halbstarken Can drangsaliert. Der schwächliche Felix läßt sich einfach alles von Can gefallen. Nebenbei kauft Felix aber ganz gerne sein Dope bei Can. Spätestens nachdem Felix ohne Schuhe Heim kommt, die hat Can nämlich abgeerntet, findet sein liberaler Papi Simon das er da jetzt mal einschreiten muß. Naiv wie Simon ist, stellt er Can, der gerade mit seiner Gang abchillt, zur Rede. Zur Begrüßung gibts erst mal zwei Big Mäc Sesambrötchen auf die Jacke geschmiert und Simon lernt einen Schnellkursus Streettalk (äihhh ich ficke düsch alder, du hurensoohhhn usw. usw.). Fassungslos schwirrt er ab. Mit dieser Aktion hat Simon seinem Sohn einen Bärendienst erwiesen. Den nächsten Vogel schießt der besorgte Vati ab, als er Cans Vater in dessen Altbauwohnung persönlich aufsucht (eine göttliche Sequenz) und die Schuhe von Felix einfordert. In seiner Ehre verletzt geht Can in die Gegenoffensive. Er freundet sich perfide mit Felix an, spielt diesen immer mehr gegen dessen Eltern aus und quält Simon mit unterschiedlichsten Psychoterror. Die Geschichte endet in einer Katastrophe!
Beim Filmgenuß von WUT gefällt vieles. Das Milieu wird beindruckend dargestellt. Die Figuren wirken nicht als ob sie das nur spielen, sie sind es wirklich und zwar alle. Oktay Özdemir (Can) kotzte mich in den ersten Minuten dermaßen an, der Hass stieg in mir hoch! Je länger der Film dauerte, desto sympathischer wurde mir der Kerl. Oktay ist mir schon in JARGO aufgefallen, KNALLHART ist mir leider im Kino entgangen. Ich hoffe der Mann bekommt auch mal andere Rollen angeboten und bleibt am Ball. Jedenfalls ist er ne echte Type. Vor Regisseur Züli Aladag, einen in der Türkei geborenen Stuttgarter, habe ich Respekt. Der Mann zeigt schonungslos wie junge Türken in Deutschland abgehen. Toll auch wie er die Fassade einer heilen liberalen deutschen Familie durchleuchtet. Auf dem ersten Blick tolle Leute, auf dem zweiten Blick widerliche Ehekrüppel die sich nichts mehr zu sagen haben und sich gegenseitig sexuell am Fließband betrügen. Corinna Harforth (Klasse Frau die nicht zu altern scheint) spielt Christa, eine typisch verachtenswerte Ehefrau, die nur an sich denkt. Der Gipfel ihrer Arroganz besteht darin, daß sie ihren Mann Simon unbedingt mit dessen besten Freund (mein Buddy Ralle Herforth) betrügen muß. Man muß WUT aber streng genommen eine gewisse Unlogig unterstellen. Warum gehen die Eltern nicht sofort zur Polizei und stellen Strafanzeige. Später kommt zwar eine Polizeiaktion ins Spiel, da ist es aber leider schon zu spät. Da tickt die Zeitbombe Can nämlich schon sehr schnell. Versteht mich nicht falsch, bei einem Exploitationsfilm hinterfrage ich solche Sachen erst garnicht, denn da handelt es sich "nur" um spannende Unterhaltung. WUT will aber mehr sein. Der Film will einfach zuviel. Er will aufrütteln, zur Diskusion anregen und spannend unterhalten. Genau dort verfängt sich WUT leider und wirkt dann doch meistens wie ein gewöhnlicher konstruierter biederer deutscher TV Krimi der neuen Generation. Züli Aladag drehte ja schon zwei Tatorte (die ich nicht gesehen habe) und konnte sich leider noch nicht diese Haut abstreifen. Sein ELEFANTENHERZ hat meiner bescheidenen Meinung nach von der Kinotauglichkeit einen kleinen Vorsprung vor WUT. Nach den letzten desaströsen Arbeiten von Sönke Wortmann und Peter Thorwarth und dem zum Arthousekino entrückten Fathi Akin bleibt Züli Aladag das Licht am deutschen Kinohorizont.
6,5 Punkte, Tendenz steigend...