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Clint Eastwood, dieser Name garantiert großes Kino - ganz egal ob vor oder hinter der Kamera agierend. "Flags of our Fathers" gehört als reine Regiearbeit zweifellos zu Eastwoods ambitioniertesten Kinoprojekten, erzählt er doch mit dem zeitlgleich entstandenen "Letters from Iwo Jima" die Geschichte um die Erstürmung der von den Japanern zur Festung ausgebauten Pazifikinsel Iwojima durch die US-Marines im Jahre 1945 noch einmal aus einer anderen Perspektive. Eine echte Innovation am letztlich doch recht berechenbaren Kinohimmel!

Nach guten zwei Filmstunden wird schon mit "Flags of our Fathers" eines gewiss: Wir haben es mit einem höchst sehenswerten, durchaus tiefgründigen Kriegsdrama zu tun. Ein Kriegsdrama allerdings, dass unterm Strich eine Ecke gewöhungsbedürftiger daherkommt als beispielsweise Spielbergs Hit "Der Soldat James Ryan" oder Michael Bays Actiongewitter "Pearl Harbor".
Dass Rechteinhaber Steven Spielberg bei Eastwoods Großprojekt die Produzentenrolle bekleidet, merkt man durchaus. Die rückblickende Erzählweise erinnert schon recht deutlich an den Soldaten Ryan. Die ansonsten sehr platte Erzählweise des Spielberg-Werkes bleibt einem jedoch im folgenden glücklicherweise erspart. "Flags of our Fathers" entpuppt sich als nüchtern und distanziert erzähltes Antikriegs-Drama, bei dem nicht die Schlacht die Hauptrolle spielt sondern vielmehr das Leben jener Soldaten, die für eines der berühmtesten Fotos der Geschichte verantwortlich werden sollten: Das Hissen der Stars and Stripes Iwo Jimas höchstem Punkt, dem Suribachi-Vulkan.

Konsequent verlagert Clint Eastwood auch einen großen Teil der Spielzeit in die Vereinigten Staaten, wo drei der am legendären Foto beteiligten Soldaten für die US-Streitkräfte auf Werbetour geschickt werden um milliardenschwere Kriegsanleihen an den zunehmend kriegsmüden Bürger zu bringen. Eine bisweilen grotesk anmutende Friedensmission, die für die drei unfreiwilligen Prominenten zunehmend befremdlich und verstörend wirkt angesichts des zuvor erlebten Grauens. Dieses bleibt in den Köpfen präsent, lässt die jungen Soldaten immer wieder aus dem Schlafe aufschrecken - und in genau diesen bitteren Momenten schwenkt Eastwoods Erzählfokus wieder zurück in das gnadenlose Inferno am Strand des trostlosen Pazifikeilands vor der Küste Japans.
In fahlen, direkten Bildern fallen die Marines im Dutzend, gehen Amphibienpanzer in Flammen auf, zerfetzen Artilleriegranaten die schutzlos am Strand festsitzenden Männer. Nur unter größten Opfern gelingt letztlich die Erstürmung des Suribachi - ergeben hatte sich nahzu keiner der japanischen Verteidiger. Die Ehre gebot stattdessen den Freitod.
Die FSK12-Freigabe der deutschen Kinofassung verwundert angsichts des Gezeigten durchaus, kann der Härtegrad doch mühelos mit dem bereits wegen seiner FSK16-Einstufung kritisierten "James Ryan" mithalten. Verstümmelte Körper, abgetrennte Extremitäten, zersiebte Körper - all das gibt es bei "Flags" in reichlicher Menge zu sehen.
Zuvor dürfen nach gängigem Muster US-Schiffsartillerie und Jagdbomber die Insel umpflügen. Auch wenn hier sicher vieles dem Computer entwachsen ist, es sieht schon verdammt gut aus! Allein schon die vor Iwojima ankernde US-Armada wirkt durch ihre imposante Größe schlicht beeindruckend.

Trotz allem: Die klasse inszenierte und niemals übertrieben oder verherrlichend erscheinende Action dominiert den Film zu keinem Zeitpunkt. Hier gibt es keinen Scharfschützen, der nur des Effektes wegen per Kopfschuss spektakulär aus dem Weg geräumt werden muss, keine stumpf ins Sperrfeuer rennenden Feindeshorden und auch keine unverwundbaren Helden. Es gibt einzig das dreckige Sterben auf beiden Seiten, oft genug Auge in Auge mit dem noch zuckenden Feind.
Wer aus der Hölle zurückkehrt, ist gezeichnet fürs Leben. Und nicht wenige scheitern an der Rückkehr in die Zivilisation. "Flags of our Fathers" zeigt dies eindrucksvoll am Beispiel des Indios Ira, der ohnehin schon mit seiner Randgruppenstellung in der Gesellschaft zu kämpfen hat. Eine Gesellschaft, in der noch rassische Vorurteile den Alltag dominieren und eine unbedeutende Flagge auf einem unbedeutenden Stück Felsen irgendwo im Pazifik wahre Begeisterungsstürme entfacht. Die zu tausenden für diese Fahne gefallenen Marines werden sie ja niemals zu Gesicht bekommen...

Hollywood-Legende Clint Eastwood gelingt das, was entscheidend für einen wirklich guten Antikriegsfilm ist: Er verbindet das Kriegsgrauen mit Einfühlsvermögen und Gesellschaftskritik - wahrt trotzdem erzählerische Distanz zum Geschehen.
Ein tolles und auch weitgehend funktionierendes Konzept, das jedoch an kleinen Unreinheiten krankt. Zumindest für meinen Geschmack präsentiert sich "Flags" passagenweise etwas holprig bis zäh. Es fehlt meiner Ansicht nach der letzte Feinschliff im Erzählfluss, insbesondere im sehr ausladenden, gefühlsbetonten Endteil.
Sicherlich auch nicht ganz glücklich ist die Besetzung der etwas blass bleibenden Hauptdarsteller Paul Walker, Ryan Phillippe und "Indio" Adam Beach. Letzterer überzeugt noch am ehesten als gebrochener, dem Alkohol verfallender Soldat. Gerade Phillippe fehlt jedoch eindeutig die nötige Ausstrahlung und Leinwand-Präsenz um in einem solch gewichtigen Stück Kino die Hauptrolle angemessen verkörpern zu können.

Fazit: Ein beeinduckendes Stück Kino, dem die 8 Wertungspunkte nur hauchdünn verwehrt bleiben. Ich bin mir sicher, dass der Perpektivenwechsel "Letter from Iwo Jima" die kleinen Schönheitsfehler der US-Darstellung vergessen machen wird und mit einem bisher aus Hollywood nicht gekannten Filmerlebnis glänzen wird. Ein Stück Zeitgeschichte jenseits traditioneller Schwarz-Weiss Zeichung, wertneutral und sachlich von beiden Seiten beleuchtet. Aspekte, von denen ein "James Ryan" bestenfalls nachts träumen kann...

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