Ich weiß nicht was soll es bedeuten,
Dass ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.
Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein.
Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar;
Ihr goldnes Geschmeide blitzet,
Sie kämmt ihr goldenes Haar.
Sie kämmt es mit goldenem Kamme
Und singt ein Lied dabei;
Das hat eine wundersame,
Gewaltige Melodei.
Den Schiffer im kleinen Schiffe
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh.
Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn;
Und das hat mit ihrem Singen
Die Lore-Ley getan.
Diese Zeilen stammen aus Heinrich Heines Gedicht "Die Lore-Ley" von 1824, das Jahre später von Friedrich Silcher zum "Lied von der Loreley" vertont wurde und auf der Lokalsage der Loreley basiert. Es prägte die Figur der Loreley als eine Art Nixe, die gleich einer Sirene durch ihren Gesang und ihre Schönheit die Rheinschiffer in ihren Bann zieht, worauf hin diese durch die gefährliche Strömung und die Felsenriffe umkommen.
Basierend auf den unzähligen Balladen und Legenden entstand 1974, zur Blütezeit des europäischen Horrorkinos, Amando de Ossorios romantisches Schauermärchen "The Loreley´s Grasp - Die Bestie im Mädchen-Pensionat" - ein mitunter kurioser Streifen, der zusammen mit "Die Nacht der reitenden Leichen", "Die Rückkehr der reitenden Leichen" und "Die Stunde der grausamen Leichen" zu den Höhepunkten der Ära gezählt werden darf.
De Ossorio, der bereits 1971 den wegweisenden Horrorfilm um die reitenden Leichen geschrieben und inszeniert hatte, setzt auch hier wieder auf eine stimmungsvolle und atmosphärische Umsetzung - ohne jedoch den spannungsgeladenen und unheimlichen Charakter des Vorgängers zu erreichen.
"The Loreley´s Grasp" bezieht seine Reize vielmehr aus den Stilmitteln der romantischen Dichtungen und entführt den Zuschauer an einen kleinen, beschaulichen Ort am Rhein. Ein herrliches Landschaftspanorama, jede Menge Lokalkolorit, nebelverhangene Waldtäler, Ruinen, alte Burgen und Höhlen prägen das Szenario und erinnern teilweise an die romantisierenden Verfilmungen aus den britischen Hammer-Studios.
Dieser gediegenen Inszenierung stehen die Versatzstücke des modernen Horrorfilms gegenüber: wenn eine amphibische Gestalt mit giftgrüner Pranke durch die Dunkelheit schleicht und unheimlich schnaufend und röchelnd junge Fräuleins der hiesigen Mädchenschule meuchelt, liegt das Hauptaugenmerk auf bildhübsche, halbnackte Frauenkörper, die auf brutale Art und Weise zerstückelt und ausgeweidet werden.
Der Splattergehalt ist, trotz preisgünstig handgemachter Masken- und Spezialeffekte, sehr hoch und de Ossorio geizt weder mit nackten Tatsachen, noch mit extrem blutigen Einstellungen.
Der Soundtrack, den Komponist Anton Garcia Abril auch bei den reitenden Leichen beisteuerte, ist bei "The Loreley´s Grasp" besonders vielseitig ausgefallen und untermalt die beiden gegensätzlichen Stilrichtungen von Schauerromantik und blutigen Horror adäquat: Das melancholische Lied der Loreley zieht sich dabei als Leidmotiv durch den gesamten Film - während Abril es gekonnt versteht, in den entsprechenden Momenten sowohl für einen groovigen 70ies-Sound zu sorgen und die gruseligen Sequenzen stimmungsvoll zu begleiten.
Die Mischung aus konservativer und moderner Inszenierung mit all ihren Gegensätzen macht sich bezahlt und de Ossorios Werk weiß auf weiter Strecke zu überzeugen.
Tony Kendall, der "Kommissar X" aus der sechsteiligen, gleichnamigen Kinofilm-Reihe und bekannt aus "Die Rückkehr der reitenden Leichen" gibt, wie gewohnt, den kernigen Macho mit weit geöffnetem Hemd, üppiger Brustbehaarung und einem heißen Ofen. Als Jäger Sirgurd soll er der Bestie den Garaus machen - doch bevor es so weit ist, läuft noch viel Wasser den Rhein entlang und viele bildhübsche Mädchen fallen den Klauen des Monstrums zum Opfer.
Erst zum Finale schleppt sich die Handlung etwas dahin und de Ossorios Leidenschaft für deutsche Sagen lässt den Trashgehalt der spanischen Produktion stark ansteigen. Und dennoch bleibt ein unterhaltsames und gelungenes Stück europäisches Horror-Handwerk, das in dieser ungeschnittenen Version jedem Fan dieser Ära ans Herz gelegt sei.
Shock Entertainment hatte den Film bereits vor zwei Jahren als limitiertes Mediabook veröffentlicht. Nun wurde die preisgünstigere und entsprechend abgespecktere Variante als Einzel-Veröffentlichung sowohl als DVD, als auch als BR auf den Markt gebracht und überzeugt mit bescheidenem Bonusmaterial und einem sehr schön gestalteten Wendecover. Der Film liegt in deutscher, englischer und spanischer Sprache vor und hat optionale deutsche Untertitel.
6,5/10