Review

Grundsätzlich versuchen wir ja alles zu katalogisieren und einzuordnen.

Dazu gehört die Zuordnung eines jeden Filmes zu einem bestimmten Genre. Über allem thront dann immer der schöne Begriff "Drama" ,der nichts aussagt, denn alle Filme sind Dramen. Aber er wird gerne verwendet, wenn der Film auch eine ernsthafte Note hat....

Zusätzlich wurde Billy Wilder's später Film natürlich wie gewohnt als Komödie eingeordnet, denn diese sind nun einmal seine Spezialität. Nur, was sagt das aus ?

Zumindest die deutschen Verleiher trauten wohl schon damals dem Braten nicht, sonst hätten sie den Originaltitel "Avanti" nicht verdoppelt. Das klingt vielleicht etwas spitzfindig, ist aber von elementarer Bedeutung :

- das einfache "Avanti" wird im italienischen so verwendet wie das englische "Welcome" oder das deutsche "Bitte Herein" oder ganz einfach "Ja" - das doppelte "Avanti, Avanti" dagegen vermittelt "Los, Los!" oder "Mach schneller!". Während das Einfache eine freundliche Reaktion ist, ist das Doppelte ein Befehl, der zusätzlich Tempo vermitteln soll, in diesem Fall wohl komödiantisches Tempo oder auch ein Ausdruck dafür " den Italienern Beine zu machen".

Das entspricht dem Film in keinster Weise und weckt zudem falsche Erwartungen. Wilder erzählt die Geschichte ,die nach einem Theaterstück entstand, in einem durchgehend ruhigen Tempo.

Die Story an sich ist auch schnell erzählt :

Der 42-jährige Wendell Armbruster muß kurzfristig nach Italien reisen, um dort die sterblichen Überreste seines während eines Kuraufenthaltes in Italien verstorbenen Vaters heimzuholen. Schon auf dem Weg zu der bei Neapel gelegenen Insel Ischia begegnet er mehrfach der Engländerin Pamela, die den selben Weg hat.

In Ischia angekommen muß er sehr schnell feststellen, daß es kompliziert ist, aus dem bürokratisch etwas unkonventionellen Italien eine Leiche zu überführen. Außerdem erfährt er, daß sein Vater keineswegs alleine bei dem Unfall gestorben ist, sondern zusammen mit seiner langjährigen Geliebten, deren Tochter Pamela (Juliet Mills) ist.

Diese möchte ihre Mutter auch gar nicht heimholen, sondern fände es viel schöner ,wenn die beiden verstorbenen Liebenden gemeinsam auf Ischia begraben würden. Das kommt für Wendell Armbruster natürlich nicht in Frage, denn für seinen Vater, einem erfolgreichen Industriellen, ist schon ein großes Begräbnis organisiert mit viel Prominenz. Außerdem wie sollte man im prüden Amerika Jemanden erklären, warum sein Vater auf Ischia begraben wird ?

Die Komik in der Story entwickelt sich sehr langsam und ist nie plakativ. Sie liegt vor allem in der Person des Wendell Armbruster, von Jack Lemmon genial verkörpert. Er ist hier ein ganz konventioneller, konservativer amerikanischer Geschäftsmann und durchaus mit den typischen Vorurteilen über Land und Leute in Italien verhaftet. Die Komik seiner Figur entsteht aus seiner Entwicklung. Fast wie ein Kind staunt Wendell Armbruster ständig über die neuen Erkenntnisse, die er erst über seinen Vater, dann über Italien und nicht zuletzt über Pamela erfährt....

Die Komödie liegt dabei einzig und allein in der Fähigkeit Lemmon´s diese neuen Erfahrungen - zwar mit leichtem Widerstand - anzunehmen und sich entsprechend zu verändern. Wäre er tatsächlich die Person, die er teilweise auch mit schlechtem Benehmen vorzugeben versucht, wäre dieser Film keine Komödie, sondern eine beißende Satire, bei der man nichts zu lachen hätte......

Aber genau das hat Billy Wilder nicht gewollt und das ist dem Film irgendwie zum Verhängnis geworden.

Denn die Kritik vor allem an der US-amerikanischen Großmannssucht und der damit verbundenen Arroganz kommt daher im Gewand einer leichten dialoglastigen Geschichte ,aber um Anerkennung als kritischer Film zu bekommen, muß man bekanntlich den Hammer rausholen.

Dabei kommen die Nadelstiche zum Ende des Films hin immer häufiger, besonders als in der letzten halben Stunde die Figur des J.J.Blodgett (Edward Andrews) vom State Department auftaucht, dem sogenannten "Mann für die schwierigen Fälle".
Ob es Italiens Faschismuszeit ist, die Blodgett recht unverhohlen der aktuellen "chaotischen" Zeit vorzieht, ob hier schon von den "schwierigen" Verhältnissen im arabischen Raum gesprochen wird, die der "ordnenden Hand" der Amerikaner bedürfen ,Billy Wilder läßt am Ende kaum etwas aus, um diese Denkweise der Lächerlichkeit preis zu geben.

Aber vor allem singt Wilder hier ganz unverhohlen das Hohelied der freien Liebe abseits von Zwängen wie Familie und Beruf . Das war Anfang der 70er noch ein absolutes Tabu und wenn man sich aktuellere Filme ansieht ist es das zumindest in den USA wohl wieder oder immer noch so....

Nur zur Erinnerung - Wilder's "Eins, Zwei, Drei" ist Anfang der 60er Jahre keineswegs nur durchgefallen, weil es durch den Mauerbau scheinbar seine Aktualität verlor. Die beißende Kritik daran, daß jeder nur Kommunist, Faschist oder Kapitalist ist, je nachdem, was ihm den meisten Vorteil bringt, kam Anfang der 60er gar nicht gut an. Auch wir Deutschen wollten damals Niemanden mehr sehen, dem ständig der "Hitlergruß" rausrutschte.....

Wilder verstand es seit je her, seine Kritik in eine leichte Komödie zu verpacken, aber in "Avanti, Avanti" kommt er am dezentesten daher, vielleicht wird deshalb das Werk etwas unterschätzt.

Für mich, der ich den Film schon in den 70er Jahren das erste Mal sah, eines meiner liebsten "Feel Good"-Movies, gepaart mit einer gewissen Schadenfreude. In einigen Details wirkt der Film vielleicht ein bißchen altmodisch :

- die damals auch in Deutschland noch üblichen Vorurteile gegen das "Gastarbeiter-Land" Italien, die sich nicht zuletzt auch im veränderten doppelten "Avanti" zeigten, gehören glücklicherweise der Vergangenheit an,
- auch die Ferien mit der heimlichen Geliebten haben keinen Sensationscharakter mehr. Eher wirkt es fast altmodisch ,die Geliebte über so viele Jahre weiter zu verheimlichen und den äußeren Schein zu wahren,

- in Zeiten unverhohlener Kritik an der US-Politik wirken hier die Anspielungen zu wenig direkt und plakativ

Allerdings ist der Film geradezu mutig , wenn er seine beiden Hauptdarsteller nackt zeigt. Bedenkt man das Jack Lemmon und Juliet Mills damals etwa im heutigen Alter von "Mr. und Mrs.Smith" Brad Pitt und Angelina Jolie waren, dann erkennt man an dem 34 Jahre alten Film, wie verklemmt wir heute sind.

Heute wird von Schauspielern die ewige Jugend und geradezu unnatürliche Perfektion verlangt, damit wir Zuseher mit nichts konfrontiert werden.

Ein Jack Lemmon dagegen wirkt keinen Tag jünger als ein Mittvierziger und Niemand (außer in sogenannten Experimentalfilmen) würde sich heute noch so ablichten lassen. Dadurch wirkt der Film erstaunlich modern und zeigt uns, daß unser heutiges Denken eher einen Rückschritt bedeutet.

Für mich wird der Film immer aktuell bleiben und ich kann nur Jedem empfehlen, sich dem Film vorurteilsfrei zu nähern. Ich versichere, er macht einfach gute Laune (9/10).

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