Schon immer sollten besonders unrealistisch wirkende, fantasy-artige Elemente genau das Gegenteil verdeutlichen - nämlich die Realität. Die ständige Wiederholung des immer selben Tages wie in "Und täglich grüßt das Murmeltier" verdeutlichte erst durch seine Reproduktion den vielschichtigen Charakter des Protagonisten und auch in "Unsichtbar" werden viele Zusammenhänge und verborgene Emotionen erst durch den unsichtbaren Beobachter wahrnehmbar.
Dabei wendet der Film eine Konstellation an, die vordergründig bekannt wirkt, die aber im Detail neuartig ist, sieht man einmal davon ab, daß es sich hier um ein amerikanisches Remake eines schwedischen Films handelt. Nick Powell (Justin Chatwin) wandert als unsichtbarer Geist durch seine vertraute Umgebung, ohne Einfluß nehmen zu können. Er wird zum Beobachter seines eigenen Lebens, kann dabei so nah an jeden Menschen herangehen, wie er will und erhält somit intimste Informationen - und wir mit ihm. Erzeugt wird diese Situation durch einen nachvollziehbaren Kniff. Nick liegt schwer verletzt im Koma und sein Geist wandelt so lange noch auf der Erde ,bis er wirklich tot ist oder wieder zum Leben erweckt wurde...
"Unsichtbar" beginnt wie ein typischer Teenagerfilm an der Highschool und zeigt uns Nicks Umfeld mit seiner treusorgenden Mama (Marcia Gay Harden), die vor allem Nicks Karriere im Kopf hat, seinem besten Freund Pete (Chris Marquette), der Probleme mit einer Schul-Drogengang hat und seinen alltäglichen Konflikten im Schulalltag. Dabei stellt sich schnell heraus, daß Nick ein sehr guter Schüler ist, dessen besondere Vorliebe der Literatur und dem Verfassen von Gedichten gilt.
Wer nun glaubt, hier wieder eine typische Teeny-Schmonzette mit Gruselattitüde vorgesetzt zu bekommen, irrt und auch der Begriff "Streber", der in Inhaltsangaben für Nick verwendet wird, verfälscht den Eindruck des Films. "Unsichtbar" bleibt die gesamte Zeit über ernsthaft und differenziert in seinen Charakterisierungen. Nick ist keineswegs ein Loser, sondern handelt geschickt mit seinem Wissen, indem er gegen Geld Hausarbeiten für Andere schreibt. Zudem hat er eine attraktive Freundin und bewegt sich souverän innerhalb seines Schulalltags.
Trotzdem ist er ein Außenseiter, aber in seiner logischsten Form. Seine intellektuellen Interessen lassen ihn automatisch zu einem Einzelgänger werden, dem die Mitschüler verständnislos gegenüber stehen. Nick ist das durchaus bewußt und er leidet darunter, daß ihn weder seine Mutter und die Lehrer verstehen, die eine angemessene Karriere von ihm erwarten, noch seine Mitschüler, die ihn insgeheim für einen Spinner halten. So wirkt sein "Beinahe-Tod", den er durch seine Mitschülerin Annie (Margarita Levieva) erleidet, fast folgerichtig, angesichts seines melancholischen Weltbildes und seinem Bewußtsein, sich nicht gegenüber der bürgerlichen Umgebung und ihrer Erwartungshaltung auflehnen zu können. Interessanterweise ist diese Figur auch für den Betrachter lange Zeit wenig zur Identifikation geeignet und gewinnt erst mit zunehmender Laufzeit, auch durch Nicks immer konkreteres Verhalten, an Sympathie.
Annie ist das genaue Gegenteil von Nick, eine aus sozial schwierigen Verhältnissen stammende junge Frau, die sich eine extreme Härte gegenüber sich selbst und ihrer Umgebung angewöhnt hat. Annie ist in ihrer Mischung aus Mädchenhaftigkeit, Fürsorge für ihren kleinen Bruder und gleichzeitiger Wut, verbunden mit rücksichtsloser Härte ein - allerdings selten zu sehendes - Klischee, daß dank des überzeugenden Spiels der russischen Schauspielerin Margarita Levieva nicht ins Lächerliche abgleitet, sondern am stärksten zur Identifikation einlädt.
Allein das Zustandekommens des Todes wird in seiner Komplexität und Nachvollziehbarkeit erstaunlich konsequent geschildert. Annie will Nick aus Rache bestrafen, weil sie glaubt, daß er sie nach einem Raub an die Polizei verraten hatte. Aber - und genau darin erkennt man die Qualität des Films - tatsächlich bringt sie ihn aus Wut um, da er ihr bis zuletzt ins Gesicht sagte, daß sie "fertig" ist und damit ihren wunden Punkt traf. Der Film versteht es vom ersten Moment an, die Anziehung zwischen den beiden Protagonisten zu verdeutlichen und die Ähnlichkeit, die Beide in ihrer Unlust am Leben haben. Nur durch diese innere Verbindung wird ihr Tötungsakt verständlich, denn sein Wesen verkörpert für sie scheinbar das, was sie sich am meisten wünscht und deshalb zerstören muß. Auch Nicks Verachtung ihr gegenüber, die in seinen letzten Worten liegt, entspringt der Tatsache, daß ausgerechnet diese Kriminelle eine Konsequenz in ihrem Handeln hat, die ihm fehlt.
Durch die zusätzlichen Eingriffe in das Geschehen von Annies Lover, der sie in Wirklichkeit an die Polizei verraten hatte, und Nicks Freund Pete, der wiederum Nick ans Messer lieferte, um sich selbst zu schützen, entsteht hier ein Konglomerat an inneren Abhängigkeiten und gegenseitiger Schuld ,daß das Geschehen bis zum Schluß in äußerster Spannung erhält. Und genau darauf konzentriert sich auch der Film, der zwar vordergründige Thrillerelemente anwendet, aber vor allen Dingen daran interessiert ist, den gordischen Knoten des gegenseitigen Nichtverstehens und Begreifens aufzulösen.
"Unsichtbar - zwischen den Welten" besteht aus mehreren Stilelementen und beleiht souverän eine Vielzahl von Genres. So driftet der Film zwischen Thriller- und Kriminalelementen, Sozialdrama, Highschoolkomödie und Fantasy hin und her, um schließlich in der Thematik zu enden, die von Beginn an über den Dingen steht - einem berührenden Liebesfilm. Deshalb greift der Vorwurf des Kitsches nicht, der den emotionalen Szenen zum Ende hin angeheftet wird, da diese Momente aus einem Geschehen heraus, daß trotz aller scheinbar unwahrscheinlichen Elemente logisch und in sich nachvollziehbar bleibt, entwickelt wird und ernsthaft anrühren kann.
Fazit : "Unsichtbar - zwischen zwei Welten" ist ein Film, an dem sich die Geister naturgemäß scheiden werden. Schon allein dadurch, daß es sich um eine amerikanische Version eines europäischen Films handelt, wird die in der Story verankerte Intellektualität und Differenziertheit angezweifelt.
Sicherlich kann die schwedische Urfassung, die im Film verankerten Intentionen direkter zur Geltung bringen, da hier typische amerikanische Storyelemente schnell den Eindruck von Oberflächlichkeit vermitteln. Tatsächlich hat der Film aber nichts von seinen Qualitäten verloren, sondern überrascht mit einer komplexen, in die Tiefe gehende Geschichte mit jungen, größtenteils unbekannten Darstellern.
Absolut empfehlenswert auch für einen unterhaltenden Abend, wenn man bereit ist sich auf einen Film einzulassen, der nicht die typischen Erwartungshaltungen erfüllt und angemessen emotional berührt (8/10)