Von seinen Fans abgöttisch verehrt, von Kritikern gleichermaßen gelobt wie in Grund und Boden gestampft: Seit Jahrzehnten ist David Lynch Hollywoods Nummer eins für radikalen filmischen Surrealismus. In seinem bis dato letzten Kinofilm "Inland Empire" treibt er sein Spiel aus düster-bedrohlichen Bildern und einer logisch schwer nachvollziehbaren Handlung auf die Spitze.
"Inland Empire" gehört dabei zu der Sorte Film, deren Story nachzuerzählen ebenso schwierig wie eigentlich sinnlos ist: Laura Dern spielt eine Schauspielerin, die eine Rolle für ein mysteriöses Filmprojekt erhält, auf dem angeblich ein Fluch liegt. Und tatsächlich dauert es auch nicht lange, bis sie immer stärker den Bezug zur Realität verliert und sich in einem unheimlichen Netz von Visionen, Erinnerungen und Fiktionen verfängt.
Genaueres lässt sich hierzu trotz der enormen Laufzeit kaum sagen, denn was Lynch nach gut einer Stunde halbwegs nachvollziehbarer Handlung hier entfesselt, könnte eigentlich ein Höhepunkt in seinem surrealen Schaffen sein: Assoziative Bildmontagen von äußerster düsterer Intensität, die Raum für weitschweifige Interpretationen lassen, ersetzen hier das, was woanders eine geradlinige Story wäre. Wer einen Film mit dem Verstand begreifen muss, um ihn zu genießen, ist hier definitiv falsch - wie so oft kann man die inneren Zusammenhänge bei Lynch eher erfühlen als verstehen.
In mancherlei Hinsicht kann man "Inland Empire" dabei als eine Zusammenfassung seines Werkes sehen: Zahlreiche stilistische Mittel, derer er sich über die Jahre bedient hatte, tauchen hier in immer neuen Kombinationen auf. Wiederholungen einzelner Szenen und Dialoge, bedeutungsschwere Details, dunkel beleuchtete Settings, die oft für mehr Grusel sorgen als so mancher Horrorfilm, und parallele Handlungsstränge, die auf schwer greifbare Weise zusammenführen, ergeben einen finsteren Trip durch eine verrätselte, oft bedrohliche Welt, die ein kleines Stück neben unserer Realität herzulaufen scheint.
Wie schon bei früheren Filmen lässt Lynch hier viel Interpretationsspielraum, obwohl zum Beispiel eine tiefenpsychologische Deutung öfters nahe gelegt wird: Unter einem solchen Aspekt wird die ziellose Reise Laura Derns zur inneren Suche nach Erlösung von den Traumata des Lebens. Geschlechterkampf, Brutalität und Zärtlichkeit, vergebliche Hoffnung, Ängste, Einsamkeit und die Sehnsucht nach Wiedervereinigung mit geliebten Menschen - viele Dinge spielen hier immer wieder mit hinein, werden in kurzen Episoden angerissen, oft aber nicht offensichtlich weiterverfolgt. Der völlige Verzicht auf erklärende Dialoge (es gibt sogar viele Passagen, in denen lange Zeit gar nichts gesagt wird), macht es dem Zuschauer nicht leicht, hinter die seltsamen Begebenheiten zu blicken.
Auch ist es schwer, zu sagen, wo genau die Grenzen zwischen Realität, Wahnvorstellung, Vision, Erinnerung, Metapher und Film im Film verlaufen. Da gibt es eine irgendwie schräge, irgendwie bedrohlich wirkende Hasenfamilie, seltsame Typen, die seltsame Dinge sagen und tun, und andeutungsweise das Motiv eines Parallellebens. Wer sich darauf einlässt, kann einen furios bebilderten, finsteren, höchst assoziativ erzählten Trip erleben.
Im Grunde sind also alle wichtigen Zutaten für einen gelungenen David-Lynch-Film vorhanden. Und trotzdem gehört "Inland Empire" nicht unbedingt zu seinen ganz großen Werken. Das liegt vorrangig an der gewöhnungsbedürftigen Theatralik der Darsteller, deren Mimik nicht ausdrucksstark genug ist, um die zahlreichen Großaufnahmen auf ihre Gesichter - noch dazu mit einer qualitativ durchschnittlichen Handkamera - zu tragen. Selbst Laura Dern wirkt eher gelangweilt in ihrer Rolle, rennt sie doch die gesamten beinahe drei Stunden Laufzeit mit einer permanent verwirrt-entgeisterten Miene herum. Und so große Namen wie Jeremy Irons, Harry Dean Stanton und William H. Macy tauchen in viel zu kurzen Rollen auf, als dass sie Gelegenheit hätten, ihr wirkliches Können auszuspielen.
Insgesamt ist "Inland Empire" ein typischer, aber nicht vollauf gelungener Film des US-Surrealismus-Meisters. Finstere Bildmontagen, bizarre Figuren und eine schwer nachvollziehbare Handlung dürften seinen Fans wohl gefallen. Und natürlich schafft er es immerhin, einen so langen Film mit so wenig direkter Handlung trotzdem nicht langweilig werden zu lassen, obwohl hier deutlich die innere Stringenz etwa von "Blue Velvet" oder "Lost Highway" fehlt. Für Neueinsteiger bieten sich diese Werke also definitiv eher an.