„Das Ass im Ärmel“, oder Poker wird cool
Beim Pokern geht es wie bei kaum einem anderen Spiel um Coolness. Bluffen, den Gegner taxieren, in brenzligen Situationen einen kühlen Kopf bewahren und nicht die Nerven verlieren, das ist kein Sport für Weicheier. Hier wird nicht nur mit Karten gespielt, hier wird sich auch gegenseitig etwas vorgespielt und nur wer es im Tricksen, Täuschen und Riskieren zum Virtuosen bringt, darf sich zu den wahren Assen zählen.
Im Kino wurde diese Spannungssteilvorlage häufig aufgegriffen, aber nur selten zum Faszinosum. Immerhin zwei Mal hat es geklappt, dass ein Massenpublikum nägelkauend bei einer Pokerpartie mitfieberte. Gut, hier sitzen am Tisch auch zwei Coolness-Ikonen, die allein mit ihrem stahlblauen Blick jeden Gegner in bedrohliche Nervositätskrisen treiben können: James Bond in „Casino Royale“ (2006) und Steve McQueen in „The Cincinnati Kid“ (1965). Während ersterer allein dank seiner Reputation als Popkultur-Titan das Eis zum Schmelzen bringt, ist letzterer quasi per Persona legitimiert zu höchsten Lässigkeit-Weihen.
McQueens Nickname „King of Cool“ entstand bereits zu Lebzeiten und war Segen und Fluch zugleich. Heute würde man vom Type-Casting sprechen, wobei man im konkreten Fall erwähnen sollte, dass McQueen sich selbst bestens mit diesem vermeintlichen Manko arrangierte. Trotz seiner häufig belächelten mimischen Fähigkeiten zeichnet er für eine beeindruckende Zahl an Klassikern und Kultfilmen (mit) verantwortlich („Die glorreichen Sieben“, „Gesprengte Ketten“, „Thomas Crown ist nicht zu fassen“, „Bullit“, „Gateway“). Das waren alles keine großen dramatischen Rollen, aber Typen die sich ins kollektive Gedächtnis brannten. Ein solcher Typ ist auch das aufstrebende Pokerass Eric Stoner. Denkt man an Pokerprofis im Kino, führt kein Weg an ihm vorbei.
Stoner ist eine Romanfigur Richard Jesus, der mit eben diesem „Cincinnati Kid“ seinen größten Erfolg feierte. Er lies sich dabei von Walter Tevis Poolbillard-Roman „The Hustler“ (1959) inspirieren (ironischerweise wurden beide Protagonisten erst durch ihre Filmversionen (Paul Newman und Steve McQueen) zu Kultfiguren der jeweiligen Szenen). Die Parallelen sind in der Tat recht offensichtlich. Sowohl Eddie Felson wie auch Eric Stoner sind hochveranlagte und ambitionierte Jungstars, die die jeweiligen etablierten Veteranen ihrer Profession herausfordern und dabei durch eine Mischung aus Selbstüberschätzung und mangelnder Erfahrung scheitern. Beide sehen noch kurz vor Schluss wie die sicheren Sieger aus, was ihre Fallhöhe umso größer macht.
Newman wurde immer als der bessere Darsteller wahrgenommen, was auch die Rezeption der beiden so ähnlichen Filmversionen beeinflusste. „Cincinnati Kid“ aber lediglich auf einen fesselnden Pokerthriller mit einem besonders coolen Hauptdarsteller zu reduzieren, wir beiden nicht gerecht. Norman Jewison gelang hier auch ein faszinierendes Drama über die Natur notorischer Spieler sowie ein vielschichtiges Porträt der Pokerszene. McQueens Figur steht klar im Zentrum, mit ihr identifiziert sich der Zuschauer am meisten. Man versteht seine Passion, freut sich über seine Erfolge und leidet mit ihm, wenn er sich im großen Finale dem bewunderten Vorbild Lanncey Howard beugen muss. McQueen ist gerade durch sein reduziertes, mehr reaktives Spiel perfekt für die Rolle. Für Stoner ist alles ein Spiel, bei dem es in erster Linie auf die Außenwirkung ankommt. Sich nicht in die Karten schauen zu lassen ist oberste Prämisse, auch im Privatleben. Für persönliche Beziehungen taugt eine solche Haltung kaum, was die treue aber naive Christian (Tuesday Weld) leidvoll erfahren muss. Aber auch die sexuell deutlich aggressivere Frau (Ann-Margret) seines besten Freundes stößt trotz einer gemeinsamen Nacht bei Stoner an ihre Grenzen. Er bleibt ein Einzelgänger, der sich in erste Linie voll und ganz dem Spiel verschrieben hat.
Praktisch alle Nebenfiguren zeigen mehr Emotionen als Stoner. Sein Freund Shooter weiß um die Promiskuität seiner jüngeren Ehefrau, die ihn verachtet. Zugleich gerät er in die Fänge des Kriminellen Slade, der ihn erpresst und dazu zwingt das Pokerduell zugunsten Stoners zu beeinflussen. Karl Malden spielt diese ambivalente Figur sehr subtil und lässt die innere Verzweiflung hinter der würdevollen Fassade immer wieder aufblitzen. Die häufig auf ihre äußeren Reize reduzierte Ann-Margret zeigt ebenfalls eine reife Vorstellung als Shooters Gattin Melba. Großartig ihr erster Auftritt, als sie ein Puzzlestück zurechtfeilt, damit es passt. Sie ist es gewohnt sich jede Situation zurecht zu biegen und alle um den Finger zu wickeln, ist aber im tiefsten Innern unglücklich und leer, was ihr bewusst ist. Schließlich ist da noch Pokerlegende Lance Howard. Es ist sicher nicht leicht, neben einem Charismatiker wie Steve McQueen nicht zu verblassen, aber Edward G. Robinson meistert diese Herausforderung bravourös. Seine Reputation als Gangster vom Dienst in zahlreichen Noir-Klassikern der 30er und 40er Jahre hat dabei sicher nicht geschadet, aber Robinson war darüber hinaus auf seine Art ein ähnlicher Meister der kleine Gesten und vielsagenden Blicke wie sein Gegenüber am Pokertisch. Howard weiß sehr genau, dass Kid die Zukunft gehört und er bald Geschichte sein wird, aber in einer Mischung aus Stolz, Ehrgeiz und Fürsorge, erteilt er dem aufstrebenden Rivalen noch einmal eine Lektion, die ihn, sofern er gewillt ist daraus zu lernen, zum ebenbürtigen Nachfolger macht.
Dass „The Cincinnati Kid“ seinen Klassikerstatus nach wie vor hält, liegt aber nicht nur an der Charakterstudie eines passionierten Spielers und den interessanten Nebenfiguren. So sind beispielsweise die Pokerszenen bis heute Gegenstand diverser Diskussionen unter Experten und Fans des Spiels. Jewison liess sich seinerzeit von professionellen Pokerspielen beraten und sorgte so für ein enormes Maß an Authentizität. Im finalen Spiel kommen zudem verschiedene Strategien zum Tragen, die das Spannungspotential des Pokerspiels voll ausschöpfen. Lalo Schifrins jazziger Soundtrack schafft dazu die passende akustische Atmosphäre, zumal der Film im New Orleans der Depressionszeit angesiedelt ist. Schließlich passen die unaufgeregten Klänge zur Coolness von Spiel und Spieler. Steve McQueen soll Jewisons erste Wahl für Eric Stoner gewesen sein. Gut gespielt Norman, kann man da nur sagen. Auch wenn sein Blatt auf vielen Ebenen sehr gut war, das entscheidende Ass hatte er erst mit McQueens Verpflichtung im Ärmel.