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Im Jahre 1976 wilderte der spanische Regisseur Amando de Ossorio („Die Nacht der reitenden Leichen“) in deutschem Kulturgut, um die Sage von der Loreley durch den Trash-Fleischwolf zu drehen und billigen Kreaturenhorror aufs Publikum loszulassen.

Das sieht dann so aus, dass keine Schiffe durch gar lieblichen Gesang gegen Felsen manövriert werden, sondern die Loreley in Gestalt eines glitschigen Ungeheuers mit scharfen Zähnen und großen Pranken Jagd auf die Bewohnerinnen einer Mädchenschule macht und sie zerfleischt, um an ihre Herzen zu gelangen. Doch Sonnyboy Sirgurd (!) (Tony Kendall, „Der Dämon und die Jungfrau“) kommt an den Rhein, verdreht allen Mädchen und Kopf und schreitet mit offenem Hemd, unter dem das Brusthaar wallt, und einer Hose, unter der sich auf obszöne Weise Gesäß und Gemächt abzeichnen, zur Tat, um den Morden auf die Spur zu kommen. Dabei verknallt sich sogar die Loreley in ihn…

Untermalt von melancholischen Gitarren- und Streicherklängen dann und wann gar mit Gesang, die sich glücklicherweise schnell gegen fürchterlich unpassenden, zeitgenössischen Discofunk durchsetzen, zeichnet de Ossorio ein herrliches Bildnis deutscher Rheinstädtchen inkl. Bratwurst-Schildern, Bierreklame (Henninger Bier) und Reetdachhütten. Doch obwohl die Handlung offensichtlich in der damaligen Gegenwart angesiedelt wurde, wirkt die Darstellung des Rheinlands seltsam altertümlich, in einer späteren Szene versammeln sich die Bewohner gar mit Fackeln und Mistgabeln bewaffnet wie in einem Gothic-Horrorfilm. Dafür darf man aber oft bewundern, wie Schiffe den Rhein entlang schippern, den dieses Motiv hat die Regie als ihr favorisiertes auserkoren, um Sprünge im zeitlichen Ablauf zu signalisieren.

Das wird aber alles nebensächlich, wenn reichlich heiße Mädels in Bikinis durchs Bild hüpfen. Ein einsames Bikini-Mädchen-Exemplar hüpft allein am Strand entlang und ist, wie sich herausstellen soll, die Loreley höchstpersönlich (Helga Liné, „Horror-Express“). Das sieht wenig elegant aus und ist ebenso unfreiwillig komisch wie die billigen, aber ultra blutrünstigen Splattereffekte, bei denen sogar vor Ausweidungen nicht halt gemacht wird. Die Kreatur erinnert dabei ein wenig an den „Schrecken vom Amazonas“, wird aber aus gutem Grund nie wirklich komplett gezeigt. Die Verwandlungsszenen, in diesem Falle Strandnixe zu Prankenfischmonster und zurück, beherrschte man in den 1930ern bereits besser.

Unserem strahlenden Helden gelingt schließlich, u.a. mit Hilfe eines verschrobenen Professors, der in seinem Bilderbuchlabor voll sinnlos und vor allem unbeaufsichtigt vor sich brodelnder und blubbernder Reagenzgläser auch einen kleinen Privatzoo unterhält und sich gern mal der Gesellschaft eines Schafs hingibt, was den depperten Rheinuferbewohnern jahrhundertelang versagt blieb: Das Geheimnis um die Loreley zu lüften, den Eingang zu ihren unterirdischen Höhlengemächern zu finden (in denen auch noch der Schatz der Nibelungen lagert!), ihre Untergebenen erfolgreich zu bekämpfen – was diese teilweise untereinander besorgen, denn angesichts unseres Schönlings verfallen die Dienerinnen der Loreley, Sexbomben in Fellbikinis, in Zickenkrieg und legen einen Frauenringkampf aufs felsige Parkett – und schließlich (Achtung, Spoiler...) mittels einer simplen Bombe den Loreley-Felsen in die Luft zu sprengen und somit dem Spuk ein Ende zu bereiten.

Eigentlich hätte man de Ossorio die Finger dafür brechen müssen, was er aus unserer schönen, traditionellen Sage gemacht hat – wäre diese Trash-Granate nicht so unterhaltsam! Zwischenzeitlich blitzt auch immer wieder sein Geschick für das Erschaffen atmosphärischer Meisterwerke, wie es „Die Nacht der reitenden Leichen“ eines war, durch, das einerseits de Ossorios Talent erahnen lässt, andererseits aber auch die Vermutung nahe legt, dass der Trashgehalt dieses Films keinesfalls freiwilliger Natur ist – zumindest nicht durchgehend.

Fazit: „The Loreley’s Grasp“ unterhält allen Albernheiten und Schwächen zum Trotz durchaus atmosphärisch und vor allem charmant. Für Genrefreunde mit einem Herz für nicht ganz freiwilligen, südeuropäischen Trash und dreiste Exploitation mit Sicherheit keine schlechte Wahl.

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