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Hitchcocks erster Tonfilm, und sogleich nimmt er die neue Zutat freudig auf und setzt sie so gekonnt intensiv ein, dass ich 77 Jahre später noch in einer Szene zusammen mit der Hauptdarstellerin in einer unheilschwangeren Szene aufschrecke, erfasst von einem gehörigen akustischen Schockeffekt.

Dabei beginnt “Blackmail” tonlos, so wie auch die Produktion begann. Gedreht wurde zunächst eine Stummfilmfassung. Erst während der Dreharbeiten ergab sich die Möglichkeit, auf ein Tonformat zurückzugreifen. Das Studio liebäugelte mit der Idee, den Film derart umzufunktionieren, dass ein Wandel vom Stumm- zum Tonfilm erst in der letzten Einstellung vollzogen würde. Als eine Art letztes Highlight, gebraucht als Stilmittel, wie es beim Übergang vom Schwarzweiß- zum Farbfilm später auch teilweise realisiert wurde (etwa “Gigant des Grauens”, 1958).
Hitchcock hielt davon nicht allzu viel und drehte das Meiste in vertonter Form neu, um sogleich seinen ersten Film mit kompletter akustischer Untermalung umsetzen zu können.

So ist “Blackmail” schließlich die Umkehrvariante dessen geworden, was den Produzenten vorschwebte, denn nicht die letzte Einstellung ist die einzige geworden, die über Ton verfügte, sondern die erste Einstellung wurde die einzige, die stumm blieb. Man spürt Hitchcocks Verbeugung vor einer auslaufenden Epoche. Zunächst nur anonyme Männer in Mänteln, die hektisch in einem Wagen durch London rasen. Eine perspektivische Einstellung wie in der Eröffnungsszene von “Der Mieter”, schließlich die Infiltrierung der Wohnung eines Verdächtigen. Noch bewegen sich die Münder, ohne dass ihnen ein Laut entweichen würde. Die Inszenierung lebt von ihren Bildern und Hitchcock hat ein letztes Mal die Gelegenheit zu beweisen, wie er völlig befreit von akustischer Unterstützung Szenen aufbauen kann, die nur von ihrem visuellen Arrangement leben.

Zwei Polizisten, die im Türrahmen stehen und beobachten. Einen Mann, der auf dem Bett sitzt und sein Gesicht hinter einer aufgeschlagenen Zeitung birgt. Welche nurmehr den Blick auf die riesigen, auffälligen Hände freigibt. Die hinter die Zeitung zu einem verschwitzten Gesicht führen, das uns die Kamera bald offenbart. Ein Gesicht, das voller Spannung und Hektik ist. Es beobachtet die Polizisten über einen Spiegel. Ein Vorgang, der mit einem raffinierten Kameratrick visualisiert wird. Dann ein zaghafter Blick auf die Kommode, eine Hand, die sich von der Zeitung löst und die sich darauf befindende Pistole ergreifen will - doch die Männer im Türrahmen sind schneller und ergreifen den zuckenden Arm und stellen den Mann zu einer Rede, die man noch nicht hören kann.

Dieser Opener charakterisiert einen Antagonisten, Detective Frank Webber (John Longden), der sich später als Freund der Hauptfigur Alice (Anny Ondra) herausstellt. Nun steigen wir in den Tonfilm und damit in den Dialog ein. Hier werden Konflikte deutlich, deren Gründe Hitchcock bereits ohne ein Wort zu sagen offengelegt hat: Der Beruf steht zwischen den beiden Liebenden und Alice fühlt sich vernachlässigt. Zu sehen bekommt man in den ersten Minuten also ein ausgezeichnetes Zusammenspiel von Stumm- und Tonfilm, das der Redewendung “Reden ist Silber, Schweigen ist Gold” einen neuen Twist gibt, denn ausgerechnet der vernehmbare Dialog im Restaurant ist voller Nichtigkeiten, die unter der Oberfläche auf tiefliegende Probleme hinweisen, die bereits auf stumme Art ausgesprochen wurden. Hitchcock verabschiedet sich ehrfürchtig und respektvoll von seinen Anfängen, stellt er doch zu Beginn nochmals alle Vorteile einer Filmepoche heraus, die schon sehr bald abgemeldet sein würde.

Dann jedoch greift er sich die ihm bietenden neuen Möglichkeiten mit beiden Händen und füllt die für sich gesehen nicht allzu ausgebuffte Geschichte mit allerlei akustischen Katalysatoren. Der Suspense breitet sich fortan nicht nur mit bedrohlich blitzenden Augen aus, sondern auch mit Geräuschkulissen, die dem drohenden Unheil eine weitere Dimension verleihen und es verdichten.

Mit dem Künstler wird dann eine Figur eingeführt, von der man nichts weiß. Man hat sie keine Frau vergewaltigen oder eine Leiche zerstückeln sehen, doch dies ist gar nicht nötig, um Suspense zu erzeugen. Wir befinden uns im Jahr 1929 und treffen hier auf einen fremden Mann, der einem anderen das Mädchen ausspannt und es gleich auf sein Appartement einlädt - dieser Mann muss Schlechtes im Sinn haben. Als er dann auch noch witzelt “Haben Sie Angst vor mir?”, liegt der Verdacht zum Greifen nahe, und als Hitchcock ihn dann in einer Szene so beleuchtet, dass es aussieht, als habe er einen Schnurrbart wie den eines klassischen Stummfilm-Bösewichtes, ist die Sachlage klar: Hier geht etwas nicht mit rechten Dingen zu.

Es ist aber nur der Auftakt für ein Katz- und Mausspiel zwischen Scotland Yard und der verdächtigen Frau, die wir bei der Tat beobachten konnten. Ein fantastischer Auftakt, wohlgemerkt: Klavierbegleitung und Volksgesang, um falsche Sicherheit vorzugaukeln, sexuelle Symbolik im gemeinsam erstellten Porträt des Künstlers und seines Gasts, auch beim An- und Ausziehen eines Kleids, das völlig absurderweise in der Wohnung eines Junggesellen liegt. Bis der Bösewicht seine Natur offenbart, hat die Hauptfigur ein Schauerbad der Unsicherheit über sich ergehen lassen. Und dann der Mord. Zwei Menschen verschwinden hinter einem Vorhang, der sich im Kampfe heftig bewegt, nur einer kommt wieder dahinter hervor.

So ist mit sehr einfachen Mitteln deutlich mehr Komplexität erreicht, als die banale Geschichte verraten würde, denn plötzlich ist da nicht nur ein hintergangener Mann, der bei Scotland Yard arbeitet, nein, seine Freundin hat auch noch einen Mord begangen und damit eine Tat, die er beruflich zu untersuchen hat.

Zu schwach ausgeleuchtet bleibt leider die zwischenmenschliche Tragik in dieser Ironie, die sich zwischen dem Pärchen ausbreitet, denn alles was geschieht, ist folgendes: Der findige Detective hat schnell herausgefunden, dass seine Freundin den Mord begangen hat und deckt sie nun, ohne mit der Wimper zu zucken - verteidigt sie gegen eine neue Bedrohung, den Erpresser, der weiß, was geschehen ist. Schade, dass dieser neue Kniff so plötzlich ins Geschehen einbricht, denn von einer Aussprache zwischen Frank und Alice kaum eine Spur.
Unmittelbar nach der Tat konzentriert sich Hitchcock eher darauf, das Trauma von Alice visuell und akustisch auszuarbeiten. Das gelingt ihm freilich ausgezeichnet; überall auf der Straße erblickt sie fallende Arme ähnlich dem Bild, das man nach dem Mord zu sehen bekommt (aus dem Vorhang fällt plötzlich die erschlaffte Hand des Ermordeten). Auch sonst ist alles voll von Symbolik und wiederkehrenden Motiven: Eine sich bewegende Radkappe als Eröffnung, was sich später wiederholt, die Gemälde im Appartement des Malers, eine Kaleidoskop-Perspektive als verwirrungsstiftendes Moment. Noch effektiver jedoch, was Alice dann in dem Laden ihres Vaters erlebt. Hitchcock lässt eine Kundin über Alltägliches, Belangloses sprechen, während wir einen Blick auf Alice erhaschen, die langsam in Gedanken versinkt. Der Monolog der Kundin zermatscht zu unidentifizierbarem Gebrabbel, aus dem nur das Schlüsselwort “Knife” herausragt, bis es plötzlich so laut geschrien wird, dass man selbst heute noch aus den Latschen kippt. Das ist gerade zu dieser frühen Zeit allerfeinstes Handwerk, übertüncht aber eben auch inhaltliche Lücken im Gefüge.

Denn nicht einmal die Situation um den Erpresser läuft so richtig warm, abgesehen von einigen zweideutigen Befragungen, die Hitchcock spannungstechnisch auch später noch durch so manchen Film helfen würden (“Der falsche Mann”, “Ich beichte”). Dicht gewobener Suspense ist “Blackmail” trotzdem, immerhin hat er gleich mehrfach Spannungshöhepunkte aufzuweisen, die bereits in der Exposition beginnen. Eine simple Geschichte, die durch die absurde Situation und der ihr innewohnenden Ironie aber an Spannung gewinnt. Es ist ein mehr als gelungener Epochenwechsel, der da vonstatten geht. Zwar sind in diesem naturgemäß Übergangsschwierigkeiten festzustellen. Die Schauspieler, im Speziellen Anny Ondra (die sogar neu synchronisiert wurde, weil ihr Akzent zu deutsch klang - eines der Hauptprobleme vieler Stummfilmdarsteller, die nach Einführung des Tonfilms keine Arbeit mehr fanden), agieren eigentlich viel zu reserviert für Dialogszenen. Dennoch nutzt Hitchcock die Möglichkeiten, die sich ihm bieten, eindrucksvoll, fortschrittlich und doch voller Ehrdarbietung für den Stummfilm.

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