Innovationen beim Tanzen und Filmen: Inland Empire
Gleich vorweg: Inland Empire ist selbst für einen Regisseur wie David Lynch der ja nicht gerade selten komplizierte Erzählstrukturen verwendet und auch bisher nicht davor zurückschreckte Filme zu schaffen, die viel Platz für eigene Interpretationen offen ließen, ein ungeheuer komplizierter und schwer verdaulicher Film.
Die Schauspielerin Nikki Grace (Laura Dern) lebt mit ihren schwerreichen polnischen Ehemann im sogenannten "Inland Empire" östlich von Los Angeles. Als ihr eine neue Rolle angeboten wird nimmt sie diese dankend an. Sie beginnt (so vermute ich) eine Liebesbeziehung mit ihrem Co-Hauptdarsteller (Justin Theroux) doch bekommt es bald mit der Angst zu tun, ihr Mann könnte ihnen auf die Schliche kommen. Als sie vom Regisseur des Films (Jeremy Irons) mitgeteilt bekommt, das sie ein Drehbuch eines deutschen Films, der nie fertig gestellt wurde, da die Hauptdarsteller während den Dreharbeiten in Polen ermordet wurden, driftet sie langsam in den Wahnsinn ab.
Von da an sind die Übergänge zwischen Film(-set), Realität, Gegenwart, Vergangenheit,(Zukunft?), Polen, Kalifornien, Schauspielerei und Prostitution verschwommen. "Hasenmenschen" treten im Rahmen einer Sitcom auf, polnische Prostituierte und Zirkusartisten und ein Phantom reichen sich die Klinke oder erscheinen aus Hotelzimmern und Schallplatten. Dann und wann wird auch noch zu hübscher 60er Musik getanzt. Und der Zuschauer kann eigentlich nichts mehr tun als sich damit abfinden nicht mehr einer "echten" Handlung zu folgen sondern sich einfach nur von der Atmosphäre, die Bilder und Ton schaffen, niederdrücken zu lassen.
Man könnte natürlich genauer auf die einzelnen Fragmente einer Handlung eingehen, was aber wahrscheinlich im Ansatz stecken bleiben würde. Das Drehbuch entstand als Patchwork, ist unglaublich verworren und lässt Zusammenhänge zwischen einzelnen Handlungstränge (wenn diese nicht sowieso nach kürzester Zeit abreissen) bestenfalls erahnen. Um Lynch Vorgängerwerk zum Vergleich heran zu ziehen: Mullholland Drive wirkt dagegen geradezu bestechend einfach und logisch (und den hab ich schon nicht verstanden). Und das ganze präsentiert uns Lynch in einer "Heimvideooptik" unterlegt mit Musik, die einem oft den letzten Nerv raubt und kein Soundtrack ist den ich im CD-Regal brauche.
Und trotzdem ist der Film meiner Meinung nach Pflichtprogramm. Warum? Zur Story gibt es nicht viel zu sagen. Gerade ihre Abwesenheit nützt Lynch dazu einen Alptraum ungeheuren Ausmaßes zu kreieren. Wem schon Mullholland Drive zu "offen" war, der wird mit Inland Empire keine Freude haben. David Lynch hat oft genug Rationalität und klare Erzählstrukturen aus seinen Filmen verbannt (Als Beispiel sei hier Lost Highway genannt, damit ich nicht dauernd Mullholland Drive erwähnen muss....) treibt es mit IE allerdings auf die Spitze. Hier gibt es rein garnichts woran man sich festhalten kann, dafür wird man einfach mitgerissen. Hirn ausschalten kann es trotzdem nicht geben, wir sind hier in Lynchland.
Trotzdem kein Wunder, wenn sogar so mancher Lynch-Fan sich kopfschüttelnd abwendet. Dabei ist dieser Film Lynch pur. Seine Trademarks sind vorhanden, allerdings sonst nicht viel Anderes mehr. Solange Lynch zumindest ansatzweise Konventionen in seinen Filmen zuließ, waren sein "Lynchismen" gerne gesehen. Wenn es aber nichts anderes als diese mehr gibt, ist der Zuschauer, und sei er noch so abgehärtet gegen exzentrische Regisseurs-visionen nurnoch verwirrt . Verständlich, wenn man meint, der gute David wollte hier zuviel des Guten.
Man sich auch über Inland Empire ärgern. Lynch wirft seine Filmkamera in die Ecke und uns dafür statt Cinemascope verschwommene Digitalvideo Bilder vor die Füße (oder Augen....egal). Ich hab mir auch phasenweise gedacht "Was soll das jetzt? Keine Story, Krachmusik und unscharf.....das kann ich auch".
Die andere Möglichkeit ist sich auf den Film einzulassen und Lynch dabei zuzusehen wie er wie aus dem Nichts erneut ein ständiges Gefühl des Unbehagens erzeugt , wie nur er es zustande bringt. Wie er es schafft mit einfachsten Mitteln einen Film zu schaffen, über dessen Sinn (oder Nicht-Sinn) man noch lange nachdenkt. Und bei genauem Ansehen merkt man, das nicht das Medium Lynch besiegt, sondern umgekehrt: Lynch holt aus der Heimkamera unheimlichere Bilder hervor, als es die meisten "konventionellen" Regisseure mit nochsoviel Geld und Filmrollen könnten. Beleuchtung, Einstellungen,....alles passt irgendwie zusammen.
Wenn man keine Filme des Regisseurs kennt wird man überfordert sein, wenn man ein zweites "Mullholland Drive" erwartet entäuscht und wer nicht wenigstens geringes Interesse am Kunstfilm hat spart sich auch lieber das Geld. Meiner Meinung nach nicht Lynch bester Film, inhaltlich manchmal unspannend aber innovativ wie irgendwas und von erdrückender Atmosphäre.
Experiment geglückt, aber nocheinmal muss man es nicht versuchen. Den auch wenn Inland Empire ein guter Film geworden ist: die Gefahr der Langeweile war irgendwann in den fast drei Stunden zumindest in der Nähe. Und: Bitte nächstes Mal wieder in Cinemascope, her Lynch. Innovationsfreude hin oder her aber so cool ist dann Digital Video auch wieder nicht.
Ganz im Gegensatz zu den Cameos am Schluss. Unnötig zwar aber hey, Nick13, Sänger der Psychobillytruppe "Tiger Army", ist ja nicht gerade uncool, trotz eines nur Mini-Mini Cameos (sitz im Polstersessel und schaut beim Tanzen zu.....mhmmm.....egal selbst das ist cool). Von Tiger Army gibts ja leider nichts am Soundtrack, aber zur Not reicht auch Little Evas "Locomotion"
"Everybody's doin' a brandnew dance, now....come on baby, do the Locomotion"