Der Holocaust - ein ebenso trauriges wie erschütterndes Kapitel deutscher Geschichte. Verfilmten Steven Spielberg mit „Schindlers Liste" und Roman Polanski mit „Der Pianist" jedoch historisch verbirgte Tatsachen, so zeichnen Joseph Vilsmaier und Dana Vávrová („Der Bär ist los", 2000) in „Der letzte Zug" die fiktive Geschichte einer Juden-Deportation im Dritten Reich nach - leider ohne die emotionale Intensität und Klasse der beiden genannten Filme zu erreichen.
Es geht um die letzte Deportation von Berliner Juden nach Auschwitz 1943: 688 von ihnen werden in ein paar enge Güterwaggons gepfercht und treten mit einem Eimer Wasser pro Tag als Verpflegung für ca. 100 Menschen die entbehrungsreiche Reise nach Auschwitz an. Doch als ihnen klar wird, wohin die Reise gehen soll, machen sie sich daran, mit einer Axt und einer Metallsäge, welche einer von ihnen im Gepäck dabei hat, die Flucht zu proben. Doch angesichts starker Bewachung scheint dies unmöglich...
Joseph Vilsmaier ist nicht gerade bekannt dafür, dass er ein begnadeter Historienfilmer ist. Sowohl „Marlene" als auch „Stalingrad" erzählen - zumindest phasenweise - von der Zeit des zweiten Weltkriegs und vermochten inhaltlich (zu substanzlos und statisch) nicht zu überzeugen. Mit „Der letzte Zug" setzt er diesen Trend leider fort. Nach 10 einführenden Minuten beginnt das weitestgehend kammerspielartig gehaltene Martyrium der deportierten Juden. Dabei dienen zwar einige Figuren als Fixpunkte in der Handlung, erlangen aber durch unmotivierte, sekundenkurze Rückblenden allein keine charakterliche Tiefe und bleiben blass. So auch Sibel Kekilli („Gegen die Wand") und Gedeon Burkhard („Komissar Rex"), welche in ihren Rollen kaum schauspielern dürfen. Als Psychodrama zu oberflächlich, als Thriller zu unspannend und als realistische Rekonstruktion der Deportation als Teilaspekt des systematischen Genozids der Juden ebenso wie die zum Teil hölzernen Dialoge zu banal und platt. Nahezu reißerisch zeichnet der Film die Nazis allzu stereotyp als brüllende Schergen und die Charaktere im Zug, die angesichts der psychischen Extremsituation zunehmend - und wiederholt - ausrasten sowie übereinander herfallen, machen die ganze Sache nur noch zunehmend zäh, anstrengend und phasenweise sogar durch monoton langweilig. Dabei wird das Mitleid, was man gegenüber diesen bedauernswerten Menschen im Viehwaggon empfindet, leider hauptsächlich durch Pathos und Melodramatik generiert, was zwar emotional vordergründig aufrüttelt, aber hintergründig doch irgendwie - trotz aller grimmiger, herzzerreißender Bitterkeit - kalt lässt. Trotz einiger bewegender Szenen (Eine Frau will ihr Kind ersticken; der Entertainer singt in Auschwitz für Nazis und wird dennoch von ihnen erschossen) bleibt die emotionale Tiefe vergleichbarer Filme wie etwa „Der Pianist" unerreicht. Das Ergebnis ist ein prätentiöser, inhaltlich zu beliebiger Film, der unentschlossen zwischen Dokumentation, Psychodrama und Thriller schwankt. Die lobenswerte Intention, das Grauen der Juden-Deportation im Nazi-Deutschland realistisch nachzeichnen zu wollen, scheitert aber genau an diesem Anspruch - vor allem aufgrund zahlreicher dramaturgischer Untiefen.
Fazit: „Der letzte Zug" ist als deutscher Beitrag zum Thema Holocaust und Deportation der Juden im antisemitischen Dritten Reich leider nicht mehr als bemühtes filmisches Mittelmaß geworden. Der fiktiven Story lastet eine gewisse Oberflächlichkeit an, was die lobenswerte Absicht des Films, das grausame Schicksal der Deportierten zu beleuchten, leider konterkariert. Schade. Ein solch wichtiges, bisher wenig aufgegriffenes Thema hätte eine bessere filmische Aufarbeitung verdient.