"Die Besten von uns leben im Untergrund, in der neuen Wildnis. In euren Städten." (Filmzitat)
Viele Horrorfilme haben sich das Öko-Mäntelchen umgelegt, um Tiefsinn vorzugaukeln, z. B. all diese "Tiere-wenden-sich-gegen-Menschen-weil-die-Menschen-ihr-Umfeld-zerstören“-Heuler. Doch die wenigsten sind mehr als eine Aneinanderreihung von "Tiere-fressen-möglichst-spektakulär-Menschen“-Szenen.
Michael Wadleigh, der auch schon das Hippiefestival "Woodstock“ auf Zelluloid gebannt hat, verfilmte 1981, als die Yuppie-Welle den Höhepunkt erreichte, den Roman "The Wolfen“ von Whitley Strieber. Und schuf einen beklemmenden, atmosphärischen Grossstadt-Thriller, dessen wahres Monster die Stadt New York ist (als Rollenmodell für jede Grossstadt auf diesem Planteten). Die Aufnahmen aus den Slums sind bedrückend, und damals waren solche Szenen eine Seltenheit (heute, im Zeitalter der Ghettofilme, sind wir uns dies ja gewohnt). Es gibt keine Postkartenansichten vom Big Apple, alles ist schmutzig, grau, seelenlos und kalt. Die Menschen sind gestresst, korrupt, karrieregeil und/oder Stiefellecker, nur die Individuen heben sich aus der Masse (aber auch sie werden von den Wölfen nicht verschont, hehehe ...).
Überhaupt, die Wölfe: Sie sieht man erst im furiosen Finale, aber dann laufen einem wahre Schauer über den Rücken. Die pelzigen und edlen Raubtiere strahlen eine Kraft und Göttlichkeit aus und sind gleichzeitig zum Fürchten.
Immer wieder wird "Wolfen“ in die Ecke der Werwolffilme gedrängt, aber Werwolf-Fans kommen hier nicht auf ihre Kosten. Die Kreaturen hier sind zwar auch tragisch (nun ja, ein guter Werwolf-Stoff sollte eben ein Drama sein), ihre Motivgründe sind aber nicht die pure Lust am Töten und Fressen, sondern die Verteidigung ihres Reviers und ein wenig Rache an den "weissen Eroberern“ von New York.
Die Kritik an der Zivilisation und dem gnadenlosen Fortschritt auf Kosten der Natur wird hier auf provokative Art und Weise vorgenommen; einigen kommt dies vielleicht zu plump daher, die Elemente des Horrorfilms (das Anschleichen der Killer aus ihrer Sicht, wohlplatzierte Schocks und einige blutige Mordszenen) sind natürlich gewollt, aber sie sind der Handlung untergeordnet. Hier geht es um mehr als simplen Schockhorror, die wahren Monster sind die Menschen, ihre Gier nach Macht und Wachstum und ihre Überheblichkeit gegenüber der Natur.
Die Besetzung ist sehr gut, der vielgepriesene britische Bühnen- und Charakterdarsteller Albert Finney überzeugt als knurriger Aussenseiter-Detective total. Dazu Gregory Hines, Diane Venora, Dick O’Neill und Edward James Olmos, berühmt geworden als Martin Castillo, der Vorgesetzte von Sonny und Ricardo in der TV-Serie "Miami Vice”. Hier spielt er einen Indianer. Man achte auch auf Tom Noonan in einer Nebenrolle als Zoologe und auf den Musiker Tom Waits, der später eine respektable Kinokarriere machte.
"Wolfen“ gehört mit Colin Egglestons "Long Weekend” und Peter Weirs "Die letzte Flut“ zu den ernstzunehmenden "Natur-schlägt-zurück“-Filmen, weil sie weiter gehen als die oberflächlichen Filme und die Perspektive der Natur, des Lebens, einnehmen.
Die Kernaussage von "Wolfen“ ist vielleicht: Wenn der Mensch seine Sinne verloren hat, ist er weder Tier noch Mensch noch ein Gott, sondern der Verlierer.
Der schönste, weil zynischste Satz spricht Edward James Olmos: "Kommen Sie nicht auf den Gedanken, dass irgendetwas an dieser idiotischen Geschichte wahr ist. Das ist das zwanzigste Jahrhundert. Wir blicken vollkommen durch ...“
Das Schöne an "Wolfen“ ist, im Unterschied zu anderen Öko-Thrillern wie "The China Syndrome“ oder "Outbreak“, dass der Film zwar nahe an der Realität sind, aber nicht ZU NAHE. Hoffen wir, das dies so bleibt ...