Airport
Erzählerische Stringenz, dramaturgisches Geschick und darstellerische Brillanz machen den Startschuss des modernen Katastrophenfilms auch noch 50 Jahre später zu einem vergnüglichen Filmgenuss. Die mit Airport etablierte Erfolgsformel wurde damit zu Recht zur Blaupause eines bis heute quicklebendigen Subgenres des Spektakel-Kinos.
Es gibt Filme, die treten ein ganzes Genre los. Bei solchen Trendsettern handelt es sich nicht einfach nur um Initialzündungen für zahllose Epigonen, sondern um regelrechte Blaupausen hinsichtlich Inhalt, Figuren und Struktur. Was Goldfinger für das moderne Actionkino, Star Wars für den neueren Science Fiction-Film oder Scream für den wiederbelebten Teenie-Horror bedeutet, ist Airport für das spektakuläre Katastrophenkino der 1970er Jahre (und darüber hinaus). Das ist umso erstaunlicher, als der Film seinerzeit als altmodisch galt. Das große Figurenensemble, ein für die Zeit eher gemächliches Erzähltempo und der pompöse Score des bereits 70-jährigen Veteranen Alfred Newman atmeten mehr den Geist großer Epen der 60er und später 50er Jahre und standen im deutlichen Gegensatz zum thematisch und technisch progressiven New Hollywood, das sich um 1970 auf seinem künstlerischen und kommerziellen Peak befand.
Ob die enorme Popularität von Arthur Haileys Romanvorlage (1968), das Großaufgebot alternder Hollywood-Stars (u.a. Burt Lancaster, Dean Martin, Helen Hayes, Van Heflin) oder die Epen-DNA vergangener Jahrzehnte für den durchschlagenden Erfolg bei Publikum ($128 Millionen Einspiel bei einem $10 Millionen Budget) und Kritik (10 Oscar-Nominierungen) sorgten, ist letztlich akademisch. Der Film traf definitiv einen Nerv und die zeitgeistige Stimmung, was spätesten die zahllosen Nachfolger und Nachahmer bewiesen.
Das Setting ist der fiktive Chicagoer Großflughafen Lincoln International. Flughafenmanager Mel Bakersfeld (Burt Lancaster) hat angesichts eines plötzlichen Wintereinbruchs alle Hände voll zu tun, den Betrieb aufrecht zu erhalten. Jeder andere Manager wäre wohl zwischen Schneechaos, politischen Querschüssen sowie allerlei kleineren und größeren persönlichen Dramen zerrieben worden, aber nicht so der ehemalige Kampfpilot. Mit einer Mischung aus stoischer Ruhe, beherzter Eigeninitiative und beinahe störrischer Beharrlichkeit steuert er den schwerfälligen und schlingernden Tanker durch die beschriebenen Untiefen.
Burt Lancaster hat sich später wenig wertschätzend über Rolle und Film geäußert („The worst piece of junk ever made“), dabei ist es vor allem seine Leistung, die Airport Herz und Seele verleiht. Ob im Liebeswirrwar zwischen seiner entfremdeten Ehefrau und der eng vertrauten Sekretärin, als Fels in der Brandung zwischen störrischen Flugkapitänen, opportunistischen Lokalpolitikern und seinem überlasteten Personal, oder als nonchalanter Souverän angesichts einer besonders dreisten blinden Passagierin, stets trifft Lancaster den richtigen Ton, die passenden Nuancen um die leicht ins schablonenhafte hätte abgleiten könnende Figur mit lebensechter Authentizität zu füllen.
Sein Star-Kollege Dean Martin vollbringt ein ähnliches Kunststück. Auf dem Papier ist Flugkapitän Vernon Demerest ein wandelndes Pilotenklischee. Am Boden die gehörnte, aber zu ihm stehende Ehefrau, in der Luft die attraktive und deutlich jüngere Flugbegleiterin. Zu dieser klassischen Dreieckskonstellation fehlt dann nur noch die Schwangerschaft der Geliebten und voila, während des Flugs nach Rom folgt die entsprechende Eröffnung. Ein einziger Fettnapf also, aber Martin tänzelt souverän drum herum. Demerest ist sich der Doppelzüngigkeit seiner amourösen Persona durchaus bewusst und nicht stolz darauf. Er weiß um die angerichteten Verletzungen und die unerfüllten Erwartungen. Martin spielt das sehr subtil und ohne Sympathie heischende Volten. Dass diese vergleichsweise differenzierte Darstellung gelingt, ist überdies auch ein Verdienst von Jacqueline Bisset und Barbara Hale. Erstere bedient so gar nicht das übliche hollywoodsche Stewardessen-Abziehbild des dümmlichen Püppchens und Hale schafft es in ihren wenigen Szenen Mitleid zu erzeugen, ohne Martins Figur zu dämonisieren.
Bleiben noch drei Charaktere, die sowohl den Erfolg des Films wie auch seine Vorbildfunktion gleichermaßen prägten. George Kennedy - von jeher abonniert auf hemdsärmelige, kernige Typen - etablierte in Airport den Prototyp der aufopferungsvoll schuftenden rechten Hand des Helden. Als Cheftechniker Joe Patroni macht er allen Widrigkeiten zum Trotz das Unmögliche möglich, gewissermaßen ein direkter Nachfahre des amerikanischen Pionierzeit-Heroen. Helen Hayes wiederum brilliert als mit allen Wäschern gewaschene blinde Passagierin und sorgt für den Comic Relief im ansonsten todernsten Katastrophen-Szenario. Ihre in jahrelanger Praxis etablierten Tricks und Kniffe für das kostenfreie Flugreisen halten ein Gros des Airport-Personals auf Trab und sorgen für einige Lacher nicht nur auf Zuschauerseite. Hayes auf Schrullig- und Dreistigkeit setzende Darstellung brachte ihr den zweiten Academy Award ein und erinnert wohl nicht ganz zufällig in vielen Nuancen an Margaret Rutherfords legendäre Miss Marple Interpretation.
Van Heflin schließlich gibt den Bösewicht des Films und erfüllt damit ebenfalls eine essentielle Funktion. Denn abgesehen von der Wetterkatastrophe muss das gebeutelte Personal auch mit einem drohenden Anschlag auf ein gestartetes Flugzeug fertig werden. Der vor dem finanziellen Ruin stehende D. O. Guerrero plant einen Selbstmordanschlag um seine Frau mit einer vorher abgeschlossenen Lebensversicherung abzusichern. Auch diese Figur ist nicht der übliche Klischee-Bösewicht solcher Szenarien. Kein irrer Psychopath, oder diabolisches Superhirn. Man hat fast Mitleid mit dem traumatisierten und in die existentielle Enge getriebenen Attentäter, den Heflin als desillusionierten Normalo spielt, der keinen Ausweg mehr sieht und dessen eigentlich gute Absichten eine menschliche Katastrophe in Kauf nehmen.
Seinen Klaassikerstatus verdankt Airport aber nicht zuletzt auch und insbesondere der Arbeit hinter der Kamera. Regisseur George Seaton inszenierte nicht nur mit sicherer Hand, er adaptierte auch Haileys Romanvorlage mit vergleichbarem Geschick. Schon in seinem Oscar-prämierten Drehbuch zum Weihnachtsklassiker Das Wunder von Manhattan überzeugte er mit liebevollen Figurenzeichnungen sowie einer emotional packenden Geschichte. Diese Attribute finden sich auch in Airport und heben den Katastrophenfilm über viele seiner reißbrettartig konstruierten Nachfolger. Da Seaton zudem die Klaviatur des Spannungsaufbaus beherrscht und ausladende Sets wie die Flughafenhalle realistisch wirken lassen kann, ist Airport auch noch ein halbes Jahrhundert nach seiner Entstehung ein filmischer Genuss und das nicht nur für Nostalgiker. Tempo, Score und Tricktechnik mögen das Produktionsjahr nicht verbergen können, aber sieht man sich die CGI-Epigonen neueren Datums an, dann wird man fast wehmütig ob deren weitaus ausgeprägterer Plakativität und Oberflächlichkeit. Vor allem aber wird deutlich, wie wegweisend und prägend Airport für dieses nach wie vor quicklebendige Subgenre des Spektakel-Kinos war und nach wie vor ist.