Ohne Hintergrundinformationen könnte "Wolfen" bei erster Betrachtung lange Zeit über einen einen unangenehmen Beigeschmack vermitteln: nicht unbedingt, weil es hier zutrifft, dass der Schwarze zuerst stirbt (ein farbiger Chauffeur ist das erste Opfer im Film, von den zwei ermittelnden Polizisten stirbt der Farbige), nicht unbedingt, weil die etwas rüde, aber sympathisch gezeichnete, ermittelnde Hauptfigur gerne zynische Späße über linke Extremisten macht (was für sich allein ja auch in Ordnung wäre) ohne sich für die Motivationen überhaupt zu interessieren solange dies nicht für die Klärung der Fälle interessant ist, nicht unbedingt weil die deutlich erkennbare Linke in diesem Film vor allem aus blind ihre Slogans vortragenden Klischeevorstellungen selbsternannter Widerstandskämpfer zu bestehen scheint und auch nicht, weil die größeren Indianer-Rollen lange Zeit über bedrohlich, undurchsichtig, feindlich und unfreundlich wirken - aber all das zusammengenommen ergibt zunächst ein Bild, das die Ahnung entstehen lassen könnte, hier läge mit dem Ende der Laufzeit ein konservativer bis reaktionärer Film vor.
Doch der Film strebt ein ganz beeindruckendes Ende an, das die bisher scheinbar gemachte Aufteilung der Figurengruppen in gut und böse, schuldig und unschuldig aufweicht, ohne von einem Extrem ins andere zu verfallen. Wer im Vorspann den Namen Wadleigh liest und ihn auch gleich mit seinem vorzüglichen Dokumentarfilm "Woodstock" (1970) in Verbindung bringt, wird einen solchen Wandel des Films ohnehin erwarten. Wadleigh trat in seiner (nicht gerade umfangreichen) filmischen Arbeit zuvor als Fürsprecher von Außenseitergruppen auf: die selbsternannten "Freaks" in "Woodstock", die farbigen US-Amerikaner in "No Vietnamese Ever Called Me Nigger" (1968), bei dem er als Executive Producer fungierte.
Im Gegensatz zu seinen vorherigen und späteren Projekten ist "Wolfen" sein einziger fiktiver Spielfilm, basierend auf einer Vorlage von Horror-Autor Whitley Strieber.
Der Film beginnt [Achtung: Spoiler!] mit der Ermordung dreier Leute: irgendetwas (man sieht dieses Etwas bloß, insofern man seinen Blick übernimmt, der durch bodennahe Steadycam-Aufnahmen und Wärmebildaufnahmen explizit gekennzeichnet wird) ermordet den Immobilienmakler Christopher van der Veer, seine Ehefrau und seinen Chauffeur und Leibwächter.
Den Fall übernimmt Detective Dewey Wilson (Albert Finney), unterstützt von Rebecca Neff, eine Psychologin und Expertin für internationalen Terrorismus, und seinem Kollegen Whittington. Als dann Todesfälle aus den Slums auftauchen, die ähnliche Verletzungen aufweisen, und besonders als man herausfindet, dass es sich bei den Tätern um Wölfe handeln könnte, weiß Wilson nicht mehr, was er von den Fällen halten soll.
Eddie Holt, ein ehemaliges Mitglied der "Native American Movement" und einer von Wilsons Verdächtigen, gibt den Ermittlungen eine neue Richtung, als er bemerkt, der Körper sei eine Angelegenheit des Geistes und er könne sich in einen Adler, Büffel oder auch Wolf verwandeln. Später wird Wilson ihn nackt, den Mond anheulend und mit Schaum vor dem Mund antreffen - und glaubt fortan mehr und mehr an die Realität dieser Verwandlung von Mensch in Tier, besonders als er nach dem Tod seines Kollegen in einer Bar im Gespräch mit anderen Indianern Berichten lauscht, die eine innige, übernatürliche Beziehung von Indianern und Wölfen, sowie ein nahezu identisches Schicksal beider Gruppen behaupten. "It's not wolves - it's Wolfen.", beginnt Eddie Holt und beschwört eine 10000 Jahre währende Brüderschaft zwischen Wölfen und Indianern - die zwei besten Formen von Jägern - herauf, ein natürliches Gleichgewicht, das durch die Besiedelung weitestgehend ausgerottet worden sei. Die besten Jäger, so fährt Holt fort, lebten fortan als Tiere oder vielleicht auch als Götter in den Slums, den Friedhöfen der weißen Rasse, wo sie die Vereinsamten und Erkrankten unter den Obdachlosen jagen und den weißen Mann für den eigentlich Wilden ansehen würden. "You don't have the eyes of a hunter. You have the eyes of the dead!", beendet Holt das Gespräch, mit dem Hinweis, solch ein Märchen im 20. Jahrhundert bloß nicht zu glauben, nur um sogleich mit seinen Freunden in einer der beeindruckendsten Szenen des Films überaus glaubwürdig die Geräuschkulisse eine freien, von Tieren bevölkerten Natur entstehen zu lassen.
Wenn sich Wilson schließlich zusammen mit Neff im Van Der Veer Tower von Wölfen umzingelt sieht, macht er nicht den Fehler seines Vorgesetzten, der auf der Straße nach seiner Waffe greift und dann Hand und Kopf abgebissen bekommt, sondern wechselt die Perspektive und schlägt sich auf die Seite der Wölfe: in einer Demutsgeste legt er seine Waffen nieder und zerschlägt das Modell von van der Veer, der in den Slums neue Gebäude errichten wollte, womit dem "Wolfen" die letzten Jagdgründe genommen wären.
In dieser Szene zeigt er nicht nur Verständnis für das "Wolfen" und setzt sich für deren Interessen ein, sondern er sieht nun auch tatsächlich mit anderen Augen, mit den Augen des Jägers: denn in einer Schuss-, Gegenschusssequenz, die abwechselnd sein Augenpaar dem eines Wolfes entgegenhält, werden plötzlich beide Augenpaare als Wärmebildaufnahme präsentiert.
Wilson fällt aus seiner beruflichen Rolle, akzeptiert die größere Bedeutung der Legitimität gegenüber der Legalität und nimmt ganz ernst und mit einem Gefühl der Bewunderung und Erhabenheit das "Wolfen" als ein gutes Prinzip an.
Nach dieser Tat verschwinden die Wölfe, scheinen sich geradezu in Luft aufzulösen: ob sich jedoch eine Überblendung, während der ein Wolf allmählich unsichtbar wird, als Spezialeffekt eines übernatürlichen Verschwindens versteht, oder ob sie bloß eine die Zeit überspringende Überblendung von einem bewohnten Raum zu einem leeren Raum sein will, bleibt offen und verleiht dem Film einen weiteren Hauch von Irritation und Ungewissheit, von dem er vielleicht noch ein wenig mehr hätte vertragen können - denn um eine wunderbare, übernatürliche Lesart kommt man so oder so nicht umhin.
Dieser eindeutig übernatürliche Aspekt hat nämlich leider den - freilich auch von Wadleigh angestrebten - Effekt, dass er die Naturverbundenheit der amerikanischen Ureinwohner mystifiziert, dass er ein politisches Phänomen in das Gebiet der nicht realen Imagination überträgt: das Werben für Verständnis und Ehrfurcht vor dem Anderen, das am Ende des Films schließlich ausdrücklich angesprochen wird, argumentiert hier letztlich mit einer zusammengereimten Horrorstory.
Was das Anliegen des Films angeht, ist der Wandel der Hauptfigur dann doch gelungener geraten: Wilsons Weg von Entschlossenheit über Irritation bishin zum Umdenken führt ihn und den sich mit ihm identifizierenden Zuschauer aus einem Umfeld heraus, das linke Strömungen vor allem als feindlich ansieht (wofür der Film zu Beginn einige Beispiele liefert und was auch erklärt, warum er kein positives Bild einer Linken eingebracht hat).
Wadleigh will hier keinesfall die Aktionen der im Film erwähnten Brigate Rosse oder anderen Stadtguerillas verteidigen (und hat in anderen Filmen ja auch eher einen pazifistischen Eindruck hinterlassen), kommt aber zu der Aussage, dass Situationen denkbar sind, in denen illegale und grausame Taten unter Umständen legitim sind und verständliche oder gar gutzuheißende Motivationen aufweisen.
Für diese Gleichsetzung von "Wolfen" und dem Prinzip der Stadtguerilla liefert Wadleigh gleich zwei Ansatzpunkte: Zum einen wäre da kurz vor dem Finale die Aussage von Wilsons Chef und seiner Partnerin, man hätte bei der Gruppe "Götterdämmerung", deren Motto "The end of the world by wolves" lautet, Wolfsfelle gefunden, zum anderen wäre da ein Video, das sich der Wolfsexperte Ferguson ansieht.
Das Material (die tödliche Jagd auf Wölfe aus Helikoptern) war nur wenige Jahre zuvor schon bei Chris Marker zu sehen (wenngleich es nicht ursprünglich von ihm stammt): "Le fond de l'air est rouge" (1977) - Markers mehrfach überarbeiteter Essayfilm über die Entstehung der neuen Linken und neuen Rechten ab Ende der 60er Jahre - endet genau mit diesen Bildern, in denen er "den Waffenhandel der Großmächte mit den fliegenden Todeskommandos verglich, deren Aufgabe es ist, die Population der Wölfe auf einem akzeptablen Maß zu halten" (wie er selbst es Jahre später auf der erneuerten Tonspur des Films formuliert) und die linke Bewegung mit den Wölfen verglich.
Die Popularität von Markers Film (einer seiner dichtesten, lehrreichsten und schönsten) und Wadleighs Interesse am Dokumentarfilm machen eine Anlehnung an "Le fond de l'air est rouge" mehr als wahrscheinlich.
Um nicht zu parteiisch bzw. verharmlosend zu geraten, betont Wadleigh im Film aber auch die Grausamkeit von Gewaltausübung - weniger in den kurzen Einstellungen heftiger Splatterszenen, sondern vor allem in den unblutigen Beschreibungen: wenn bei abgetrennten Köpfen auf die französische Revolution verwiesen wird und Schauergeschichten von einigen abgetrennten Köpfen, die noch eine knappe Minute weiterleben und den eigenen abgetrennten Leib sehen, vorgetragen werden, oder wenn in der Autopsie ein starrer Leichnam über die Bahre gezogen wird und die steifen Fingerkuppen über das Metall gleiten, erreicht "Wolfen" die intensivsten Momente, in denen Tod und Sterben zu unangenehmen, schwer im Magen liegenden Themen werden.
Überhaupt schafft es Wadleigh, dem Film eine phasenweise äußerst beklemmende Stimmung zu verleihen, so dass trotz Wilsons Verständnis und Einsatzbereitschaft für "Wolfen" dessen Graumsamkeit dennoch im Bewusstsein bleibt, womit ambivalente Gefühle für Täter und Opfer hervorgerufen werden und eine Parteinahme erschweren.
Formal ist "Wolfen" ziemlich perfekt geraten: realistische Effekte, ein wirksamer Soundtrack von James Horner ("Aliens" (1986), "Braveheart" (1995)) und tolle Kamerafahrten sorgen in Verbindung mit durchgängig überzeugenden Darstellern für ein durchgängig hohes Niveau. Interessante Schauplätze runden das Bild dann noch ab.
Alles in allem ein intelligenter, ambitionierter, gut gemachter Film; spannend, beklemmend und teilweise recht humorvoll hat sich das Werk nicht umsonst nach dem anfänglichen Flop an den Kinokassen zu einem Genreklassiker entwickelt.
8/10