Review

War da ein Geräusch ? - Steht da jemand hinter mir ?

Das besondere an den japanischen "Ringu" Filmen liegt darin, daß sie mit unseren Urängsten spielen. Ob es der Gang in den dunklen Keller ist, der forsche Weg durch die unbeleuchtete Gasse oder die nächtliche Abkürzung durch den Stadtpark - das Alles gehen wir mit unserem domestizierten Verstand an, der uns vermittelt das da schon nichts passieren wird - würden wir rein archaisch fühlen, ließen wir die Finger davon...auch heute noch sind solche Szenarien in vielen Ländern der Erde Orte einer realen Bedrohung.

Und wer kennt nicht die merkwürdigen Geräusche, die ein Haus nachts so von sich gibt und für die wir sofort einen rationalen Grund parat haben - nur, warum brauchen wir den eigentlich ?

Das die Grundidee, die auch dem "Fluch 2" zu Grunde liegt ,aus Japan kommt, ist nicht überraschend. Anders als in unseren rationalen Breitengraden, wo unerklärliche Vorkommnisse gerne als Esotherik , "Kaffee-Satz-Leserei" oder im besten Fall als Religion abgetan werden, werden hier noch traditionell geistige Riten und Feste gefeiert. Europäisch könnte man sich diesem Phänomen auch von der psychologischen Seite nähern - so hat sich auch bei uns inzwischen das Wissen durchgesetzt, daß zum Beispiel Kindheitserfahrungen - selbst wenn wir uns nicht mehr an sie erinnern - Auswirkungen auf unser zukünftiges Verhalten haben.

Wir sehen ein altes verwahrlostes und unbewohntes Haus, dunkle nur indirekt belichtete Räume ,alles ist nahezu farblos, in braungrauen bis schwarzen Tönen gehalten und keinen Moment wissen wir, was uns hinter der nächsten Tür oder oben an der Treppe erwartet. Dazu vernehmen wir ständig irgendwelche knarrenden Geräusche - wer solch eine Situation schon einmal erlebt hat, kann das Unbehagen spüren und ist sicher froh, wenn ihm Niemand über den Weg läuft. Takashi Shimizu personifiziert in seinen "Ju-on" Filmen diese unterbewußten Gedanken als das Böse in Gestalt eines Mädchens mit schwarzen langen Haaren und riesigen Augen - nicht erstaunlich ,daß einen diese Vision nicht mehr los läßt.

Zuerst scheint die Story von "Der Fluch 2" keine Verbindung zu Japan zu haben, denn wir befinden uns in einer amerikanischen Großstadtwohnung ,während der Speck in der Pfanne brutzelt. Als aber der Ehemann sich über das angebrannte Frühstück beschwert und die liebende Ehefrau ihm daraufhin die Pfanne über den Schädel haut, ahnen wir schon kommendes Unheil.

Noch näher kommen wir der Situation bei einer kleinen Anspielung auf das Teenie-Slasher-Genre. In einer typischen Szene, in der die Neue in der Schule versucht sich bei zwei angesagten Teenies anzubiedern, taucht zum ersten Mal das verfluchte Haus auf. Ausgerechnet hier haben sich die Mädels eine Mutprobe für Frischlinge ausgedacht, ohne zu ahnen, daß sie sich damit Jemanden aufhalsen, dem es egal ist, was sie letzten Sommer getan haben. Shimizu bringt dann im weiteren Verlauf noch mehrere Varianten zu bekannten Versatzstücken des Genres, sei es der heimliche Treff mit dem schicken Lover im Hotelzimmer oder die Duschszene. Diese Szenen sind dann auch die Einzigen, die so etwas wie Humor oder Ironie aufweisen.

Der dritte Erzählstrang ist dann die eigentliche Fortsetzung zum Teil 1. Aubrey (Amber Tamblyn) wird von ihrer Mutter nach Tokio geschickt, damit sich diese um ihre Schwester Karen (Sarah Michelle Gellar) kümmert, die verletzt im Krankenhaus liegt. Sie hatte versucht das verfluchte Haus abzubrennen, um ihren Freund Doug zu retten, was gründlich daneben ging. Als Aubrey sie jetzt im Krankenhaus besucht wird sie sofort mit dem Fluch konfrontiert und betritt dann auch schon nach kurzer Zeit selbst das bekannte Haus...

Diese drei Erzählstränge laufen ständig parallel voneinander ab ohne das der Zuschauer weiß, wie und ob sie zusammenhängen, sieht man einmal von dem ständig auftretenden monströsen blassen Mädchen ab. Mit fortschreitender Dauer ahnt man immer mehr die Verbindung, die sich erst in der letzten Szene klärt. Sonst klärt sich allerdings kaum etwas und der erfahrene Beobachter könnte eine Vielzahl von Szenen auflisten, die über eine gewisse Unlogik verfügen. Wie zum Beispiel gelingt es der Japan-unkundigen Aubrey problemlos an einen völlig einsam gelegenen Ort zu gelangen, an der eine alte Frau wohnt (die dann auch noch englisch kann)?

Wenn man mit solch einer Einstellung an diesen Film heran geht, sollte man sich diesen nicht ansehen. "Der Fluch 2" bietet weder Gore-Effekte noch eine thrillerartige Handlung, die sich um Aufklärung bemüht und sei sie noch so sehr an den Haaren herbei gezogen.

Aber wen interessieren diese Erklärungen ? - Existieren in diesem Film irgendwelche Polizisten, die sich auf die Suche nach den verschwundenen Personen begeben? - Natürlich nicht, denn vielleicht sind sie gar nicht real verschwunden ,vielleicht symbolisiert ihre filmische Auflösung in ein Nichts deren vollständige geistige Umnachtung. Wer interpretieren will, hat hier viele Ansätze, wer kritisieren will, hat noch mehr Argumente, doch beides führt weder zum Ziel noch wird es dem Film gerecht.

"Der Fluch 2" setzt ausschließlich auf eine überragende Atmosphäre. Wer David Lynchs "Blue Velvet" oder die erste Hälfte von "Lost Highway" gesehen hat, weiß welch suggestive Kraft von den dunklen, fast schwarzen Ecken der Wohnungen ausgehen, weiß, welche Anziehungskraft das Unbekannte hat und versteht auch den jungen Jake, warum er des nachts in die benachbarte Wohnung geht, um nach den unbekannten Geräuschen zu sehen.

Überhaupt sind gerade die Szenen in der Chicagoer Großstadtwohnung hier von gespenstischster Wirkung, mehr noch als die gewohnte japanische Sphäre. Zwar verwendet Takashi Shimizu kaum Zeit darauf, uns in irgendwelche Charaktere einzuführen, aber er streut doch geschickt atmosphärische Störungen in das jeweilige Zusammenleben - der Keim des Fluches steckt eben doch in uns selbst - es bedarf nur eines kleinen Schrittes bis zur Katastrophe...

Sicher, wer schon sämtliche Filme des japanischen Genres gesehen hat, wird das Szenario vertraut finden, aber nichtsdestotrotz ist "Der Fluch 2" eine gelungene Umsetzung des Themas. Die gespenstische, jederzeit bedrohliche Atmosphäre wird ständig durchgehalten, es gibt kaum Ruhepausen und nur selten Zweifel an der absoluten Hoffnungslosigkeit der geschilderten Situation. Die Geräuschkulisse und die ständig in Blautönen gehaltenen Bilder vermitteln ein Rütteln an den Urängsten, daß bei mir einen dauerhafteren Schrecken ausgelöst hat als die meisten deutlich brutaleren Horrorstreifen.

Fazit : wahrscheinlich letztes Werk der "Fluch" - Reihe, welches die Tradition fortsetzt, mit einer subtil aber konsequent umgesetzten Atmosphäre an unseren inneren Ängsten zu rütteln.

Wer Gore-Effekte oder Thrillerelemente sucht, wird hier nicht fündig. Auch wer rational versucht, die ganze Sache zu begreifen, wird diesem japanischen Werk der geisterhaften Beschwörung des Unterbewußtseins nicht gerecht und sollte davon Abstand nehmen.

Die größtenteils unbekannten Schauspieler machen ihre Sache ordentlich, sind aber letztendlich nur die Staffage für die gruselige Atmosphäre, die den Betrachter dazu zwingt nach Verlassen des Kinos und dem dann folgenden Nachhauseweg den Verstand wieder einzuschalten (8/10).

Details
Ähnliche Filme