Grenzüberschreitung und neue Erzählperspektiven zeichnen die aktuellen US-Serien aus, die auch gerne mal Charaktere in den Mittelpunkt stellen, die sonst eher Bösewichte wären, etwa Mafiaboss Tony Soprano, Drogendealer Walter White und Serienkiller Dexter.
Dexter Morgan (Michael C. Hall) geht seinem Handwerk allerdings auf ganz besonders perfide Weise nach: Hauptberuflich ist er Forensiker bei der Polizei von Miami, Spezialgebiet Blutspritzer, auch seine Adoptivschwester Debra (Jennifer Carpenter) stößt zur Mordkommission. Allerdings nutzt Dexter seine Arbeit dazu nach Verbrechern zu suchen, die dem System entkommen. Deren Freude währt nämlich nicht lange, denn an ihnen lebt Dexter seinen Tötungstrieb aus – einem Code folgend, den sein Adoptivvater Harry (James Remar) ihm beibrachte. Harry erscheint immer wieder als Projektion von Dexter, führt mit dem Sohn Debatten über die Anwendung des Codes, während Dexter seinem blutigen Handwerk nachgeht.
Soweit die Ausgangssituation von „Dexter“, auf Basis derer die Serie immer wieder neue Story Arcs pro Season aufbaut, die wiederum miteinander verknüpft sind. Allerdings trifft Dexter in nahezu jeder Staffel einen Seelenverwandten, oft andere Killer wie etwa den Ice Truck Killer in Season 1 oder den Trinity Killer in Season 4, gelegentlich aber auch Figuren anderer Art, etwa den Staatsanwalt Miguel Prado (Jimmy Smits) in Season 3, der einen Hang zu Selbstjustiz entwickelt, oder das Vergewaltigungsopfer Lumen Ann Pierce (Julia Stiles) in Season 5, mit der er gemeinsam jene jagt, die für eine Reihe von Vergewaltigungen und Frauenmorden verantwortlich sind. Während diese Figuren oft am Ende der Staffel ausscheiden (aus unterschiedlichen Gründen, meistens jedoch sterben sie), so bleiben die Subplots über die Staffeln hinaus erhalten, die sich meist um Dexters Privatleben, seine Familie und seine Kollegen drehen. Etwa das Verhältnis zu seiner Schwester, das zu seiner Freundin Rita (Julie Benz), die er vorerst nur als Tarnung ausgesucht hatte, oder das zu dem Polizisten James Doakes (Erik King), der Dexter im Gegensatz zum Rest der Polizeibelegschaft stets argwöhnisch begutachtet.
Für Humor sorgt dabei, vor allem in den ersten Staffeln, Dexters Voice-Over, welches einerseits Einblicke in die Seelenwelt des anfangs noch so gefühllosen Serienkillers gibt, der Emotionen vorspielt um eine Fassade der Normalität zu wahren, bald aber entdeckt, dass er doch Gefühle entwickeln kann. Andrerseits spielt die Serie auf humorvolle Art mit dem, was Dexter sagt, und dem, was er sich dazu denkt. Etwa wenn er runterrattert, was ihn angeblich so lange aufgehalten hat, via Voice-Over dann nur für den Zuschauer hinzufügt, dass er außerdem noch sein aktuelles Opfer entführen, massakrieren und entsorgen musste. In den späteren Staffeln wird diese Komponente zurückgenommen, trotz vereinzelter Gags (Dexter tanzt Hammertime auf einem Klassentreffen) rücken die Drama-Elemente, die hin und wieder auch ins Soapige übergehen, überhand.
Tatsächlich liegt es an den Figuren und den zwischenmenschlichen Konflikten, dass „Dexter“ über 8 Staffeln fast durchweg interessant bleibt, denn das Stalk und Slash der Hauptfigur würde sich auf Dauer abnutzen (vor allem in Season 1 gibt es zwar in fast jeder Folge ein victim of the week, später wird davon aber immer mehr abgesehen). Nicht immer trifft die Serie hier den richtigen Ton, die eine oder andere Eifersuchtsgeschichte ist auf Seifenopernniveau (und nicht immer auf gutem Seifenopernniveau), anderes dagegen ist mit bemerkenswertem Feingefühl inszeniert: Etwa wenn Lumen und Dexter einander näherkommen, Debra in Joey Quinn (Desmond Harrington) einen Kollegen und potentiellen Freund bekommt, der ähnlich tickt wie sie, oder sich Angel Batista (David Zayas) als gute Seele des Police Department erweist. Selbst eher schräge Figuren wie Dexters dauergeiler Forensik-Kollege Vince Masuka (C.S. Lee) entwickelt Nuancen und Töne, die ihnen Kontur geben und sie nicht auf den Status eines Stichwortgebers mit nur einer dominanten Charaktereigenschaft reduzieren. Selbst unter den Figuren, die nur eine Staffel oder wenige Folgen dabei sind, gibt es einige faszinierende Charaktere, man denke an den Mafiaboss Isaak Sirko (Ray Stevenson) aus Season 7, der mehr als ein simpler Antagonist für Dexter ist, sondern durch Zwischentöne auffällt.
Die Vertrautheit mit den Figuren ist es dann auch, die den Zuschauer über so manche unglaubwürdige Storyentwicklung hinwegsehen lässt. Wieder und wieder entkommt Dexter der Polizei und anderen Behörden, welche Spuren seiner Killertätigkeit entdecken, manchmal durch so viel Glück, dass eben nur Filmgott Zufall gleich doppelt verantwortlich sein kann. Das ist teilweise natürlich der Serienform geschuldet, schließlich will man die Serie in ihrer Grundform über mehrere Staffeln erhalten, damit die Fans das geboten bekommen, was sie sich wünschen, sorgt natürlich aber für Situationen, die das Drehbuch Mit Mühe zu Dexters Gunsten hinbiegen muss. Mal ganz abgesehen davon, dass es nicht gerade realistisch ist, dass Miami andauernd von Serienkillern verschiedenster Vorgehensweise heimgesucht wird, aber andrerseits würde die Serie anders kaum funktionieren, insofern muss ist ein gewisses Maß suspension of disbelief auch nötig.
Was freilich nicht alle schreiberischen Schwächen von „Dexter“ entschuldigt, denn von Staffel zu Staffel schwankt die Qualität. Unschlagbar ist die erste Season, deren persönlichen Charakter man allerdings auch kaum replizieren kann: Die Hintergründe, die man über Dexter erfährt, und das Drama von fast Shakespeareschen Ausmaßen, das sich im Laufe der Staffel entwickelt – das kann man eben nur einmal haben. Famos sind auch die vierte Staffel um den Trinity-Killer, obwohl die zweite Hälfte der Staffel sich etwas wiederholt, und die fünfte (und gleichzeitig zweitbeste) Season, in der Dexters Seelenverwandte ausnahmsweise mal eine ursprünglich unschuldige und sanfte Person ist, der das Killen nicht im Blut liegt, die aber Rache nehmen will. Schwächer dagegen sind die dritte Staffel, die sich etwas wiederholt, und die sechste, die nach einer starken ersten Hälfte, leider in eine Killerhatz übergeht, die nur durch diverse Logiklücken bis zum Seasonfinale weitergehen kann. Den einzig wahren Ausfall stellt allerdings die achte und leider auch letzte Season dar: Dexter begeht ohne ersichtlichen Grund einen dummen Fehler nach dem anderen, zig neue, potentiell interessante Figuren werden eingeführt, bekommen aber keine wirkliche Aufgabe und die Logiklücken sind dermaßen ärgerlich, dass man sie auch mit viel Wohlwollen nicht tolerieren kann. Das unbefriedigende Ende setzt dem Ganzen dann noch die Krone auf.
Abgesehen von diesem Ausrutscher ist „Dexter“ aber meist recht spannend, bietet ungewöhnliche Kriminalfälle, meist in der Fahndung nach besonders abgedrehten Serienkillern, und birgt genug Suspense-Momente, wenn Dexter in Gefahr gerät – entweder in die entdeckt oder in die ermordet zu werden, je nachdem, wem er gerade gegenübersteht. Je stärker der Antagonist, desto stärker ist in der Regel auch die Staffel, denn die Suche nach einfachen Opfern oder das Abschütteln von nachlässigen Verfolgern ist nun einmal langweilig, doch meistens kann man sich bei Dexter über ein spannendes Kräftemessen freuen. Gleichzeitig stecken jedoch auch interessante Kernthesen in „Dexter“, vor allem natürlich die Frage, inwieweit Selbstjustiz gerechtfertigt ist. Dexter bezeichnet sich gern als „very neat monster“, bettelt (zumindest in den ersten Staffeln) nicht um Zuschauersympathie, was ihn zu einer starken Figur macht, es aber ermöglicht seine Handlungen kritisch zu beurteilen. Ermöglicht seine Ungebundenheit an gesellschaftliche Regeln ihm das zu tun, was eigentlich nötig ist, oder ist er genauso ein Verbrecher wie, die auf seinem Tötungstisch dahinscheiden? Fragen nach Gerechtigkeit und Gesetz, die eben nicht immer das Gleiche sind, werden gestellt, während man sich stets fragen muss, wie weit man mit den serienkillenden Antihelden sympathisieren kann, will und darf.
Dass Dexter über weite Strecken eine dermaßen faszinierende Figur ist, liegt vor allem an der Performance von Michael C. Hall, der dafür vollkommen berechtigt diverse Preise gewann. Ebenfalls extrem gelungen sind die Leistungen von Jennifer Carpenter, Julie Benz, David Zayas, C.S. Lee, James Remar und Erik King, während andere Regulars wie Lauren Vélez und Desmond Harrington da nicht immer mithalten können. Zu den herausragenden Gaststars gehören Julia Stiles, Ray Stevenson, John Lithgow und überraschenderweise auch Mos Def, aber auch Jaime Murray, Colin Hanks, Edward James Olmos, Yvonne Strahovski, Peter Weller und Jimmy Smits können ihn ihren jeweiligen Staffeln Akzente setzen.
Während andere Serien oft qualitativ kontinuierlich abfallen, ist „Dexter“ eine Achterbahnfahrt mit herausragenden (1, 4, 5), schwachen (3, 6) und einer relativ ärgerlichen Season (8). Trotz so mancher Unglaubwürdigkeit ist es jedoch schon eine Leistung, wie sich „Dexter“ in Krisenzeiten stets neu zu erfinden weiß, wie sehr einem die Charaktere trotz gelegentlicher soapiger Klischeepassagen ans Herz wachsen und wie spannend die Serie meist ist. Mit einer besseren Finalstaffel hätte man vermutlich noch mehr herausgehalt, aber sehenswert ist „Dexter“ trotz einiger Wehrmutstropfen – nicht zuletzt wegen ihrer höchst interessanten Hauptfigur, die Michael C. Hall famos verkörpert.