Review

Dass bei meinem aktuell doch recht umfänglichen Informationsstand bezüglich Gruselfilmen mir ein Film wie „The Possession of Joel Delaney“ bis vor drei Monaten durchrutschen konnte, wundert mich immer noch ziemlich, aber manches ist schon so lange in die Bedeutungslosigkeit alten Zelluloids abgerutscht, dass es wie eine Offenbarung erscheint, wenn sich einige Leute doch noch daran erinnern.

Das ist insofern verwunderlich, da „Joel Delaney“ ein Popularitätsprodukt war, welches sich am Erfolg von William Peter Blattys „The Exorcist“ gütlich tun wollte. Wer jetzt anführt, der Film sei vor „Exorcist“ herausgekommen, dem sei versichert, dass schon Blattys Bestseller als Buch eine Reihe von Begehrlichkeiten ausgelöst hatte und so eine Produktion natürlich länger dauert. Auf jeden Fall hatte die legendäre Shirley MacLaine durchaus das kommerzielle Potential der Vorlage erkannt, war aber keinesfalls glücklich damit, dass ihre Schauspielkonkurrenz Ellen Burstyn ihr hier die Mutterrolle weggeschnappt hatte. Also ließ sie sich die Rechte an etwas Vergleichbarem sichern – und das war „The Possession of Joel Delaney“! (Die IMDB listet zwar, MacLaine hätte für diesen Film auf die Hauptrolle verzichtet, insofern bin ich vorsichtig, aber ich glaube kaum, dass ihr „Exorcist“ nicht sowieso besser gefallen hätte, wenn sie gekonnt hätte.)

Die Folge daraus ist ein Film mit weniger Kreuzmasturbation und Erbsensuppenreiherei, aber einen Besessenheitsfall kann auch „Delaney“ bieten, immerhin.

MacLaine spielt in diesem Film eine Oberklassentruse, ganz knapp vor Societyschickse, die nach erfolgter Scheidung (der liebe Ehemann hat was Frischeres und Blonderes im Gepäck) ihre beiden Kinder in einem Appartementhaus großzieht, in der auch eine Schulklasse Platz hätte, komplett mit Kindermädchen, damit Mutti auf all diesem Empfänge und Abendgesellschaften gehen kann, mit denen wohltätige Damen ihren Terminkalender füllen. Derweil ist der Joel aus dem Titel ihr wesentlich jüngeres Brüderchen (die beiden Darsteller trennen immerhin 14 Jahre), welches sich die Zeit damit vertreibt, wie ein abenteuerlustiger Bohemien durch die Welt zu gondeln und mit vielen Menschen in Kontakt zu kommen, um eben die „echte“ Existenz zu spüren. Darin liegt ein wenig studentischer Aufbruch, ein paar Hippie-Ideale und jede Menge Drogen, wie man annehmen darf.

Joel wohnt deswegen auch nicht in einer Straße mit „Upper“-Vermerk, sondern in einer latent runtergekommenen Mietwohnung in einer Black/Latino-Gegend. So weit, so gegensätzlich.

Die Probleme fangen an, als Joel dann häufiger mal Ausfälle hat, seinen Hauswirt attackiert und seltsame Symbole an die Wände schmiert. Dafür landet er erstmal in der Klinik, kann sich später aber an nichts mehr erinnern. Doch derlei wiederholt sich, er attackiert beispielsweise eine Hausangestellte aus dem Latinoumfeld und wird auch sonst häufiger wütend. Irgendwann kommt Tante Shirley (die damals Mitte 35 war) so langsam aus der Hüfte und fängt an zu recherchieren, analysiert die Symbole, die an den Wänden stehen und befragt Nachbarn. Und ja, auch die Polizei interessiert sich für die Sache, denn Joels viele Monate bester Kumpel steht im Verdacht, ein übler Serienkiller zu sein, ist jetzt aber seltsamerweise verschwunden.

Man muss keine besondere Leuchte sein – heute – um sich selbst zu erklären, was hier vermutlich vorgeht, anno 1972 war das aber noch relatives Neuland und die Konzentration der Optik auf die Gegensätze zwischen den Welten von Norah und Joel machen den halben Reiz aus, vor allem weil man an Originalschauplätzen und wenig im Studio gefilmt hat. Regisseur Waris Hussein erweist sich dann auch als geschickt darin, die „scheinbare“ Bedrohung zu erschaffen, die sich ergibt, wenn reiche weiße Frauen in arme, schwarze Viertel laufen, um ihre Vorurteile und Ängste quasi bestätigt zu sehen, auch wenn überhaupt nichts passiert.

Was er im Gegensatz nicht so gut kann, ist plotgetriebene Spannungserzeugung.

Das Drama mit okkulten Untertönen und Besessenheitsthematik verliert immer wieder das Tempo, schwebt zwischen Drehorten und widmet sich ausgiebig seinen Figuren (so geht Joel etwa natürlich zu einer Psychotherapeutin, um seine Probleme in den Griff zu bekommen), aber eine strukturierte Spannungskurve ist nicht drin. Am Anfang reizt noch das Rätselspiel und die Datensammlung, aber der nüchterne Stil (der im übrigen sehr an den von Friedkins „Exorcist“ erinnert), lässt die Story immer wieder in einen Stop laufen, bis sie wieder von Hand gestartet wird.

Erst zum Finale hin, holt der Film dann die nötigen Schreckensbilder an die Oberfläche, aber das ist ehrlich gesagt zu wenig, um die hüftlahme Besessenheitsthematik wirklich zu einem Höhepunkt zu führen. Wer aufmerksam Daten im Film sammelt, ist schneller am Ziel als Norah, die für Shirley MacLaine wirklich keine Traumrolle bot und das Geschehen in halber Leugnung ständig nur aufhält. Und wenn dann wirklich mal Köpfe rollen, dann wird das leider nicht so effektvoll präsentiert, wie es dieser "Höhepunkt" nötig gehabt hätte.

Auch der Showdown in einem Strandhaus hat einfach keinen Punch, ebenso der Twist, wenn es denn wirklich einer ist – aber die Produktion interessiert sich einfach nicht genug für die okkulten Untertöne der Produktion, wirft Bilder und Ideen in den Topf, produziert dabei aber nichts wirklich optisch Eindringliches, Gruseliges, Innovatives außer etwas Lokalkolorit zwischen den ethnischen Gruppen und ihren Nischen im modernen Stadtgefüge und Geldgefälle.

Man kann sich das gern können und als zeitgeschichtliches Drama auch hochinteressant, aber es ist einfach zu brav umgesetzt und Hussein als Regisseur ist nicht souverän genug, um dem Projekt Langlebigkeit einzuimpfen. Daher: kein Wunder, wenn der Film etwas in Vergessenheit geraten ist. (5/10)










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