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Wann immer sich die Disney-Company an klassischem, europäischem Märchenstoff vergreift, wird ein unterhaltsam-buntes Spektakel daraus, das auf seine Art durchaus zu beeindrucken weiß, aber eben das angestrebte Ziel - in diesem Falle Perraults Dornröschen adäquat umzusetzen - meilenweit verfehlt.
Dabei ist man diesmal mit den besten Absichten ans Werk gegangen, hat sich bei den Zeichnungen an den klassischen Illustrationen europäischer Märchenbücher und Gemälden des 15. Jahrhunderts orientiert und adaptierte für den Score Tschaikowskys Dornröschen-Ballett. Die Umsetzung ist auf gewohnt hohem Disney-Niveau, die zeichnerische Qualität über alle Zweifel erhaben (wenn auch nicht ganz die Brillanz  von Pinocchio erreicht wird), aber die Geschichte selber wird leider allzu oft von unwichtigen Nebenhandlungen in die Länge gezogen. So ergänzte man die Vorlage um einige weitere Charaktere. Allen voran drei kleine Feen, die ständig durchs Bild sausen, gute Ratschläge verteilen und für allerhand Zauber-Slapstick verantwortlich sind. Auch im Königsschloß geht es eher lustig-heiter zu. Da ist die Figur der bösen Malefiz in ihrer düsteren, nebelumwaberten Burg eine wahre Wohltat. Unnötig zu erwähnen, das ihr die mit Abstand besten Szenen des Filmes gehören.
Das Finale gerät den Disney-Mannen dann sogar zu einem waschechten Sword-and-Sorcery-Spektakel, als der Prinz aus dem Kerker flieht, sich durch die Dornenhecke schlägt und schließlich in einem furiosen Schlußduell gegen die in einen Drachen verwandelte Malefiz antritt. Diese Sequenz ist der unbestrittene Höhepunkt des Filmes und könnte durchaus mit der "Nacht auf dem kahlen Berge" aus Fantasia mithalten, wenn da nicht die ungeschickte Dramaturgie wäre, die dem Prinzen nicht sehr viel Eigeninitiative überläßt. Tatsächlich sind es die drei albernen Feen, die dem Helden mehrmals das Leben retten, und schließlich sogar den Drachen mit dem Schwert erlegen. Mit anderen Worten: ohne die drei nervigen Farbknubbel hätte unser Held nicht viel auf die Reihe bekommen. Den Ruhm sahnt er aber am Ende trotzdem ab. Na ja, es sei ihm gegönnt.

Ein technisch perfekter Zeichentrick-Klassiker, der einige wirklich großartige Szenen zu bieten hat, aber dramaturgisch leider sehr unausgegoren ist. Alle Bemühungen, den Geist klassischer Märchenerzählungen wiederzugeben, werden vom pompösen Disney-Kitsch gnadenlos plattgewalzt.
Als Alternative sei auf den 10-minütigen Puppentrickfilm "Dornröschen" von 1942 der Brüder Diehl verwiesen, der ein ungleich stimmungsvolleres und autenthischeres Bild der Vorlage zu entwerfen versteht.

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