Als ein „Serialized Drama“ bezeichnet man eine TV-Serie, die sich nicht in jeder ihrer Episoden mit einer neuen Geschichte bzw einem anderen Fall befasst, sondern stattdessen eine zentrale, durchgehende Handlung präsentiert, welche sich konstant über den Verlauf von (mindestens) einer Staffel entfaltet. Projekte dieser Art benötigen besonders starke Pull-Faktoren, müssen geradezu eine Faszination oder Sogwirkung aufbauen, um zu gewährleisten, dass sich das Publikum für die Dauer mehrerer Wochen, ja gar Monate quasi zum Einschalten verpflichtet – dementsprechend selten avancieren Sendungen jenes Formats zu echten Hits, von herausragenden Ausnahmen á la „Twin Peaks“, „24“ oder „Prison Break“ mal abgesehen. Auf dem 2006er/2007er-Season-Spielplan der amerikanischen Sender ließen sich gleich mehrere solcher Produktionen finden (z.B. CBS´s „Jericho“) – unter ihnen gar zwei, welche eine ähnliche Thematik aufgriffen, nämlich Entführungen: Fox´s „Vanished“, mit fünf Wochen Vorsprung im Rennen, und „Kidnapped“ von NBC – weißgott keine optimale Ausgangslage. Erstere Veröffentlichung erwischte von sich aus schon einen schweren Start, weshalb die Macher von „Kidnapped“ vorgewarnt waren. Trotz hoher Investitionen sowie auffällig viel Talent vor und hinter der Kamera schienen sie jedoch bereits im Vorfeld das Vertrauen in ihr Produkt zu verlieren – die Werbetrommel wurde nur sehr verhalten gerührt, bei der Vermarktung klammerte man die „Serialized Drama“-Beschaffenheit zudem nahezu stillschweigend aus. Darüber hinaus pokerten die Verantwortlichen ungewöhnlich hoch, setzten (wie es scheint) alles auf eine Karte: Bei ihrer Premiere im September gewährte man der Serie den traditionellen Sendeplatz des Dauerbrenners „Law & Order“ – in direkter Konkurrenz zu „CSI: NY“ (CBS) und „the Nine“ (ABC). Die Rechnung ging nicht auf. Nach nur drei ausgestrahlten Folgen wurde das nach der fünften in Kraft tretende Absetzen entschieden – aber NBC gewährte den Beteiligten die Gelegenheit, die Sache zu einem würdigen Abschluss zu bringen, statt von heute auf morgen rigoros den Stecker zu ziehen: Die Autoren durften die Story in 13 (statt der ursprünglich geplanten 22) Episoden vollenden, welche daraufhin alle noch mit demselben Aufwand umgesetzt wurden. 2007 brachte „Sony Home Entertainment“ dann „Kidnapped: the Complete Series“ auf DVD heraus – auf diese Weise kann man sich nun in aller Ruhe, also ohne lästige Werbeunterbrechungen oder wöchentliche Wartezeiten, in der heimischen Stube an einer der besseren Serien der jüngeren Vergangenheit erfreuen…
Conrad Cain (Timothy Hutton) hat es geschafft: Aufgewachsen in einem „unruhigeren“ Bezirk New Yorks, drohte sein Leben entlang der schiefen, beinahe vorherbestimmt anmutenden Bahn zu verlaufen, bis er sich in Folge eines einschneidenden Vorfalls zusammenriss und fortan etwas aus sich machte – heute ist er ein millionenschwerer Geschäftsmann, der gemeinsam mit seiner Frau Ellie (Dana Delany) und den drei Kindern (die das „Brown“-College besuchende Aubrey (Olivia Thirlby), ihre 10 Jahre alte Schwester Alice (Lydia Jordan) sowie der 15-jährige Leo (Will Denton)) ein luxuriöses Penthouse mit Ausblick auf den Central Park bewohnt. Wie an jedem Morgen in jüngster Zeit, seit eine merkwürdige Gestalt vor etlichen Monaten ihm gegenüber die drohenden Worte „I´m coming for you!“ ausgesprochen hatte, wird letzterer in Begleitung seines Bodyguards Virgil (Mykelti Williamson) zur Schule gefahren. An einer Kreuzung mitten in Manhattan gerät ihr SUV allerdings in einen Hinterhalt: Irgendwie ahnt Virgil den Angriff, schließlich haben seine Special Forces Erfahrungen die Sinne geschärft, doch auch er kann nicht verhindern, dass ihr Chauffeur sogleich erschossen wird. Im Zuge einer schnellen Reaktion gelingt es ihm jedoch, bleihaltigen Widerstand zu leisten – aber gegen eine aus der Entfernung abgefeuerte Kugel eines Snipers, welche seine Schulter durchschlägt und ihn von den Beinen reißt, besitzt er keinerlei Chance. Für tot zurückgelassen, muss er später, also nach seinem Erwachen in der Klinik, erfahren, dass Leo entführt worden ist…
Ein erster Kontakt der Kidnapper zu den Cains findet beinahe umgehend statt, welche wiederum mit der Empfehlung ihres Anwalts (Ricky Jay) konform gehen, die Behörden aus der Sache herauszuhalten – stattdessen heuern sie den ehemaligen Bundesagenten und jetzigen „Retrieval Specialist“ Knapp (Jeremy Sisto) an, welcher mit seiner Assistentin, der Computerspezialistin Turner (Carmen Ejogo), sogleich in ihrer Wohnung Stellung bezieht und ihnen rät, weder das FBI noch die Cops zu informieren, denn jenen Staatsdienern würde es in erster Linie nicht nur um die Befreiung des Entführten, vielmehr in gleichem Maße um das Fassen der Täter gehen, was selten eine optimale Kombination darstellt. Um diese Gegebenheit, sich verbreitende Gerüchte sowie einen allgemeinen Medienzirkus zu vermeiden, sollen Ellie und Conrad ihr Leben ganz normal weiterführen, so als sei nichts geschehen, was vor allem ersterer mit jeder Minute zunehmend schwerer fällt. Derweil informiert Virgil´s Frau ihren Bruder (Delroy Lindo als Latimer King) darüber, dass sie ihren Mann nicht erreichen kann und etwas passiert sein muss, da auch sein Arbeitgeber auf Anfrage schweigt bzw sich in zweifelhafte Ausreden flüchtet. Latimer, seines Zeichens FBI-Ermittler in Entführungsfällen und einen Tag vor seiner Pension stehend, geht der Sache natürlich umgehend nach, spürt seinen Schwager in einem städtischen Krankenhaus auf und lässt sich von ihm über das Geschehene informieren, worauf ihm keine andere Wahl bleibt, als seinen Ruhestand temporär zu verschieben und eine offizielle Untersuchung einzuleiten…
Umgehend bezieht das FBI nun ebenso Position im Umfeld der Caines und wird von den bisherigen Wissensträgern widerwillig (aber ohne Wahl) gebrieft. King, unterstützt von seinem langjährigen Kollegen Archer (Linus Roache) und dem aus Alaska frisch hinzuversetzen Rookie Atkins (Michael Mosley), kennt Knapp schon seit Jahren – sie waren früher gar mal Partner. Beide gehen den Fall unterschiedlich an: Der erfahrene Freiberufler nutzt Mittel und Wege, welche sich außerhalb des von Dienstvorschriften begrenzten Wirkungskreises der Bundesbehörde befinden, King indessen kann auf extrem umfangreiche Ressourcen zurückgreifen. In unfreiwilliger Zusammenarbeit ergänzen sie sich – trotz regelmäßiger Spannungen und unterschiedlichen Meinungen. Schrittweise kommen immer neue Facetten des Falles zum Vorschein, welche eindeutig zu Erkennen geben, dass viel mehr hinter der Angelegenheit steckt, als sie anfangs je hätten erahnen können: Die an dem Zugriff beteiligten Männer, also alle mit dem ersten Akt in Verbindung stehende Personen, werden von einem mysteriösen Killer (James Urbaniak) nacheinander ausgeschaltet, die Struktur der Operation besteht aus etlichen unabhängig arbeitenden Zellen (u.a. vertreten durch Doug Hutchison und Mädchen Amick), welche jeweils für die Durchführung einer speziellen Aufgabe zuständig sind – und spätestens als die Kidnapper wissentlich mehrere Millionen Dollar Lösegeld in die Luft sprengen, nur um ein loses Ende ihrer Operation sicher zu verschnüren, wird klar, dass nicht bloß ein finanzieller Aspekt ihr Motiv bildet…
Nachdem die Medien per Zufall von der Story erfahren und sich wie die Geier darauf stürzen, wird das Leben der Cains vollends zu einem anhaltenden Albtraum. Latimer und Knapp müssen sich hingegen immer stärker mit der Frage beschäftigen, wo in dieser wohlhabenden wie einflussreichen Familie der Auslöser der Tat zu finden ist – im persönlichen oder geschäftlichen Bereich? Es bestätigt sich erneut, dass Leute in solch hohen Positionen stets irgendwelche Leichen im Keller haben – wie etwa Conrad´s Verbindungen zu zwielichtigen Gestalten aus seiner Jugend (u.a. Terry Kinney). Oder geht es wohlmöglich gar um Ellie´s Vater (Robert Foxworth), einem der mächtigsten Persönlichkeiten des Landes? Wie auch immer: Die Zeit für Leo, welcher inzwischen außer Landes geschafft wurde und nun in Mexiko von zwei Bewachern (Robert John Burke & Otto Sanchez) gefangen gehalten wird, läuft unweigerlich ab. Zu einem weiteren nicht zu vernachlässigenden Faktor in diesem gefährlichen „Spiel“ entwickelt sich schließlich Virgil, welcher aus der Klinik „verschwindet“ und sich auf eigene Faust, natürlich mit einer Tasche voller Waffen im Gepäck, auf die Suche nach seinem ihm anvertrauten Schützling begibt…
„Kidnapped“ ist eine rundum gelungene Fernsehserie, die einen von Beginn an packt und bis zum finalen Cliffhanger hin mitreißt. Der Pilot benötigt nicht lange, um ein stattliches Tempo aufzunehmen: Nach einer kurzen Einführung vollzieht sich die clever konzipierte, brutal ausgeführte Verschleppung, ohne dass alle Details offenbart werden – dies geschieht später im Kontext einiger kurzer Erinnerungs-Rückblenden des Überlebenden an die ausschlaggebenden Augenblicke. Unmittelbar im Anschluss, der Benachrichtigung der Eltern folgend, wird Knapp hinzugezogen, dessen Fähigkeiten wir ebenfalls (in Form einer gelungenen Befreiungsaktion) veranschaulichend aufgezeigt erhalten. Getreu seiner Leitlinie „All I care about is Retrieval – everything else is Distraction“ arbeitet er am besten ohne Interferenzen von Außenstehenden, was das Eintreffen des FBI natürlich deutlich erschwert. Bei einer Entführung gelten die ersten Stunden als die entscheidenden, und dieses „jede Sekunde zählt“-Gefühl wird hier vorzüglich dargeboten. Die Ausgangslage ist schon von sich aus interessant, doch ergänzen nachkommend immer weitere Faktoren die komplexe Materie, wie etwa Leo´s Gesundheitszustand oder die Schatten der Vergangenheit vieler Protagonisten, welche theoretisch Gründe offenbaren, ihre Loyalität oder wahren Absichten in Zweifel zu stellen. In jeder Episode werden immer mehr Teilstücke preisgegeben, was potentiell aufkeimende Vorhersehbarkeit extrem minimiert. „24“ meets „Without a Trace“ – so ungefähr könnte man eine (zumindest grobe) Umschreibung formulieren. Ähnlichkeiten zu beiden Franchises gibt es viele (u.a. gute Schauspieler, genügend Suspense oder die technisch erstklassige Umsetzung), aber das vorliegende Konzept gestattet mehr zielgerichtete Substanz als Bruckheimer´s Hit-Show (allein schon von der Lauflänge her) sowie eine höhere Glaubwürdigkeit als Sutherland´s Realtime-Dauerbrenner. Letzteren Punkt möchte in an dieser Stelle mal etwas genauer ausführen: Selbst nach 6 Staffeln vermag „24“ noch zu fesseln, was jedoch viel mit der funktionierenden, wenn auch abgegriffenen Formel zutun hat, auf die sich jene Sendung stützt – eine findige Variation dieser hätte ich mir schon vor rund zwei Jahren gewünscht, nur blieb sie bislang leider aus. „Kidnapped“ hingegen greift auf eine solche zurück: 13 Folgen entsprechen genau 13 Tage. In allen Belangen mutet das, gerade in Anbetracht der Ereignisdichte, realistischer an, die Handlung verliert nie die Bodenhaftung – darüber hinaus ähneln sich allerdings viele Inhalte (ein „Held“, der nie einer sein wollte und gelegentlich außerhalb des Gesetztes agiert, verzweigte Strukturen der Strippenzieher des Verbrechens etc). Zwar ist die Intensität und Suchtgefahr insgesamt minimal geringer – nur ist das Gesamtbild irgendwie stimmiger, da man seinen Anspruch auf ein gewisses Maß an Authentizität nicht permanent ausblenden bzw gar aktiv verdängen muss. Den Machern ist das gut gelungen. Schade, dass diese hochwertige NBC-Veröffentlichung bei der breiten Masse der TV-Konsumenten keinen echten Anklang fand – sie hätte es definitiv verdient…
Eine unbestreitbare Stärke von „Kidnapped“, welche einem in jeder Episode förmlich ins Auge bzw Bewusstsein springt, ist die hervorragende, aus etlichen bekannten Namen und Gesichtern bestehende Besetzung. Die Hauptprotagonisten profitieren von einer reichhaltigen Charakterzeichnung, während die meisten Nebenfiguren seitens des Skripts ebenfalls solide Backgrounds sowie nachhaltige Momente im Rampenlicht zugesprochen erhalten haben. Oscar-Preisträger Timothy Hutton („Ordinary People“/„Stark: the Dark Half“) spielt Conrad Cain – ein (ehemaliger) Jugendlicher von der Straße, der sich in eine wohlhabende Familie eingeheiratet hat, allerdings nicht etwa des Geldes wegen, sondern aus ernsten Absichten heraus. In den ersten Episoden wirkt die Rolle noch nicht unbedingt vielschichtig und Hutton zudem leicht blass, was sich aber glücklicherweise rasch ändert, je mehr wir über seine Vergangenheit erfahren – der Mann kann nicht nur in der Geschäftswelt mit harten Bandagen kämpfen, und Timothy vermittelt das treffend. Nichtsdestotrotz schneidet Dana Delany („Tombstone“/„Exit to Eden“) als seine Frau Ellie im direkten Vergleich besser ab: Jede präsentierte Emotion (Hoffnung, Wut, Trauer etc) sitzt, in manchen Szenen spricht ihr Gesichtsausdruck Bände, so dass gar keine Worte mehr nötig sind, um eine bestimmte Aussage zu transportieren. Die Ehe der Cains ist von tiefen Rissen durchzogen – zum Beispiel suchen sie jeweils gelegentlich Trost oder Zuflucht bei anderen Personen. Geld bedeutet nicht zwangsläufig Wohlbefinden, doch als Familie stehen sie zueinander, gerade in Zeiten der Not – bloß kann eine solche Denkweise durchaus auch mal in Taten oder Entscheidungen resultieren, die weniger privilegierten bzw einflussreichen Mitmenschen vor den Kopf stoßen, was wiederum zu Neid, Missgunst sowie gar weitaus gravierenderen Reaktionen führen kann. Etliche Zuschauer werden in speziellen Situationen gewiss „selbst Schuld“ denken, nur sind die Hintergründe nachvollziehbar – man würde sich in deren Haut wohl kaum anders verhalten. Lydia Jordan („Marker“) ist als jüngere Tochter Alice zu sehen, Olivia Thirlby („United 93“) als ihre Schwester im Teen-Alter, welche sich von ihrem Umfeld eingeengt fühlt und daher ein individuelles rebellisches Benehmen an den Tag legt – die zwei jungen Damen rufen keinerlei Grund zur Klage hervor, was mit daran liegt, dass ihre Einbindung in die Ereignisse nie an den Haaren herbeigezogen oder unnötig ausgedehnt geschah („24“-artige Ärgernisse bleiben einem dementsprechend erspart). Geschwächt von den Nachwirkungen einer Herztransplantation im Kindesalter, ist Leopold ein Entführter, der sich selbst zu helfen weiß, nie in eine Opferrolle verfällt, sich auf seine Intelligenz verlässt sowie diese geschickt im Katz und Maus Spiel mit seinen Bewachern einzusetzen weiß – Will Denton („Kinsey“) entpuppte sich für mich als die wohl größte Überraschung, denn seine erbrachte Leistung trifft den Nagel souverän auf den Kopf. Im Prinzip sind die Cains annähernd stereotyp ausgefallen, nur lässt das ganze Drumherum kaum zu, dass einem diese Tatsache vordergründig ins Bewusstsein rückt, u.a. weil die Gewichtung der Aufmerksamkeit angenehm gleichmäßig verteilt wurde.
Ein Großteil der Energie der Serie generiert sich aus der „Wechselwirkung“ zwischen Knapp und King: Einst Partner beim FBI, rettete ersterer seinem Kameraden gar mal das Leben, bevor bei jenem die psychologische Belastung des Jobs immer stärker zunahm, bis Latimer für seine Entlassung aus dem aktiven Dienst sorgte – um ihm zu helfen, wie er (ehrlich gemeint) sagt, nur entgegnet Knapp an einer Stelle, dass gerade seine Aufgabe dort ihn beisammen gehalten hat. In seiner Kindheit war er Mitglied eines Kults, welchem seine Mutter angehörte und dem er irgendwann entkam – jene düsteren Erfahrungen, von denen er im Rahmen einer eindringlich vorgetragenen Erzählung berichtet, verfolgen ihn noch heute, ebenso wie die Gedanken an ein junges Mädchen, welches er, ungeachtet seiner ausgeprägten Suche, leider nicht zu finden vermochte und deren Bruder, seines Zeichens der mutmaßliche Täter, ihn bis heute vom Gefängnis aus diesbezüglich verhöhnt. Nun müssen sie parallel an einem Fall arbeiten – verschiedene Ansätze und Methoden nutzend sowie unterschiedlichen Prioritäten folgend. Konflikte sind vorprogrammiert, bloß erspart uns „Kidnapped“ dauerhafte Kompetenzgerangel und Streitereien zugunsten einer pragmatischen Sicht- und Herangehensweise der Beteiligten – allerdings ist eine gefühlte Spannung zwischen ihnen unter der Oberfläche dennoch permanent spürbar: Einer agiert innerhalb des Regelwerks, der andere umgeht dieses bewusst, um effektiver vorgehen zu können. Ihre Motive und Entscheidungen sind schlüssig, in gewisser Weise ergänzen sie sich perfekt. Auf Respekt basierend, bleibt ihnen der Wert des „unfreiwilligen Partners“ natürlich nicht verborgen, worauf man (soweit möglich) kooperiert, um zusammen das gemeinsame Ziel zu erreichen. Weder schwarz noch weiß gezeichnet, bilden besonders die vorhandenen Grauzonen der Figuren einen nicht von der Hand zu weisenden Reiz. Knapp ist eine facettenreiche, kantige Persönlichkeit – und Jeremy Sisto (TV´s „Six Feet Under“/„the Thirst“/„Hideaway“), ein sehr talentierter sowie meiner Meinung nach noch immer nicht genügend gewürdigter Schauspieler, verkörpert ihn tadellos. Einmal mehr überzeugt der charismatische Kalifornier in einer für ihn auf den ersten Blick eher ungewöhnlichen Rolle – dieses Mal als „Tough Guy“. Er verleiht ihr die von ihm gewohnte intensive Ausstrahlung und lässt uns nie daran zweifeln, dass dieser etwas ungepflegt erscheinende Mann tatsächlich ein Experte auf seinem Gebiet ist, der die meisten Tricks im Buch kennt, aber auch Schwächen vorweist, welche eine potentiell unnahbare Aura dienlich verhindern. Über die Jahre ist TV-Kollege Jack Bauer zu einer Art Stehaufmännchen oder Pseudo-Superheld verkommen – Knapp ist da wohltuend anders, und das ist verdammt gut so. Er definiert sich vornehmlich über seine Taten und Verhaltensweisen, diverse Gespräche offenbaren zudem viele weitere Infos zu seiner Person. Delroy Lindo („Get Shorty“/„the Core“/„Domino“) spielt einen Ermittler, dessen Karriere eigentlich abgeschlossen werden soll, damit er sich stärker der Familie widmen kann. Den Beruf übt(e) er aus Überzeugung aus – seine Frau bringt das große Geld mit nach Hause. King ist erfahren, althergebracht ausgerichtet und zielstrebig, Lindo besitzt eine beachtliche Portion Charme, Ausdruckskraft und Präsenz. Die Szenen mit ihm und Sisto markieren stets kleine Highlights – es macht schlichtweg Laune, zuzusehen, wie jeder versucht, das nächste Puzzlestück schneller zu entdecken als der andere. Beide Akteure harmonieren einträglich und zeigen sich in herausragender Form.
Die Casting-Leute haben wahrlich ganze Arbeit geleistet, denn selbst für die meisten der Nebenrollen konnten gestandene Akteure verpflichtet werden, die sich ertragreich ins Geschehen einbringen. Der eher unbekannte Michael Mosley („Goodbye Baby“) spielt Agent Atkins, den Neuzugang der New Yorker Einheit, Linus Roache („the Forgotten“/„Batman Begins“) King´s Nachfolger, Agent Archer, welcher aufgrund seiner Position eher nach Vorschrift vorgeht, dennoch in entscheidenden Situationen zum Wohle der Sache auch mal von jenem Pfad abweicht. Giancarlo Esposito (TV´s „Homicide“) tritt als knallharter, unsympathischer „Internal Affairs”-Mann in Erscheinung, Knapp wird von der mit einem unheimlich anziehenden britischen Akzent sprechenden Computerspezialistin Turner unterstützt, dargestellt von der in London geborenen Carmen Ejogo („Metro“/„I want you“), die mit Sisto eine offensichtliche Chemie teilt und ihrerseits manch eine Szene stiehlt. Letzteres gilt ebenso für Mykelti Williamson („Ali“/„Species 2“), der als Bodyguard Virgil auf Denzel´s „Man on Fire“-Spuren wandelt und eine schlagkräftige Entschlossenheit an den Tag legt, um sein „Versagen“ doch noch zu korrigieren – er unterdrückt die Schmerzen seiner Wunden, bis das angestrebte Ziel erreicht ist. Kommen wir nun zu der breiten Palette an „Baddies“, welche ich bewusst mal nicht irgendwie weiter gewichte, um so die Spoiler-Gefahr zu minimieren: Die von mir stets gern gesehene Mädchen Amick („Twin Peaks“/„Sleepwalkers“) präsentiert sich als fokussiertes Biest, die prima agierenden Robert John Burke („Robocop 3“/„Dust Devil“) und Otto Sanchez (TV´s „Oz“/„Bad Boys 2“) fungieren als „Babysitter“ des Entführten. In einer Folge darf der sadistisch-schweigsame Tom Noonan („Manhunter“/„Heat“) äußerst ungemütliche Verhörmethoden an einem der Ermittler anwenden, bei Doug Hutchinson („the Green Mile“/„No good Deed“) laufen einige der frühen Fäden zusammen, Desmond Harrington („Ghost Ship“/„Wrong Turn“) und Anthony Rapp („A Beautiful Mind“/„Rent“) sind ebenfalls mit von der Partie. Terry Kinney („Body Snatchers“/„Oxygen“) hat mit Conrad noch einige alte Rechnungen zu begleichen, und besonders gut wusste mir James Urbaniak („Fay Grim“/„American Splendor“) als eiskalter Killer zu gefallen, der für seine Auftraggeber deren Probleme ein für alle Mal aus der Welt schafft. Darüber hinaus besitzen (u.a.) noch David Patrick Kelly („K-Pax“), Ricky Jay („Boogie Nights“) und Robert Foxworth (TV´s „Falcon Crest“) einige Minuten Screen-Time und vervollständigen somit ein rundum glänzendes Ensemble.
Den Autoren, unter ihnen David J.Burke („Edison“) und Jason Smilovic (TV´s „Karen Sisco“/„Lucky Number Slevin“), ist es gelungen, eine ausgewogene Balance zwischen den Drama- und Thriller-Elementen zu bewahren. Ihre gehaltvoll gezeichneten Charaktere bilden das Fundament, auf dem sich alles aufbaut, denn je weiter die Story voranschreitet, desto mehr erfährt man über sie, wodurch man die Beteiligten und ihre Motive immer besser zu verstehen beginnt: Sie weisen, jeder für sich, Schwächen auf, sind keineswegs perfekt, erwecken einen menschlichen Eindruck – was die Drahtzieher und Handlanger der „Gegenseite“ nicht im Geringsten ausnimmt, welche aus verschiedenen Gründen mitwirken und oft auch einen Ehepartner daheim aufweisen, der jeweils zumeist keine Ahnung von den ganzen (illegalen) Verstrickungen hat. Familien und Partnerschaften durchziehen alle Ebenen dieser Serie, welche dank ihres Formats die Tiefe ihrer Figuren weitaus ersprießlicher ausloten kann als ein Spielfilm oder eine einzelne Episode – genau genommen geht es mehr um sie als um die Tat an sich. Wir lernen ihre Denkweisen kennen, erfahren von Ereignissen der Vergangenheit, die sich als prägend herausstellen, und erhalten in bestimmten Momenten gar Zugang zu ihren Innenleben, nämlich in Form von sporadisch auftretenden, mit Leo geführten inneren Dialogen. Solche Augenblicke wurden genau getimed, fügen sich unaufdringlich in den Fluss ein. Irgendwo in dem persönlichen und/oder geschäftlichen Geflecht der Cains liegt der Schlüssel – nur wo? Meine Antwort auf die Frage, ob sich das Publikum mit solch reichen, gebildeten „Opfern“ identifizieren kann, die relativ zügig mehrere Millionen Dollar Lösegeld beschaffen können, Bodyguards und Spezialisten anheuern sowie das Interesse eines FBI-Großaufgebots erhalten, lautet: Ich denke schon. Wir haben es schließlich mit einer Unterhaltungssendung zutun, welche nicht die „kleine Entführung von Nebenan“ thematisiert, sondern eine solche, die sich stetig hin zu einem Medienereignis entwickelt und insofern auch die Schattenseiten jenes Lebensstandards aufzeigt.
Dem Zugeständnis des Senders gegenüber den Verantwortlichen, das Projekt (trotz der definitiven Absetzung) würdig ausklingen lassen zu dürfen, ist es zu verdanken, dass man „Kidnapped“ im Grunde als eine Art abgeschlossene Mini-Serie betrachten kann. Man merkt förmlich, an welcher Stelle des Verlaufs dieser neue Kurs angegangen wurde, denn plötzlich wird die Storypräsentation spürbar straffer, was hingegen auf Kosten vereinzelter Nebenhandlungsstränge geschieht, die man innerhalb des ursprünglichen Konzepts untrüglich später erneut aufgegriffen hätte. Vorliegend finden ein paar von ihnen, wie etwa die Reichweite der Freundschaft zwischen Ellie und einem einflussreichen Politiker, so aber keine nachdrücklichere Berücksichtigung mehr und könnten deshalb von manchen Konsumenten als Plotlöcher angesehen werden. Das Finale weist dementsprechend auch einige lose Fäden auf – dennoch ist es den Schreiberlingen erstaunlich gut gelungen, ihre ursprünglich angedachte Abwicklung dermaßen zu komprimieren, dass sie trotzdem überaus rund und ausgewogen wirkt sowie das Sehvergnügen in nahezu keinerlei Form mindert. Das Lüften des Geheimnisses, wer genau als Mastermind hinter dem Komplott steckt, geschieht am Anfang der letzten Folge ohne große Ankündigung (im Sinne von zuvor eingestreuten Hinweisen) und mündet schließlich in einem langen, erläuternden Monolog, der leicht abgegriffen anmutet, allerdings notwendig war bzw ist, um die Mehrheit der erforderlichen Infos doch noch darzubringen. Alles in allem erweckt nur eine der Episoden (Nr.10) im Ansatz die Impression eines klassischen „Zeitfüllers“, bloß ist diese schön spannend ausgefallen, weshalb jener Eindruck kaum ins Gewicht fällt. Dem mehrschichtigen inhaltlichen Aufbau glückt es weitestgehend, die Grundwahrheit erfolgreich zu kaschieren, dass die Basisidee beileibe nicht neu ist und zudem an eine TV-Version von Ron Howard´s „Ransom“ erinnert, an dem Lindo ja ebenfalls beteiligt war. Wirklich originell ist hier kaum etwas, nicht nur rein auf dieses Genre beschränkte Klischees finden sich in regelmäßigen Abständen (zum Beispiel eine misslungene Geldübergabe, die Flucht eines Inhaftierten bei der Überführung oder eine passend angelegte kugelsichere Weste etc) – gleichwohl stimmt das Gesamtpaket, und diese Gegebenheit bildet nunmal unstreitig das, was letzten Endes unterm Strich zählt!
„Kidnapped“ wurde in und um New York gedreht, vorwiegend in den „Silvercup Studios” (Long Island City), was man dem fertigen Werk (in positiver Hinsicht) spürbar anmerkt, denn die quer über die Stadtfläche verteilten Locations verankern die Ereignisse klar in der gegenwärtigen amerikanischen Realität und verleihen ihnen simultan auch die zur Millionenmetropole passende Atmosphäre. Mexiko darf zum Staffelfinale hin mal wieder als Verbildlichung einer gesetzlosen Umgebung herhalten, doch die genutzten Kulissen (etwa ein stillgelegter Zellentrakt) sind stimmig ausgefallen, weshalb man nicht zu hart damit ins Gericht gehen sollte. Die zeitgemäße Inszenierung, u.a. der Regisseure Michael Dinner („the Crew“), Jean de Segonzac („Mimic 2“) und Michael Pressman („to Gillian on her 37th Birthday“), ist hochwertig, bedient sich nur gelegentlich einigen optischen, übrigens erneut an „Man on Fire“ erinnernden Farbfilter-Einsätzen, und verliert insgesamt nie ihr Ziel aus den Augen: Das Erzählen einer intelligenten, komplexen und temporeichen Geschichte, welche dunkle Themen und Hintergründe beleuchtet, auf clevere Weise falsche Fährten streut, mit zahlreichen Twists aufwartet und bewusst mal nicht starr von einem Cliffhanger zum nächsten jagt – und das möglichst ohne ständig irgendwelchen ablenkenden inszenatorischen Schnickschnack einzusetzen. An einer Stelle wird Knapp, von einem Widersacher unter Drogen gesetzt, direkt mit seinem Unterbewusstsein bzw seinen inneren Dämonen konfrontiert, nämlich in Gestalt eines jungen Mädchens, das er einst nicht retten konnte – eine creepy und cool zugleich daherkommende Szene, die sich keineswegs irgendwie auffällig vom Rest abhebt, ungeachtet ihrer Art. Rückblenden werden nie überreizt, dumme Entscheidungen der Protagonisten halten sich in angenehmen Grenzen. Die Plot-Lines sind, inklusive der dazugehörigen Dialoge, gut ausgearbeitet worden und wirken in sich auswogen – Action, Spannung und personenbezogene Momente, hervorragend dargeboten von der überzeugenden Besetzung, verbinden sich zu einer ansprechenden Kombination. Hätte man das Projekt von Anfang an in Form des vom Sender nachträglich verordneten Umfangs konzipiert, wäre die Serie wahrscheinlich unschlagbar gewesen – so aber bleiben nun am Schluss einige (wenige) Ansätze unaufgegriffen bzw unvollendet, was schlichtweg schade ist. Die Tür steht noch immer offen – bloß wollte das Publikum 2006 ja leider nicht mitziehen, weshalb die Sache für NBC aller Wahrscheinlichkeit nach vom Tisch ist. Ich persönlich hätte gerne einen nächsten Fall des Gespanns Knapp/King gesehen, vielleicht wären sich ersterer und seine charmante Assistentin gar näher gekommen – wir werden es wohl nie erfahren…
Fazit: Zu meinem großen Vergnügen hat sich „Kidnapped“, trotz der Umstände sowie allen damit verbundenen Auswirkungen und Einschränkungen, als eine der besten Serien der letzten Jahre herausgestellt – unbedingt ansehen, sofern man mal die Gelegenheit dazu erhält … „8 von 10“