Review

David Lynchs Inland Empire

"Das Kino kann die Zuschauer in eine Welt jenseits des Intellekts entführen, in der sie sich ganz und gar ihren eigenen Intuitionen anvertrauen müssen. Es geht nicht darum, etwas zu verstehen, sondern darum, etwas zu erfahren" – David Lynch

David Lynchs Filme hatten immer eine Menge mit David Lynch zu tun. So kann man anhand seines Oeuvres relativ gut nachverfolgen, wohin sich der Künstler, die Person Lynch entwickelt. In den früheren Werken „Eraserhead“ (1977), „Blue Velvet“ (1986) und „Twin Peaks“ (1990) war die Person Lynch mitsamt ihrer Obsessionen recht einfach wiederzufinden, die jeweiligen Hauptcharaktere waren mehr oder minder unverschlüsselte Stellvertreter seiner selbst. So arbeitet Lynch in seinem Debüt „Eraserhead“ die für ihn als traumatisch erlebte Situation seiner frischen Vaterschaft auf, „Blue Velvet“ entlarvt ihn als Voyeur mit sexuellen Abgründen, während in „Twin Peaks“ die fernöstlich geprägte spirituelle Seite seiner Persönlichkeit in den Vordergrund gestellt wird. In den späteren Werken „Lost Highway“ (1996) und „Mulholland Drive“ (2001) verschiebt sich die Erzählperspektive zunehmend weg von einer Außenbetrachtung zugunsten der Betrachtung einer Innerlichkeit von Protagonisten. „Inland Empire“, der Titel passt perfekt, stellt den vorläufigen Endpunkt dieser Entwicklung dar.

Die Filme „Lost Highway“ und „Mulholland Drive“ beschrieben, sehr verkürzt dargestellt, die Flucht ihrer Protagonisten in die Innerlichkeit, die Flucht vor der Verantwortung für einen Mord (der Protagonist in „Lost Highway“ führt in selber aus, die Protagonistin in „Mulholland Drive“ lässt ihn ausführen), dieses Thema wird in „Inland Empire“ wieder aufgegriffen. Die Inhaltsangaben, die zum neuesten Lynch-Streifen bisher durch die Presse geisterten, geben wie fast immer bei Lynch-Filmen keinen wahren Aufschluss darüber, was man denn nun zu erwarten hat. Hier die Zusammenfassung des Films auf einem Werbeflyer: „Die ehemals gefeierte Schauspielerin Nikki Grace (Laura Dern) wird überraschend für eine Hauptrolle engagiert. Der Regisseur des Films, Kingsley Stewart (Jeremy Irons) eröffnet ihr und dem männlichen Co-Star Devon Berk (Justin Theroux) kurz vor Drehbeginn, dass es sich um ein Remake handelt. Pikantes Detail: Das Liebesdrama über eine verhängnisvolle Affäre wurde niemals fertiggestellt, da die beiden Hauptdarsteller auf mysteriöse Weise ums Leben kamen. Die Dreharbeiten starten. Mehr und mehr wird Nikki in die rätselhafte Welt ihrer Filmrolle hineingezogen. Von Angst und Panik getrieben, lebt sie ein Geheimnis von Welten in Welten...“

Noch Fragen? Der Schreiber dieser Zeilen hat in dem Film indes zwei mögliche Lesarten entdecken können. Wörtlich übersetzt hieße Inland Empire „Landesinneres Reich“, man kann den Titel also als eine Bezeichnung für die innere Welt einer Person auffassen. Und genau damit hat man es in „Inland Empire“ drei Stunden lang zu tun: mit der Innenwelt der von Laura Dern gespielten Protagonistin, die im Laufe des Filmes durch mehrere Identitäten wandelt. In Wahrheit ist sie eine Prostituierte, die in Hollywood keine Schnitte hatte, einen polnischen, einfachen Mann geheiratet hat, mit dem sie bald in ernsthafte Schwierigkeiten gerät, als sie, nachdem sie fremdgegangen ist, schwanger wird. Hinzu kommen kulturelle Differenzen, so dass der Konflikt eskaliert und sie ihn ermorden lässt. Dessen polnische Verwandten holen sie jedoch ein und üben Blutrache. Tödlich verwundet stirbt sie inmitten von Prostituierten und Obdachlosen auf dem als völlig heruntergekommen inszenierten „Walk of Fame“. Im Moment des Sterbens durchlebt sie noch einmal all ihre Wünsche, Abgründe, Traumata und Sehnsüchte. Die andere mögliche Deutung wird im Pressetext angedeutet: eine Schauspielerin lässt sich auf einen Film ein, auf dem ein Fluch lastet und wird, teilweise aufgrund ihrer absoluten Identifikation mit der Rolle, in den Abgrund gezogen.

Die von Lynch gepflegte Erzählform ist immer ungewöhnlich schwer verständlich gewesen. Rationales und Irrationales, Reales und Geträumtes, Bizarres und Triviales fließen zu einer eigenwilligen Melange zusammen, die sich am besten assoziativ entschlüsseln lässt. Was die Verständlichkeit weiter erschwert ist die Tatsache, dass Lynch ab „Lost Highway“ die lineare Erzählweise verlassen hat und einzelne Handlungsebenen immer kunstvoller und komplizierter verstrickt, so dass es nicht immer einfach ist, dem roten Faden zu folgen. Auch in dieser Hinsicht stellt „Inland Empire“ den vorläufigen Endpunkt der künstlerischen Entwicklung Lynchs dar. Gestern las ich noch auf Spiegel-Online einen Artikel zu den ungeheuren Potentialen, die man mittels Intuition ausschöpfen kann, heute sitze ich in „Inland Empire“ und bin bitterlich auf diese Fähigkeiten angewiesen, um zu verstehen, was mir da gezeigt wird.

Es ist jedoch nicht unbedingt eine Weiterentwicklung im positiven Sinne, die Lynch in „Inland Empire“ präsentiert. Der Film geht über drei Stunden, die wirklich Sitzfleisch fordern. Die Erzählweise bleibt unökonomisch, dem Film fehlt die Dichte früherer Werke Lynchs, wie etwa „Mulholland Drive“, der keineswegs kürzer, aber wesentlich dichter geraten war. Obgleich in den drei Stunden alles bis zum Exzess ausgereizt wird und man sich immer wieder wünscht, es möge nun ein Schnitt kommen oder etwas passieren, was über eine Wiederholung hinausgeht, bleibt der Film fragmentarisch. Es wimmelt nur so von losen Enden, die ins Nichts zu führen scheinen. Der Handlung ist nur unter argen Anstrengungen und unter Einsatz des vollen assoziativen Vermögens, das für diesen Film besonders ausgeprägt sein sollte, zu verstehen. Die Dialoge sind wirrer und unzusammenhängender denn je. Es mangelt an Struktur und Rahmen. Die Realitätsebenen wechseln stakkatoartig, oftmals unmotiviert, und spätestens nach der zwanzigsten Szene in verschachtelten Fluren, Fluchten und Räumen muss man sich anstrengen, dem Film mental die Stange zu halten.

Wer die Presse aufmerksam mitverfolgt hat, wird sich über all das nicht großartig wundern. Lynch, mittlerweile 61 Jahre alt, hat sich nun als ein seit 33 Jahren „Transzendentale Meditation“ Betreibender geoutet. Transzendentale Meditation ist eine Methode der Entspannung, die zum Ziel hat, eine Art Erleuchtung zu erfahren, indem man meditierend innerhalb des eigenen Geistes zum so genannten "Einheits-Bewusstsein" vorstößt. Wer diese Stufe erreicht, für den existieren die Begriffe Realität und Fiktion nicht mehr. Raum, Zeit, Traum und Wachzustand verschmelzen zu einer alles durchdringenden Erfahrung. Diese Form der Meditation geht auf Maharishi Mahesh Yogi zurück. Bereits die Beatles pilgerten nach Indien zu Maharishi Mahesh Yogi, um sich inspirieren zu lassen, was durchaus Früchte getragen hat. Lynch bezieht seine Ideen laut eigener Auskunft zunehmend aus seinen Meditations-Sessions, die er zweimal am Tag für je 20 Minuten abhält. Verwirrung, Verstörung, Angst und Verzweiflung, es ist ein Glück, dass seine Filme weiterhin Trips in menschliche Abgründe zeigen, obgleich er sich durch mehr als 30 Jahre Meditation als mittlerweile ruhig und glücklich bezeichnet.

Neben den ästhetischen, formalen, immer wiederkehrenden Motiven, verstörenden, aber dennoch vereinnahmenden teils düsteren, teils kitschigen Bildern, die in Lynchs Herkunft aus der bildenden Kunst wurzeln und dem untergründigen Sounddesign in Lynchs Filmen gibt es auch auf der inhaltlichen Ebene einen Fundus, auf den Lynch immer wieder zurückgreift: bizarre Charaktere, Kopfverletzungen, nächtlichen Autofahrten, gefällte Bäume, Zigaretten- und Kaffeekonsum, die Entdeckung seelischer Abgründe und Ängste, Reflexionen, Doppelungen, Doppelgänger sowie die Schattenwelten in scheinbar idyllischen amerikanischen Kleinstädten und das Abtauchen in fragile Traumwelten. Seit „Mulholland Drive“ gibt es ein neues Thema: Als ein das System von außen betrachtender Filmschaffender, der selber schlechte Erfahrungen mit der Entertainmentbranche und der Traumfabrik Hollywood hinter sich hat, zeigt Lynch die dunkle Seite des nach außen hin glitzernden, glamourösen Hollywoods, dabei wird die bitterböse, schon in „Mulholland Drive“ gezogene Analogie zwischen Prostitution und Hollwoods Entertainmentbranche in „Inland Empire“ noch einmal verschärft

David Lynch blieb trotz seiner Preise (u.a. Goldene Palme in Cannes für den besten Film 1990: „Wild at Heart“, Goldene Palme in Cannes für die beste Regie 2001 für „Mulholland Drive“ und jüngst der Goldene Löwe für das Lebenswerk in Venedig) immer ein Außenseiter im amerikanischen Kino, ein als "Meister fürs Abseitige" titulierter Filmemacher, der sich seine Produzenten ab Mitte der 80er Jahre endgültig außerhalb von Hollywood und zunehmend in Europa suchen musste. Auch sein oftmals irritiertes, großteils verständnisloses Publikum findet er zunehmend ausschließlich in Europa, „Inland Empire“ fand in den USA gerade einmal 100.000 Zuschauer (5.000 in Deutschland), nach den üblichen Hollywood-Maßstäben ein Super-Gau. Es liegt an Lynchs spezifischem, unverwechselbarem und schwer zu entschlüsselndem Stil, dass seine Filme keine Chance beim Massenpublikum haben, die sich lieber die Fortsetzung der Fortsetzung eines krawalligen Popcorn-Filmes anschauen.

„Wenn du angelst, wirfst du deine Angel ins Wasser und du wartest und Bingo! Da ist ein Fisch. (…) Du kannst so viele Fische fangen an einem Tag, aber manchmal fängst du einen Fisch, in den du dich verliebst. Und dieser Fisch wird dann ganz besonders für dich. Der Fisch kann eine Szene sein und du schreibst sie auf.“ – David Lynch

Es ist nicht wertend gemeint, wenn gesagt werden muss, dass man Lynchs Filmen zunehmend anmerkt, dass sie sich aus durch Transzendentale Meditation gewonnenen Ideen und Inspirationen nähren. Ein weiteres Novum war im Falle des aktuellen Films, dass Lynch auf ein vorher fertig gestelltes Drehbuch verzichtet hat und während des Drehs Ideen entwickelte und verknüpfte. Am Anfang stand lediglich der Titel und Laura Derns Wunsch, nach „Blue Velvet“ und „Wild at Heart“ wieder einen Film mit Lynch zu drehen. Möglicherweise trug all das zu der geringen Dichte des Films bei.

Davon abgesehen muss einfach gesagt werden, dass man feststellen muss, wenn man als Lynchkundiger an diesen neuen Film herantritt und diesen in seine Einzelteile zerlegt, dass man alle Elemente schon in früheren Lynchfilmen gesehen hat. Da ist nicht Neues. Allenfalls die Komposition bekannter Elemente kann als neu bezeichnet werden. Wenn im Abspann völlig unmotiviert ein Holzscheit zerhackt wird, werden wieder Assoziationen mit „Twin Peaks“ und „Blue Velvet“ geweckt, man könnte kritisch anmerken, dass Lynch hier seine neueste Selbstumrundung hinlegt. Die Selbstreferenzialität dieses neuen Films ist erschreckend. Ein Kunstwerk muss für sich bestehen können, der Lynchneuling, der sich das hier ansieht, wird größte Schwierigkeiten haben.

Was man von Lynch selber bislang zu seinem Film zu hören bekam, ist wie immer, wenn er einen neuen Film vorstellt, so widersprüchlich und kryptisch, dass es den Anschein erweckt, er wolle der Ratlosigkeit der Kritiker und Zuschauer gar keine Abhilfe verschaffen. Insofern ist er sich treu geblieben, Erklärungen gab es von ihm noch nie zu hören. Im Vorfeld der Fertigstellung des Filmes gab er lediglich preis, es gehe um eine Frau in Schwierigkeiten. Auch mit dem Titel ist das so eine Sache: Inland Empire heißt das Gebiet östlich vor Los Angeles, das San Bernardino Valley, Pomona. Lynch liebt das verschachtelte L.A. von heute: "Man hat verschiedene Welten an einem Ort. Das ist großartig. Man muss nur den Bus nehmen und wechselt von einer Welt in die andere.“

Warum heißt der Film nun „Inland Empire“? Lynch:

„ Also, ich hab' mich mit Laura Dern unterhalten, ihr Mann Ben Harper kommt aus dem Inland Empire. Ich weiß nicht mehr, wann, aber ich sagte: "Inland Empire" - das ist der Titel für meinen nächsten Film. Über den ich damals nichts wusste und auch heute nicht viel mehr weiß. Und dann: Meine Eltern haben eine Berghütte in Montana. Mein Bruder hat da eines Tages geputzt und hinterm Schrank ein altes Zeichenbuch gefunden. Es war mein altes Zeichenbuch, aus der Zeit, als ich fünf Jahre alt war. Das erste Bild ist eine Landschaftsansicht von Spokane, drunter steht: Inland Empire. Also dachte ich, ich bin auf dem richtigen Weg. Aber es gibt sicherlich viele Inland Empires. . . “

Es gehört zur Methode Lynch, keine Erklärungen abzugeben, alle Deutungen zuzulassen, aber zu betonen, dass seine Filme einen bestimmten nachzuvollziehenden Sinn hätten. Diesen muss man auf sich allein gestellt finden. „Inland Empire“ macht es einem auch für Lynch’sche Verhältnisse schwer. Die Kritiker waren ebenfalls ratloser denn je und beurteilten den Film sehr gespalten. Auch die Technik des Films ist gewöhnungsbedürftig. Lynch hat den Film mit einer für den Heimbereich erschwinglichen Sony-DV-Kamera gedreht und dabei selber die Kamera bedient. Dabei entstand ein Look, der sich stark von der üblichen Zelluloid-Ästhetik unterscheidet und der nach spätestens einer Stunde wirklich anstrengend wird. Die Kameraführung ist unruhig, die ständigen Nahaufnahmen von Gesichtern fangen an zu nerven, die mangelnde Schärfe und die ausgeblichenen Farben nehmen dem Film etwas, glänzten Lynch-Filme doch von jeher mit ihrer gelungenen Bildästhetik. Als gelungen sind die Aufnahmen zu bezeichnen, die Lynch dem eigenartig verfallenen polnischen Lodsz abgewinnt. Auch die Tatsache, dass nun mit der digitalen Technik kostengünstig und einfach Unmengen an Material aufgenommen werden konnten, merkt man dem Film leider an. Begrenzte Mittel sind im kreativen Bereich häufig eher ein Faktor, der dem Künstler gut tut. Dennoch bleiben einige Aufnahmen und Szenen im Kopf hängen und wissen zu faszinieren.

Insgesamt leider nur 6 von 10 Punkte. Lynch braucht ein Drehbuch, bessere Kamera-Arbeit und jemand der ihn etwas an die Kandare nimmt, sonst bewegt er sich bald im (filmisch unergiebigen), Transzendentaler Meditation geschuldeten, Nirwana.

Details
Ähnliche Filme