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„Irgendwann kommt eben der Moment, wo Schluss ist!“

1975 war das Jahr, in dem der Erotik-Bereich von Italien aus um gleich mehrere Gloria-Guida-Filme wie „Teenager lieben heiß“ oder „Sonne, Sand und heiße Schenkel“ erweitert wurde, während der Franzose Just Jaeckin „Die Geschichte der O“ verfilmte, Sylvia Kristel als Emmanuelle in Serie schickte und man in Deutschland bereits beim neunten „Schulmädchen-Report“ angekommen war. Und es war das Jahr, in dem der italienische Regisseur Joe D’Amato („Sado – Stoß das Tor zur Hölle auf“) im Erotik-Genre debütierte. Zusammen mit Bruno Mattei hatte er ein Drehbuch verfasst, das er in Anlehnung an die französische Erotik-Ikone als „Emanuelle e Françoise le sorelline“ verfilmte und unter dem paradox anmutenden, nichtsdestotrotz durchaus passenden deutschen Titel „Foltergarten der Sinnlichkeit“ in die Geschichte der Sexploitation eingehen sollte.

„Am meisten reizt mich deine Unberechenbarkeit an dir!“

Der hochgeschossene, muskulöse Carlo (George Eastman, „Man-Eater“) ist ein wahrer Kotzbrocken von Mann. Seine etwas unbedarfte, ihn naiv liebende Freundin, das attraktive junge Fotomodell Françoise (Patrizia Gori, „Zinksärge für die Goldjungen“), nötigt er zum Sex mit anderen Männern, um dadurch seine Spiel- und Wettschulden zu begleichen und betrügt sie. Als Françoise ihren Carlo voller Vorfreude besuchen fährt, erwischt sie ihn mit einer seiner Bettgespielinnen, woraufhin er emotionslos die Beziehung beendet und sie vor die Tür setzt. Françoise ist daraufhin am Boden zerstört und wirft sich in ihrer Verzweiflung vor einen fahrenden Zug. Als sie aus Françoises letztem Brief die Hintergründe ihres Todes erfährt, sinnt ihre Schwester Emanuelle (Rosemarie Lindt, „Das Syndikat“) auf Rache. Sie gibt vor, Carlo verführen zu wollen, lässt zu Hause jedoch die Falle zuschnappen: Gefangen in einer versteckten und gut isolierten Kammer muss er, angekettet und unter Drogen gesetzt, durch ein außen verspiegeltes Fenster mitansehen, wie sie sich mit verschiedenen Sexualpartnern vergnügt. Auf perfide Weise treibt Emanuelle ihr Opfer in den Wahnsinn…

„Trink inzwischen einen Whiskey!“

Während einer Fotosession im Prolog lernt man die lebenslustige Françoise kennen, die auf ihrem Moped einkaufen fährt, überall beliebt zu sein scheint und ihrem Freund sogar Mitbringsel erwirbt. Im direkten Anschluss erwischt sie Carlo in flagranti und setzt daraufhin ihrem Leben ein Ende. Für die gewählte Todesart sieht sie noch überraschend gut aus, als Emanuelle sie identifiziert und in ihrem Brief zu lesen beginnt. Dies nimmt D’Amato zum Anlass für Rückblenden in Françoises und Carlos gemeinsame Zeit: Carlo verhökerte seine Freundin an einen schmierigen Pseudo-Filmproduzenten, der sie vergewaltigte, wozu unpassenderweise fröhlicher Swing von der Tonspur ertönt. Es verdichtet sich das Bild einer viel zu naiven jungen Frau, die, bis über beide Ohren verliebt, sich offenbar alles gefallen lässt. Emanuelle entpuppt sich als ihr exaktes Gegenteil und macht Carlo Avancen, als sie ihn natürlich beim Pferderennen antrifft und ihn zu sich vor die Haustür lotst. Eine weitere Rückblende ist wieder ausgesprochen unangenehm, denn im Rahmen einer Pokerrunde vergewaltigt Carlo Françoise vor den Augen seiner Mitspieler.

Emanuelle beweist ein Gespür für kontrolliertes Timing, indem sie nicht sofort in die Vollen geht, sondern sich zunächst von Carlo beim Tennis beobachten lässt. Sie baden anschließend zusammen im Meer, wo sie ihn neckt und schließlich ohne ihn davonbraust. Sie beherrscht das Spiel zwischen Annäherung und Distanz und weiß, wie man einen von sich selbst überzeugten Mann wie Carlo verrückt nach einem macht. In einem offenbar eher freizügigen Tanzclub – eine Besucherin tanzt oben ohne – muss man unbeholfene, hölzerne Tanzszenen über sich ergehen lassen, zu denen Emanuelle schließlich hinzustößt. Später zeichnet sie, mittlerweile selbst barbusig, ein grässliches Porträt, was ebenfalls unfreiwillig komisch anmutet – von den immer debiler werdenden Flirts ganz zu schweigen. So langsam könnte der Film mal in die Gänge kommen, ist man zu denken geneigt. D’Amato schien dies bewusst zu sein, denn ab nun nimmt die Rache ihren Lauf, die die zweite Hälfte des Films bestimmt. Bei seinem Besuch Emanuelles wird Carlo vergifteter Whiskey angeboten, gelungene visuelle Effekte illustrieren seinen Rauschzustand; in einer Art Prolog für das nun Kommende gesteht Françoise in einer erneuten Rückblende ihrem wettverschuldeten Carlo abermals ihre Liebe und eine Schnittcollage aus einem Schwarzweiß-Porno sowie Ausschnitten aus einer Fotosession suggeriert nicht nur einen Pornodreh mit Françoise, sondern wirkt beinahe richtiggehend künstlerisch.

Als Carlo wieder zu sich kommt, findet er sich angekettet wieder. Emanuelle tänzelt auf ihn zu, strippt vor ihm und schließt ihn wieder weg. Vor seinen Augen verführt sie, begleitet von leider recht albernen Dialogen, einen Kfz-Mechaniker, was D’Amato jedoch lediglich andeutet. Als erotischste Sequenz stellt sich der von Emanuelle arrangierte Lesben-Dreier heraus, dem er ebenso ohnmächtig beizuwohnen gezwungen ist wie Emanuelles dekadentem Abendessen mit Bekannten, das in Carlos Wahnvorstellungen zur Sex-Orgie inkl. vaginaler Einführung einer Getränkeflasche und kannibalistischem großen Fressen menschlicher Körperteile avanciert – eine unfassbare Szenenabfolge, die man gesehen haben muss und den auf Schockwirkung abzielenden Freigeist jener Exploitation-Ära sinnbildlich widerspiegelt. Als eher überflüssig erweist sich die finale Rückblende ins Rennfahrermilieu; gegenteilig verhält sich indes eine weitere unwirkliche Visualisierung Carlos Fantasie, in der er Emanuelle im Blutrausch zerstückelt. So billig die Spezialeffekte hierbei sind, so virtuos sind sie gefilmt. Als aus Carlos Fantasie bittere Realität wird, folgt ein vorhersehbares, in seiner Wirkung dennoch effektives, hartes Ende, das keinen Gewinner aus dem „Foltergarten der Sinnlichkeit“ entlässt.

D’Amatos erster Ausflug ins Erotische ist offensichtlich eines seiner Werke, die er noch mit einem gewissen formalen wie inhaltlichen Anspruch umzusetzen gedachte. Insbesondere die Kameraarbeit, die immer wieder schöne indirekte Perspektiven auslotet, weiß zu gefallen und auch die Besetzung erweist sich als stimmig, wenngleich Eastman bisweilen zum Overacting neigt. Gianni Marchettis Soundtrack hingegen trifft leider des Öfteren nicht den richtigen Ton, so dass atmosphärisch mehr herauszuholen gewesen wäre. „Foltergarten der Sinnlichkeit“ vereint Erotik, Sex, Drama, gialloeskes Ambiente, Horror und Wahnsinn zu einem nicht immer ganz geglückten, doch für Freunde etwas neben der Spur radelnder Filme faszinierenden Cocktail, der in jedem Falle beschwipst macht und einen Eindruck davon vermittelt, welches Potential D’Amato besaß.

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