Review

Achtung: mehrere Spoiler enthalten!

Diesen Film hab ich mir neulich zusammen mit „Knallhart“ (siehe vorangegangenes Review) ausgeliehen, weil ich einen direkten Vergleich wollte. Beide stammen aus dem Jahre 2006 und behandeln das Thema Ausländerkriminalität. Um ehrlich zu sein, dachte ich folgendes als ich den Text auf der DVD-Hülle las: „Der Name dieses Films ist gut gewählt, denn er wird sicher nichts als WUT in mir erzeugen!“
Irrtum, denn „Wut“ ließ mich eher nachdenklich zurück, obwohl ich für minderbemittelte „Stresskanaken“ nicht viel übrig habe. Hier wird z.B. auch deren Umfeld beleuchtet, was mir bisher nur durch Erzählungen von Dritten zugänglich war. Soll heißen, Cans Vater ist ein gläubiger Moslem und verstößt seinen Drogen dealenden Sohn. Daraufhin hat dieser seinen letzten Halt (die eigene Familie) in der deutschen Gesellschaft verloren, wo Ausländer angeblich nur die Drecksarbeit machen, für die sich Einheimische scheinbar zu schade sind.

Im Mittelpunkt steht eine typisch deutsche Gutmenschen-Familie: der Vater ist Professor, die Mutter bumst im 68er-Style wild durch die Gegend, und Sohn Felix weiß nicht so recht, was er davon halten soll. Mit Can (authentisch dargestellt von Oktay Özdemir) kam er wegen dem Kiffen in Kontakt. Brisant: auch sein Vater raucht gern mal ne Tüte mit seinem besten Kumpel, der heimlich dessen Frau pimpert. Felix wird hin und wieder von Can abgezogen, was überraschenderweise ziemlich lustig dargestellt wird. In diesem Stadium kommen auch Fragen an die Eltern wie „Warum habt Ihr diese Ausländer in unser Land gelassen?“. Später begreift Felix, warum sich Typen wie Can ungehindert in Deutschland breit machen konnten: „Die Türken halten zusammen, während die Deutschen keine Ehre haben“ oder „Ihr Erwachsenen mit Eurem scheiß Hitler-Komplex“.

Respekt: ich hätte nicht gedacht dass heutzutage solche Themen in einem fürs deutsche Fernsehen (WDR) gedrehten Film thematisiert werden. Schließlich muss man sich theoretisch den Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit gefallen lassen, weshalb der Film im öffentlich-rechtlichen TV von 20:15 auf einen späteren Sendeplatz verlegt wurde (siehe Bonusteil), wo definitiv weniger Leute der angesprochenen Zielgruppe zuschauen. Denn genau dieses Klientel sitzt zu diesem Zeitpunkt nicht vor dem Fernseher, sondern in der üppigen Villa fernab jeglicher sozialen Brennpunkte. Trotzdem können auch diese Leute zum Opfer von delinquenten Jugendlichen mit Migrationshintergrund werden, und allein die Darstellung der Möglichkeit einer solchen Konfrontation macht den Film extrem wertvoll. Sehr schön ist auch die Kritik an der Nazikeule gelungen, denn wenn ein Ausländer damit auf einen 68er eindrischt (die Hörsaalszene), welcher diese Waffe selbst gern gegen Konservative einsetzt, ist das einfach nur bösartig witzig.

Speziell „Grüne“ und „Linke“ werden hier gezwungen, ihre bisherige liberale Einstellung zu hinterfragen. Klar, Can und seine Familie sind die Verlierer im aktuellen Gesellschaftssystem, die im Schlagwort „Integration“ eher ein Schimpfwort als ne erstrebenswerte Perspektive sehen um sozial aufzusteigen. Dies scheint nur Individuen vorbehalten zu sein, die offene Beziehungen führen und ihren Nachwuchs in diesem Sinne erziehen. Doch selbst Felix erkennt dass im „Ehre“-Begriff von Can – egal wie primitiv und archaisch dieser letztendlich ist – mehr steckt als im theoretischen Rumgelaber bezüglich einer erstrebenswerten Gesellschaft. Kritisieren würde ich trotz Generationenkonflikt nur die Tatsache, dass Felix nicht sofort Stellung bezieht, nachdem sein Vater von Can und seinen Jungs verprügelt wurde. Das ist in meinen Augen unrealistisch, und gilt auch für die vorangegangenen (Kiffen im Kinderzimmer) und folgenden Versuche (siehe Go-Kart-Bahn), mit den Aggressoren auf Kumpel zu machen. Dass diese ehrlosen Anbiederungen (welche zuvor verständlich wirken damit Felix nicht täglich auf die Fresse bekommt) nicht zielführend sind, wird spätestens im Showdown klar, wo der Vater Farbe bekennen muss. Und obwohl ich dessen Handlung nur konsequent und richtig finde, stellt sich (Glückwunsch an den Film) trotzdem die Frage, ob man das „Problem“ nicht auch anders hätte regeln können. Versteht mich nicht falsch: ich heule dem Aggressor keine Träne nach, sondern überlege was man damals (als die Gastarbeiter nach Deutschland geholt wurden) anders hätte machen können und wie man heute auf kriminelle Taten ihrer Nachkommen reagieren sollte. Immerhin gibt der Film eine diesbezügliche Antwort: notorische Kriminelle sollte man wegsperren. Das finde ich auch, aber es ist heutzutage nun mal nicht so, zumindest nicht im Zeitraum zwischen Anzeige und Prozess, wo – wie dieser Film zeigt – noch ziemlich viel unerwarteter Mist passieren kann.

Fazit: „Knallhart“, wo es hauptsächlich um einen Jugendlichen ging, der sich in einem neuen sozialen Milieu zurechtfinden muss, ist nicht uninteressant, aber in Bezug auf das behandelte Thema (ausländische Parallelgesellschaften, alternativer Wertekontext, Reaktion?) weniger aufschlussreich als „Wut“, wo auch die Initiatoren dieser Entwicklung (Politiker im Nachkriegsdeutschland und speziell die 68er) ordentlich ihr Fett wegkriegen und gezwungen sind,  ihre bisherige Einstellung wirklich kritisch (im Sinne von Adorno & Co.) zu reflektieren. Meiner Meinung nach sollte man sämtliche, selbsternannte Gutmenschen im heimischen Sessel anschnallen, die Augen „clockwork“-like öffnen und sie zwingen hinzusehen, wohin ihre damalige, mittlerweile 40-jährige Einstellung führte, während sich die Welt unbarmherzig weitergedreht hat. Und ich gehe folgende Wette ein: spätestens wenn es solchen Leuten genauso geht wie den gutbürgerlichen Opfern im Film, wird auch bei diesen Träumern ein Denkprozess einsetzen. Da bin ich mir ganz sicher, und in dieser stillen Hoffnung vergebe ich 9 von 10 Punkten auch wenn ich niemandem ein solches Drama wie in diesem Film wünsche.

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