Daß die Zeit auch den Film langsam aber sicher überholt, ist bekannt. Selbst Klassiker müssen unter diesen Entwicklungen leiden, ein berühmtes Beispiel ist sicherlich Norman Jewisons „In der Hitze der Nacht“, der zur Überraschung vieler den Oscar als bester Film 1967 gewann – und für Schnitt, Ton, Drehbuch und Hauptdarsteller (Rod Steiger) gleich mit.
In die Zeit der Aufbruchstimmung und der Rassenunruhen passte diese Kriminalgeschichte damals wie der Topf auf den Deckel und ausnahmsweise bewies auch die Academy, dass brisante Themen nicht zwangsläufig ignoriert werden mussten, auch wenn die vermutlich besseren Filme des Jahres, die den Startschuß für das „New Hollywood“ gaben, „Die Reifeprüfung“ und „Bonnie und Clyde“ damit das Nachsehen hatten.
Trotzdem war es ungewöhnlich, dass ausgerechnet ein Krimi diese Auszeichnung gewann, der jedoch lediglich durch die ungewöhnliche Kombination ihrer Protagonisten an besonderer Bedeutung gewann.
Schauplatz ist eine Kleinstadt in den US-Südstaaten, wo die alten, konservativen Werte noch immer sorgfältig gehütet werden und der Unterschied zwischen schwarz und weiß maximal durch das Gesetz aufgehoben scheint, Rassismus regiert, die beiden Lager beäugen sich teils misstrauisch, teils ängstlich und bleiben größtenteils für sich.
Bis eines Nachts ein reicher, weißer Grundstücksbesitzer tot aufgefunden wird, woraufhin am nächsten Morgen der übergewichtige und fachlich nicht sonderlich begabte Polizeichef Gillespie einen fremden Farbigen am Bahnhof verhaften lässt, weil der als Täter selbstverständlich nur in Frage kommt. Nur leider ist der Fremde selbst Polizist: Virgil Tibbs (Sidney Poitier) ist Detective in der Großstadt und wird bald abgestellt, um den Polizeichef zu unterstützen, was natürlich durch Resentiments und in die Wiege gelegten Rassismus, ganz zu schweigen von Vorurteilen behindert wird.
Jewisons Film ist weniger ein Kriminalfilm, er ist mehr eine Studie über die schwierige Annäherung zweier Volksgruppen, die sich hauptsächlich durch die Hautfarbe unterscheiden. Gillespie sieht sich gezwungen, immer wieder auf den kompetenten Detective zurückzugreifen, obwohl er, so oft sich ein Hinweis auf die Lösung des Falls anbietet, diesen auch sofort wieder los sein will. Neidisch auf die besseren fachlichen Fähigkeiten und die vermutlich auch höhere Intelligenz des Gegenübers geraten die beiden Männer immer wieder aneinander. Dabei lässt Gillespie Tibbs nicht selten seine Untersuchungen anstellen und registriert die Fortschritte und hervorgerufenen Reaktionen mit einer Mischung aus Genugtuung, Interesse, Neugier und Verschlagenheit. Ganz verdrängen kann er die Qualitäten des Widersachers jedoch nicht, am Ende wird er fast so etwas wie Respekt ausdrücken. Bis dahin hat Tibbs jedoch mehrfach in ernste Gefahr gebracht, aus der er diesen, wie als Lehre, erst im letzten Moment wieder rettet.
Leider wirkt dieses Zusammenspiel ebenso grandios wie veraltet. Die Figurenkonstellation ist nämlich rückwirkend betrachtet ein ideeller Witz. Der schwarze Polizist ist seinem weißen Kollegen so meilenhoch überlegen, dass es praktisch schon lächerlich erscheint. Gillespie ist fett, faul, nachlässig und ein Wendehals, der seine „Leute“ zu kennen glaubt, um dann ein ums andere Mal von Tibbs düpiert zu werden, weil dieser hauptsächlich seine Ermittlungen im Kopf hat.
Dagegen spielt Poitier seine Rolle geradezu übermenschlich souverän aus, als wäre er guten Gewissens, hier alle Vorteile zu besitzen und es allen zu zeigen. Er wirkt keinen Deut arrogant, doch angesichts der Behandlung und Aufnahme im Ort, die ihm widerfährt, in der Konfrontation mit der rassistisch motivierten Bevölkerung, ist er stets zu zivilisiert. Zwar wird sein Ton schärfer und lauter, aber im letzten Moment immer beherrscht, ob man ihn nun verprügeln will, mit dem Auto verfolgt, anschreit, beschimpft, als Nigger tituliert oder einsperrt.
Die Kleinstadt „Sparta“ erscheint dann auch folgerichtig als ein Hort der dummen, feigen Weißen, die ihre unterbewußte Angst vor den Schwarzen in Ablehnung und Aggression umschlagen lassen.
Dabei kommt der eigentliche Fall zu kurz, der schlussendlich mit einer Geldbeschaffung für eine illegale Abtreibung zu tun hatte. Der Täter ist, erwartungsgemäß, weiß und taucht im Film vorher nur ein einziges Mal in einer Sequenz auf, aber letztendlich dient der Mord eh nur als McGuffin, um den Hauptfiguren ein Spielfeld zu bieten.
So altbacken würde man sich dem Thema heute nicht mehr nähern können, fehlt es dem Film doch an wahren menschlichen Parallelen, um realistisch zu wirken, die Figuren sind role models, Antipoden noch dazu. Der Konflikt der Polizisten ist aufgesetzt, der schwärende Rassenhass fast schon verharmlost, obwohl er in der intensivsten Szene wunderbar unterstrichen wird, als Tibbs einem reichen Bürger der Stadt einige Fragen stellen darf (und auch formvollendet einen Drink angeboten bekommt), dann aber, als er den Betreffenden verdächtigt, empört eine Ohrfeige erhält, wie ein Schuljunge oder ein Haustier. Im Affekt langt Tibbs (recht soft) zurück, worauf der Großbürger fassungslos über diesen Affront in Tränen ausbricht.
Die Schauspielerleistung sind aber vom Feinsten und die bedrohliche Schwüle, die über dem Film hängt, gibt dem Filmtitel Ausdruck, selten wurde der heiße Süden so gut in Szene gesetzt.
Und Sidney Poitiers schneidende Antwort auf die herablassende Frage, wie der schwarze Junge denn genannt würde, dieses unnachahmliche „They call me Mr.Tibbs!“ ging selbstverständlich in die Filmgeschichte ein.
So ist „In the Heat of the Night“ zwar zeigemäßes, aber leider nicht zeitloses Kino, kann aber als reines Moralstück auch heute noch überzeugen, sofern der schlichte Ton nicht unangenehm auffällt. (7,5/10)