"Wolfen" wird immer gern als Werwolffilm gehandelt, ist es aber eigentlich gar nicht. Stattdessen schwankt der Film unsicher zwischen urbanem Horror und Naturmystik, angereichert mit ein paar optischen Effekten, die man nicht so oft wiedergesehen hat.
Gut, die ökologische Botschaft von den Göttern der Natur, die ungesehen unter uns leben und die extrem sauer werden, wenn man ihnen den Slumlebensraum per Neubauten klaut, ist gerade mal rudimentär entwickelt, durchscheinend verpackt in ein paar halbgare Indianerlegenden.
Aber sonst funktioniert "Wolfen" erfreulich gut, besser jedenfalls als der mittelmäßige Roman von Whitley Strieber, der zuviel offen läßt.
Das Werk ist ein typisches Produkt der frühen 80er Jahre, der die Weiten der Großstadt in blassen, hellen und furchtbar kalten Bildern einfängt, New York als Moloch, mit viel Schmutz, Dreck und noch mehr Abrißvierteln, in denen Penner und Abschaum hausen. Hier nagen sich Unbekannte durch die Ausschußpopulation, bis sie in der Eröffnungssequenz einen reichen Erben samt Braut und Chauffeur vernaschen. Der Film läßt uns über die Natur der Angreifer im Unklaren (auch wenn der Titel uns was verrät), sondern liefert den Täter aus subjektiver Perspektive, dessen Sicht gezeigt als Negativbild (helle Zonen hier dunkel und umgekehrt). Der Angriff in einer bizarr einsamen Parkszenerie ist höchst effektiv.
Auftritt Albert Finney als eine Art heruntergekommener Anti-Bulle (kaum zu vergleichen mit seinem Auftritt als Poirot im Orient-Express), der den Fall untersucht und bald auf Extremistengruppen, rabiate Indianer auf Drogen und reichlich Tierhaare trifft.
Während der Fall sich langsam pathologisch entwickelt (die ganze Kälte des Films und der Gesellschaft wird deutlich abgebildet in diversen "leckeren" Szenen in der Anatomie, wo Leichen am Fließband auseinandergenommen werden), greifen sich die Täter weitere Opfer. Bald fokussiert sich die Handlung auf einen Abrißstadtteil, in dem nur noch Ruinen stehen (u.a. eine sehr unheimliche Kirche) und wo man außer dem Wind gar nichts mehr hört. Das Individuum ist verschwindet klein an diesem unmenschlichem Ort, an dem Finney mit Kollegin fast selbst zum Opfer werden. Dennoch kehrt die Insel der zynischen Menschlichkeit, die der Protagonist widerstrebend bildet, wieder an den Ort des Geschehens zurück, um Jagd auf die Täter zu machen, die die Öffentlichkeit inzwischen woanders gefunden zu haben glaubt.
Eine nächtliche Jagd in den Ruinen gibt schließlich Auskunft über die Wolfsnatur der Angreifer, in der die Menschen ähnliche Mittel auffahren (Nachtsichtgerät statt Negativblick), aber in punkte Schnelligkeit und Tödlichkeit unterlegen sind.
Ja, das ist kein Bild für einen warmen Abend, aber in seiner Kühle ist er meisterhaft ins Bild gesetzt. Geradezu majestätisch dabei ein Ausflug auf die Träger einer New Yorker Brücke an einem schönen, klaren, aber kalten Tag, bei dem Finney nur über ein Seil gesichert Hunderte von Metern hoch einen Verdächtigen befragt. Ebenso intensiv diverse Szenen im New Yorker Zoo, in der die Protagonisten sich stets als Verfolgte zeigen, wie uns die Kameraperspektive suggeriert.
Das Finale ist heiße Action pur, bei der auch schon mal Hände und Köpfe abgebissen werden und dennoch alles mit einer Art versöhnlicher Note endet, mitsamt ökologischer Warnung, die gar nicht extra notwendig gewesen wäre.
Denn der Film packt Unterhaltung und Botschaft gleichzeitig an und liefert weitestgehend effektives Spannungskino in hell-unerfreulichen oder tiefdunklen Bildern; ein Stil, in den Elemente der 70er und 80er gleichermaßen einflossen. Zöge man den Horror und die Wölfe ab, bekäme man "The Bronx". Aus dem selben Jahr, wie passend.
Für mich ein kleines Meisterwerk, daß zu selten als Referenzpunkt herangezogen wird und definitiv einer der besten Wolfsfilme überhaupt. (9/10)