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Season 1

Dexter Morgan ist ein forensischer Blutspezialist und arbeitet für die Polizei Miamis. Als Hauptcharakter einer Serie stellt er einen neuen Typus des Antihelden dar. Tagsüber klärt er Morde auf, nachts ist er selbst ein sadistischer Killer. Seinen Blutdurst hat Dexter schon seit früher Kindheit, nichts vermag ihn zu stoppen. Bei seinen Morden handelt Dexter nach dem Kodex seines Adoptivvaters Harry, sich nur Menschen zum Opfer zu nehmen, die eine Bestrafung verdient haben. So soll sein Blutdurst kanalisiert werden in einen ‚nützlichen Zweck’, denn Dexter handelt keineswegs aus moralischem Empfinden. Wer sein Opfer wird, wäre ihm prinzipiell egal da er ohnehin keine Gefühle hat und zwar wörtlich: Ein schweres Trauma aus seiner Kindheit, das nur langsam und bruchstückhaft aus der Erinnerung hervorbricht, hat ihm jeglicher Humanität beraubt. Nicht einmal für seine Familie oder seine Freundin kann Dexter Liebe empfinden – er ist ganz und gar leer. Das betrifft im Besonderen seine Asexualität, denn der Sextrieb ist ihm ebenso fremd. Dexter stellt somit die Überzeichnung des postmodernen, völlig entmenschlichten Großstadtbürgers dar, gerade in Zeiten, in denen Asexualität sich immer mehr unter der urban lebenden Bevölkerung verbreitet.

In der Hauptrolle als Dexter Morgan brilliert Michael C. Hall, Fans bestens bekannt aus der hoch gelobten Drama-Serie „Six Feet Under“, wo er ebenfalls einen wichtigen Hauptcharakter verkörperte. Seine Darstellung ist unverschämt sympathisch und fügt sich kongenial in das Gesamtbild sowie in das restliche Ensemble. Dieses ist im Vergleich zu anderen Serien eher klein gehalten und funktioniert auch ohne großes Schauspieleraufgebot. Sowohl Erik King („The District“, „Oz“) als auch Julie Benz (demnächst zu sehen in „John Rambo“) greifen auf reichhaltige Erfahrung in Fernsehproduktionen zurück und übernehmen erstmals in ihren Karrieren Hauptrollen. Benz ist zu sehen als Dexters zerbrechliche Freundin Rita, die seit den negativen Erfahrungen mit ihrem Ex-Mann keinen Sex mehr haben will, während Erik King als fieser Kollege Dexter das Leben schwer macht. Als James Doakes läuft er zu Hochform auf und zeigt was für ein charismatischer Darsteller in ihm steckt.

Auch die Produktionsgeschichte unterscheidet „Dexter“ von anderen modernen Hit-Serien. Während High Budget Produktionen wie „Lost“ oder „Heroes“ sich unterschiedlichster Genre-Versatzstücke bedienen und auch andere Hitserien wie „Weeds“ (ebenfalls von Showtime produziert) auf Originalideen basieren liefert hier allerdings ein Roman die Vorlage, ungewöhnlich für eine moderne TV-Produktion. Die beiden „Dexter“-Bücher von Jeff Lindsay sind nicht mehr als durchschnittliche Groschenliteratur, doch die originelle Grundidee wird interpretiert als absolute Hochklasse-Unterhaltung. Dabei greift die Serie zu einem moderateren, weniger effekthascherischen Erzählstil und destilliert ausschließlich die Stärken der mäßig geschriebenen Romanvorlagen.

Nach dem oberflächlichen Handlungsmuster gehört die Serie dem Krimigenre an, fühlt sich dessen Regeln aber nicht verpflichtet, stellt sie teilweise auf den Kopf wenn auf originelle Weise gängige Selbstjustizklischees auf ein ganz anderes Level erhoben werden. James Doakes, Dexters Erzfeind auf dem Polizeirevier, entspricht viel eher einem klassischen Sympathieträger denn er hat im Gegensatz zu Dexter ein reales Gerechtigkeitsempfinden. Weiterhin verschließt sich die Serie nicht gegenüber kontroversen Themengebieten und spricht mehrfach die illegale Immigration aus Kuba an, in diesem Zusammenhang ist José Zúñiga ("Con Air") in einer ungewohnt fiesen Gastrolle zu sehen. Dexter ist allerdings kein Vigilante, der sich die Verbrecher vorknöpft, die dem System entfleuchen konnten. In vielen Fällen sorgt er selbst für eine Lücke im System und sorgt dafür, dass die Verbrecher auf freien Fuß gelangen und auf seiner Schlachtbank enden können. Damit wagt „Dexter“ die wohl am meisten kontroverse moralische Fragwürdigkeit, welche selbst für den sehr offenen Pay-TV Sender Showtime („Weeds“, „Brotherhood“) überraschend provokativ erscheint.

Handlungsort ist Miami. Gegensätzlich zum sterilen Look in „Nip/Tuck“ zeigt „Dexter“ ein kontrastiertes Bild der Stadt: Einerseits in vielen Nachtaufnahmen das lebendige Nightlife welches unterlegt ist mit heißblütigen kubanischen Rhythmen und andererseits die grell überstrahlten Szenen bei Tageslicht. Das morbide Titelthema erklingt entgegen der lateinamerikanischen Musik sehr gefühlskalt und trägt dabei ebenso entscheidenden Anteil an der atmosphärischen Komplexität. Die Bilder vermitteln einen glaubwürdigen Eindruck einer lebenslustigen Oberfläche unter der schwelende Konflikte stets präsent sind und jeden in den Abgrund reißen können.

Fazit: „Dexter“ bringt – im wahrsten Sinne des Wortes – frisches Blut ins Fernsehen und in das Serienkillergenre. Der aufregende Thriller-Plot gipfelt dramaturgisch äußerst konsequent in einem starken Finale, welches einen völlig geschlossenen Eindruck macht. Den Handlungsfaden weiter zu spinnen wird nicht einfach sein, die zwölf Episoden der ersten Staffel machen aber auf Anhieb süchtig. Wenn auch erst die zweite Staffel wohl ein klares Bild über die Haltbarkeit der Serie machen wird; ein gelungener Einstieg ist allemal gemacht.

09 / 10

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